Webtipp Hunger und Humor

Hilfsorganisationen haben es zunehmend schwerer, mit ihren Kampagnen Aufmerksamkeit zu erregen. World Vison Australia zeigt, wie man es schafft: Mit einem fünf Minuten langen Spot bei YouTube, der eine ernsthafte Debatte über Reichtum und Elend entfacht - und darüber, was wichtig ist im Leben.


Die arme Erin, 15, leidet, denn heute muss sie den Geschirrspüler ausräumen - und dass, nachdem sie schon ihre Cornflakes trocken essen musste, weil Mama keine Milch im Supermarkt nebenan gekauft hat. Der dreizehnjährige Red versinkt derweil in Depression, weil er es im Gegensatz zu seinen Kumpels nicht schafft, seine Gaming-Fähigkeiten zu verbessern: Seine Playstation 2 steht als Menetekel seines Elends noch immer neben dem Fernseher, während seine Freunde längst mit der PS3 daddeln. Weit weg, irgendwo in der sogenannten Dritten Welt, spielen zugleich ihre Altersgenossen mit Bombensplittern - oder verhungern schlicht.

Klingt das moralinsauer? Ist es aber nicht: Erin und Red sind die armen, gebeutelten Helden eines satte fünf Minuten und zwanzig Sekunden langen Benefiz-Videos bei YouTube, mit dem eine Hilfsorganisation zu Spenden aufruft.

Das Besondere daran ist nicht nur, dass sich in nur vier Tagen über 200.000 meist junge YouTube-Nutzer freiwillig einen Spendenaufruf ansahen; dass der Film dort eine Diskussion anfachte mit Tausenden von Beiträgen über Fragen wie Elend, Reichtum und darüber, was wirklich wichtig ist im Leben; sondern vor allem, dass er enorm witzig und zugleich bewegend ist. "Teenager-Reichtum verbreitet sich schnell", so der reißerisch-ironische Titel, greift zum Mittel der Satire, hält den Wohlstandskindern den Spiegel vor - und nimmt sie ganz gehörig auf die Schippe. Gründlicher könnte der Bruch mit den Konventionen des Hilfeaufrufs kaum ausfallen.

Denn der setzte bisher fast ausschließlich auf Bilder des Elends.

Dafür, dass Bilder hungernder Kinder uns zu Spenden und anderen Hilfsleistungen animieren, gibt es mehr als eine Erklärung. Optimisten sehen da den Altruismus walten: Mitleid motiviere uns zu selbstlosen Akten, weil auch das zum Grundgerüst unserer Psyche wie Kultur gehöre. Pessimisten entdecken darin eher das bohrend schlechte Gewissen. Pragmatiker und Praktiker aber wissen: Egal, was da wirkt - es wirkt immer weniger.

Spendennot: Viel Blut und Tod, viel Geld

Der Appell an Mitleid oder Gewissen zieht nicht mehr, wie er es früher einmal tat. So, wie heute selbst die täglichen Nachrichten über von irren Selbstmordattentätern verübte Massaker emotionslos versickern, solange die Opfer nur weit genug entfernt sterben, so werden auch Bilder des Elends zunehmend ausgeblendet und weggezappt. Es braucht heute schon einen Tsunami mit Hundertausenden von Toten, um die Weltöffentlichkeit zu schocken und zu bewegen.

Kein Wunder. Die Allgegenwart medialer Berieselung ertränkt uns nicht nur in Information, sie gibt uns auch jederzeit die Möglichkeit, das Unangenehme zu vermeiden. Als Fernsehbilder Ende der Sechziger mit Berichten über den Biafra-Konflikt erstmals das totale Elend eines Krieges in die Wohnzimmer trugen; als sich satte Europäer mit den Albtraumbildern verhungernder Kinder mit geblähten Bäuchen konfrontiert sahen, da war diese Flucht nicht möglich: Zappen beschränkte sich auf zwei, höchstens drei Kanäle. Davon ab: So etwas war neu - und auch Grauen fasziniert.

... während alltägliches Elend nicht interessiert

Heute, klagen Hilfsorganisationen, flute die Hilfe nur noch kurz und heftig, wenn wirklich große Katastrophen geschähen. Der kleine, tägliche Tod Tausender Individuen interessiert nicht mehr, geht unter im Rauschen. Die Welt ist halt so. Der Benefiz-Spot in TV oder Kino verpufft mit seinen Appellen, weil der Zuschauer auf die eine oder andere Art abschaltet, wenn ihm die Bilder nicht passen. Der mediale Mensch sucht sich aus dem Info-Rauschen nur die Häppchen, die er gerade braucht. Elend braucht niemand.

Da grenzt es schon fast an eine Sensation, was der respektlose Hilfeaufruf des australischen Arms der Hilfsorganisation World Vision schafft. Ausgerechnet auf einer der oberflächlichsten aller Bespaßungs-Plattformen im Web bindet er Zuschauer über eine Distanz, die ein Vielfaches der normalen Spot-Länge ausmacht. Hundertausende von Kids lassen sich trotzdem ganz freiwillig darauf ein - und diskutieren ernsthaft über das Thema.

Einer durch und durch ironischen Generation ist eben vor allem mit Ironie beizukommen. Hoch zufrieden ist jedenfalls Adam Valvasori, Kopf der Jugendabteilung Stir your world! von World Vision Australia: "Das Echo war überwältigend." Der Lakmustest, wie viel Wirkung solch ein Konzept wirklich hat, steht ihm aber noch bevor: Das Video ist ein Aufruf, an einer Aktion vom 17. bis 19. August teilzunehmen. Auch die wird ihren Teilnehmern einen Bruch mit den sonstigen Gewohnheiten abverlangen: Es geht darum, 40 Stunden lang um Spenden zu fasten.

pat



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