Weblogs Von Matt entschuldigt sich bei den "Klowänden des Internets"

Nachdem Werbeguru Jean-Remy von Matt Weblogs als Klowände des Internets bezeichnet hatte, kochte es in der Blogosphäre. Jetzt hat sich von Matt für seine derben Worte entschuldigt. Ein Lehrstück über die wachsende Macht der Online-Community.

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Zugegeben, die Kampagne "Du bist Deutschland" ist nicht jedermanns Geschmack. Sie ist sicher mutiger und besser als vieles, was bisher auf diesem Feld in Deutschland gemacht wurde. Gegen die deutsche Miesepetrigkeit sei sie gerichtet, erklärte Jean-Remy von Matt - einer der kreativen Köpfe der Kampagne.

Jean-Remy von Matt: Sind Blogs Klowände?
DPA

Jean-Remy von Matt: Sind Blogs Klowände?

Doch das Echo - vor allem in den Blogs, war überwiegend negativ - teilweise sogar vernichtend. Es handle sich um eine Mischung aus neuem Nationalismus und Neoliberalismus, hieß es, diffuses Wir-Gefühl solle als Sozialkitt dienen. Als dann auch noch das Foto eines Spruchbands aus der Nazizeit auftauchte, auf dem "Denn du bist Deutschland" zu lesen war, war die Kampagne in der Online-Community endgültig durchgefallen.

Jean-Remy von Matt war erbost darüber, dass seine Arbeit und die seiner Mitarbeiter auf diese Weise angegriffen wurde und schrieb eine Mail an seine Kollegen. Die Miesepetrigkeit komme "glücklicherweise nur von den Gruppen, von denen man nichts Besseres erwarten konnte", hieß es darin: von den Werbekollegen, von den Weblogs, die von Matt als "Klowände des Internets" bezeichnete, und von den "intellektuellen Journalisten".

"Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?", schrieb der Gründer der Agentur Jung von Matt, in Anspielung auf Blogger. Journalisten hätten im Unterschied dazu immerhin eine nachweisbare Leserschaft.

Die interne Mail, die an Blogger durchsickerte und umgehend veröffentlicht wurde, schlug in der Blogosphäre ein wie eine Bombe. Kein Wunder: Wer lässt sich schon gern als Klowand-Beschrifter beschimpfen? Dass von Matt den Online-Tagebuchschreibern nebenbei auch noch das Recht zur freien Meinungsäußerung absprach, brachte die Diskussion in der Blogosphäre zum kochen. Der Begriff Klowände wurde zu einem der meistgesuchten Wörter im Blogverzeichnis Technorati.com.

"Wer austeilt muss auch einstecken können."

Das lautstarke Feedback der Blogger dürfte von Matt überrascht haben - und veranlasste ihn Anfang der Woche, eine Art Richtigstellung zu schreiben. Unter anderem an Jens Scholz, der die interne Mail in seinem Blog veröffentlicht hatte.
"Wer einen Fehler macht, sollte sich entschuldigen", schreibt der Werber. "Wer austeilt muss auch einstecken können." Die Klowände seien ein Symbol für "das Anpinkeln und Verpissen - für Meinungsäußerung im Schutz der Anonymität".

Es tue ihm leid, dass er das Recht auf freie Meinungsäußerung unbedacht in Frage gestellt habe. "Ich hatte mich halt aufgeregt!" Er habe mit der Mail seinen Mitarbeitern Zuspruch geben wollen, die durch die "berechtigte oder unberechtigte Kritik an einer Kampagne" verunsichert worden seien.

Dann wird von Matt sehr persönlich: "Vielleicht klang auch etwas Neid auf euch durch, da die Form von Meinungsäußerung, die ich als Werbetexter seit über 30 Jahren betreibe, alles andere als frei ist: Jedes Wort wird vor der Veröffentlichung lange abgewogen, mit Auftraggebern verhandelt und dann noch repräsentativ auf seine Wirkung getestet."

Die virale Kraft der Blogosphäre

Diese Worte aus der Feder eines der erfolgreichsten Werbetexters Deutschlands dürften zumindest bei einigen Bloggern für eine gewisse Genugtuung gesorgt haben. Und er legte noch mit versöhnlichen Worten nach: Natürlich hätten viele Weblogs einen ernsthaften Ansatz. "So haben mich die meisten Eurer Beiträge sehr inspiriert und mir die virale Kraft dieser Medienform bewusst gemacht."

Das könnte in den Ohren der Blogger schon fast wieder wie eine Drohung klingen: Will von Matt Weblogs künftig in die Konzeption von Werbekampagnen mit einbeziehen? Wie dem auch sei, der Streit hat gezeigt, dass Blogger mittlerweile auch in Deutschland eine gewisse Meinungsmacht besitzen. Was die Klickzahlen betrifft, können es Weblogs zwar nicht einmal mit Regionalzeitungen aufnehmen, geschweige denn mit überregionalen Angeboten. Aber es kommt eben nicht nur auf die bloße Zahl der Leser an.



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