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Weblegenden: Das Geheimnis der Layne Johnson

Von Ansbert Kneip

Drei Jahre lang führte sie ein Online-Tagebuch, ein Weblog. Rund 5000 Besucher verfolgten regelmäßig, was im Leben der Layne Johnson geschah, bis Anfang Juni das Tagebuch plötzlich endete. Wo war Layne geblieben, was war passiert? Ihre Netz-Freunde starteten eine gemeinsame Recherche - und erlebten eine Überraschung.

Wer ist Layne Johnson? Wo ist Layne Johnson? Gibt es Layne Johnson?

Wer ist Layne Johnson? Wo ist Layne Johnson? Gibt es Layne Johnson?

Layne Johnson verschwand am 8. Juni dieses Jahres, da war sie Ende zwanzig, eine gut bezahlte Informatikerin aus St.Paul, Minnesota. Auf Fotos sieht man ein ausgesprochen schönes Gesicht mit einer lustigen Lücke zwischen den Schneidezähnen. Layne war lesbisch, sie hatte wechselnde und oft schwierige Beziehungen sowie - trotz der sexuellen Orientierung - eine heimliche Schwäche für David Beckham.

Mit einem schwarzen VW-Käfer fuhr Layne abends in die Stadt, um in jenen Kneipen herumzuhängen, die ihr einen kosten- und drahtlosen Zugang zum Internet boten. Unter dem Namen Plain Layne schrieb sie dort ihr Online-Tagebuch, einen Weblog mit zuletzt gut 5000 Besuchern am Tag.

Und Layne konnte schreiben. Schonungslos legte sie ihr Leben und ihre Gefühle offen, ihre Fans schätzten die drastische und direkte Sprache, sie fühlten mit ihr, wenn wieder einmal eine Beziehung zerbrach oder eine Affäre begann. Anders als viele andere Online-Tagebuchschreiber langweilte Layne niemals, sie hatte etwas zu erzählen. Die Leser erfuhren von einer furchtbaren Vergewaltigung oder davon, wie Layne, die als Kind zur Adoption freigegeben war, zum ersten Mal ihre leiblichen Eltern traf. Offenbar gab es nichts, was sie in ihrem Tagebuch verschweigen würde.

Die Seite verschwindet

Layne war jemand, den man sich als Freundin wünschte, und viele, die ihre Seite regelmäßig besuchten, glaubten, Layne sei ihre Freundin, sie hielten E-Mail-Kontakt oder chatteten per ICQ. Aber vor ein paar Wochen, am 8. Juni, war Laynes Weblog plötzlich weg. Statt der gewohnten Seite fanden die Fans nur eine mysteriöse Nachricht in einer fremden Sprache - polnisch, wie sich herausstellte. Wegen Wartungsarbeiten am Server sei die Seite zurzeit nicht erreichbar, hieß es da.

Das war merkwürdig, denn Laynes Weblog lag auf einem amerikanischen Rechner, für polnische Fehlermeldungen gab es dort keinen sinnvollen Grund.

Die engsten Freunde Laynes trafen sich nun regelmäßig auf der Seite eines anderen Bloggers. Sie konnten sich nicht erklären, warum ihre Heldin auf einmal schwieg. Die einfachste Möglichkeit das herauszufinden, wäre es, einfach bei ihr anzurufen. Denen, die sich für gute Freunde Layne Johnsons hielten, und die nun zum ersten Mal auch untereinander chatteten, fiel jetzt etwas Merkwürdiges auf: Keiner von ihren besaß Laynes Telefonnummer oder Privatadresse.

Spurensuche

Jeder hatte in den letzten Jahren schon einmal versucht, mit Layne Kontakt aufzunehmen, sie in einem Cafe zu treffen, mit ihr zu telefonieren oder auf der Durchreise mal vorbeizuschneien. Aber jedes Mal war etwas dazwischen gekommen, alle Kontaktversuche waren knapp gescheitert. Keiner ihrer Fans hatte Layne Johnson je leibhaftig zu Gesicht bekommen oder auch nur ihre Stimme gehört. Man konnte nicht einmal sicher sein, ob es sie überhaupt gab.

Die Fans begannen nun zusammenzutragen, was sie über Layne Johnson im Gedächtnis trugen. Layne hatte so lebendig und konkret über Kneipenbesuche, Bekannte und Firmen geschrieben, irgendwo in diesen Informationen musste doch ein Hinweis versteckt sein, irgendwie müsste man sie doch identifizieren können.

Auf der Webseite ließ sich nichts mehr nachlesen, die war gelöscht. Aber es gab ja Google, die Suchmaschine mit der Archivfunktion. Und da viele PC in ihrem Cache eine Kopie aller besuchten Seiten aufbewahren, suchten die Fans auch auf ihren eigenen Rechnern nach Info-Bruchstücken. Stück für Stück puzzelten sie Laynes Tagebuch wieder zusammen. "Gespenstisch", fand einer der Beteiligten das Herumsurfen auf den wieder gefundenen Seiten: "Als ob man durch das Haus eines Toten läuft".

