Webtipp: Die Chronik der skurrilsten Netz-Späße

Von

Das Internet-Orakel, der Tourist Guy und viele dicke Katzen, die ganz schlechtes Englisch sprechen - über diese Web-Phänomene lachten Millionen. Ein neues Online-Archiv sammelt die absurdesten Späße - eine Zeitleiste das abseitigen Online-Humors.

Die Schneeeule linst nach rechts zu Paris Hilton hinüber und fragt: "Ach wirklich?" Die Millionenerbin spricht im Badeanzug über ihre mögliche Kandidatur fürs Amt der US-Präsidentin. So sieht es aus, wenn der Webdienst Dipity die skurrilsten Web-Phänomene der vergangenen fünf Jahre in einer bildschirmbreiten Zeitleiste zusammenfasst.

Diese Sammlung der sogenannten "Internet Memes" verknüpft Fotos, Videos und kurze Passagen aus Wikipedia-Artikeln. Neben alten Bekannten sind hier auch einige Web-Phänomene zu finden, die schon ein halbe Netzewigkeit zurückliegen und damals schon eher in eingeschworenen Gruppen die Runde machten.

Zum Beispiel die Schneeeule: Sie fragt in Kürzel-Englisch "O RLY?", eine Abkürzung für "Oh, really?". Also ein spöttisches "Ach, wirklich?" oder "tatsächlich". Diese Redewendung, so erzählt es Wikipedia, tauchte zuerst im August 2003 in Forendebatten auf der Satireseite "Something Awful" auf - meist als schnippische Zwei-Wort-Antwort-Reaktion auf widersprüchliche oder das Offensichtliche erklärende Beiträge.

Dieses höhnische "O RLY" pappte dann ein Scherzbold im berüchtigten Webforum 4Chan auf das Foto der erstaunten Schneeeule - fertig war das Web-Phänomen. Nach demselben Prinzip funktionieren die sogenannten Lolcats-Fotos, deren erste Sichtung im Web die Chronik von "Internet Memes" 2006 verortet. Damals stellte der US-Programmierer Eric Nakagawa das Foto einer schwarzen Pummel-Katze, die mit großen Augen und halboffenem Mund an der Kamera vorbeistarrt, ins Web - versehen mit dem kruden Satz: "I can has Cheezburger?" - zu deutsch etwa "Ich kann haben Cheezburger?"

Nach diesem Prinzip "niedliche Katzenfotos, absurde Sprüche, viele Grammatikfehler" aufgebaute Fotos haben inzwischen eine riesige Fangemeinde im Web - Nakagawas Seite rufen täglich gut 200.000 Besucher auf.

In der Zeitleiste der "Internet Memes" tauchen viele solcher alten, inzwischen sehr populären Web-Phänomene auf. Zum Beispiel das Failblog, in dem regelmäßig Fotos das Versagen armer Tollpatsche dokumentieren, oft garniert mit gehässigen Kommentaren. Oder Gary Brolsma, der vor vier Jahren zu einem billigen Eurodance-Liedchen in eine Webcam "Ma-ia-hii, mai-ia-huu, mai-hoo, ma-ia-haha" trällerte, das Filmchen bei Youtube einstellte und 700 Millionen Fans fand.

Diese Zeitleiste der Internet-Memen hat ein Nutzer der Web-Plattform Dipity erstellt. Mit diesem kostenlose Web-Werkzeug lassen sich Artikel, Fotos, Videos und RSS-Feeds ganz einfach in einem schicken, Flash-animierten Zeitstrahl sortieren und dann auch auf anderen Seiten im Web einbinden (siehe unten) - ganz ähnlich wie bei Youtube-Clips.

Diese Dipity-Chroniken können mehrere registrierte Nutzer ergänzen und bearbeiten. Bei den Internet-Memen funktioniert das bislang ganz gut: Man findet derzeit viele sinnvolle Ergänzungen und keinen Kommentar-Vandalismus. Die Sammlung beginnt derzeit 1976 - mit dem "Internet Orakel", bei dem im Netzwerk einer US-Universität eine Spaß-Software die Fragen an das Orakel mit anonymisierten Fragen anderer Nutzer beantwortete. Die erste Kaffeemaschinen-Webcam (1993!) verzeichnet die Mem-Sammlung auch schon.

Nur die Mem-Chronik selbst fehlt derzeit noch auf dem Zeitstrahl - aber bei bislang einer Viertelmillion Seitenaufrufen könnte das noch werden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Mem-Maschine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Mem-Maschine: Die absurdesten Web-Phänomene


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.