Die doppelte Layne

Noch gespenstischer aber war eine andere Endeckung: Gab man bestimmte Ausdrücke, die Layne in ihrem Weblog verwendet hatte, bei Google ein, "the open veins of my life" zum Beispiel, dann fand Google eine andere Quelle: Ebenfalls einen Weblog, ebenfalls von einer Frau aus Minnesota, aber älter als das Tagebuch von Layne. "Acanit" war der Name der Schreiberin. Ihr Stil erinnerte stark an den von Layne, es gab ein paar Ähnlichkeiten in der Biographie, aber auch Unterschiede. Auffällig war: Acanits Tagebuch endete 2001, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als Laynes Weblog begann.

Die beiden mussten sich kennen, das war klar. Vielleicht waren sie mal ein Paar gewesen, hatten gemeinsam gebloggt, bis nach der Trennung nur Layne noch weiter schrieb? Vielleicht waren sie aber auch ein und dieselbe Person, und "Acanit" war nur die Stilübung für Layne gewesen. Womöglich aber gab es auch Layne gar nicht persönlich und das ganze großartige Tagebuch war nur das Projekt einer Gruppe von Schreibern.

...oder doch eher keine?

Was würde das für Laynes Fans bedeuten? Wäre das, was bisher als hervorragende Lektüre galt, nun auf einmal schlecht, nur weil das Tagebuch sich als Fake erweist? Sie mussten doch wissen, dass dies hier nur das Internet ist, in dem alles wahr, aber auch alles Lüge sein kann.

Am Ende, nach ein paar Wochen Recherche, half der Zufall: Ein Blogger namens Mitch Berg schrieb, er sei sich zu 99 Prozent sicher, dass er Plain Layne kenne: "Ich hab's. Ich kann es nur nicht verraten."

Laynes Fans googleten nun nach Mitch Berg, ihrem geheimnisvollen Tippgeber. Sie fanden heraus, das Mitch mal bei einem gescheiterten Dotcom gearbeitet hatte - der Laden gehörte damals jemanden mit dem Namen Odin Soli. Und die Netzrecherche nach diesem Odin Soli brachte den ersten Zusammenhang zwischen der Netzfigur Plain Layne und einem Menschen aus dem Real Life: Unter dem Titel "Burying Aunt Inga" hatte Layne im Juli 2003 in ihrem Onlinetagebuch von einer Beerdigung berichtet - laut Netzrecherche hatte im wirklichen Leben Odin Soli daran teilgenommen.

Kopf gebiert Mensch

Soli lebte in Minnesota, genau wie die angebliche Layne Johnson. Soli war IT-Manager, genau wie Layne. Soli sprach spanisch, genau wie Layne. In einem Lebenslauf Solis heißt es außerdem: "Odin Soli ist auch Schriftsteller."

Die lesbische Managerin, die Affären, die Vergewaltigung, der schwarze VW-Käfer - alles erfunden. Odin Soli war Plain Layne.

Die Frage ist, warum? Warum führt jemand jahrelang eine Nebenexistenz als jemand anderes? Schreibt E-Mails, gibt Ratschläge, schreibt Geburtstagsgrüße und erfindet ein Leben, an dem andere Leute teilhaben wollen?

Manche Leser hätten von Anfang an den Verdacht gehabt, dass Layne eine fiktive Figur sei, sagte Soli jetzt in einem Interview. Soli, ein 35-jähriger Familienvater, verheiratet, aus der Nähe von St. Paul, fand es einfach nur reizvoll, einen möglichst echten Charakter zu erschaffen. Seine erste Figur, Acanit, war noch aus lebendigen Vorbildern zusammengesetzt, Layne hingegen reine Erfindung. Was ihr geschah, was sie jeden Tag so trieb, ließ Odin Soli sich oft von den Lesern diktieren: Die Kommentare zu den Tagebucheintragungen brachten ihn immer wieder auf neue Ideen.

Ein paar mal schon wollte er Plain Laynes Seite sterben lassen, das Projekt fraß zu viel Zeit und Energie: "Ich hab ja auch noch eine Frau und zwei Kinder."

Für einige der Fans ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Manche glauben, dass Soli nur die halbe Wahrheit sagt. Irgendwo, so meinen sie, müsse es die wahre Layne Johnson noch geben. Stoff für Spekulation ist vorhanden.

Immerhin hat Odin Soli sich bisher geweigert, eine bestimmte Frage zu beantworten: Wer ist die schöne Frau mit der lustigen Zahnlücke auf den Fotos?

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