S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Weihnachtsbotschaft an die Tempokritiker

Weihnachten ist die Zeit der Mahner: Alles geht ihnen zu schnell - und schuld ist das Internet. Doch das ist zu kurz gedacht. Wer Beschleunigung kritisiert, muss auch den Kapitalismus einbeziehen.

Eine Kolumne von


Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit. Besinnlichkeit im Internet zu finden ist so wahrscheinlich wie eine Pegida-Demonstration in Mossul. Es gibt keine digitale Besinnlichkeit, so wie es auch keinen Sessel zum Joggen gibt. Denn man kann im Internet alles tun außer nichts. Das ist schlimm, jugendverderbend und präapokalyptisch, wenn man Wolfgang Herles folgt.

Der ZDF-Kulturredakteur schrieb unter der Überschrift "Wir zwitschern uns zu Tode" am 7. Dezember, nicht zufällig zu Beginn der adventlichen Zeit der Besinnung also: "Verbunden mit der ganzen Welt, verlieren wir zugleich den Blick fürs Hier und Jetzt." Wer in gesellschaftsdiagnostischen Aufsätzen "wir" schreibt, meint in den meisten Fällen sich selbst, aber natürlich kann Herles in diesen Dingen nicht als ernsthaft satisfaktionsfähig gelten. Vielmehr ist die klassisch kulturpessimistische Position hier nur eine Pose der Selbstvergewisserung: Ein Fernsehmann freut sich, dass sein jahrzehntelang als hektisches Weltuntergangsgeflimmer gescholtenes Medium jetzt endlich durch etwas scheinbar noch hektischeres ersetzt wird. Dass ausgerechnet TV-Leute sich mit geborgten Neil-Postman-Argumenten über die vermeintlich fehlende Tiefe der sozialen Medien beschweren, ist eine wunderschöne Absurditätsblüte der digitalen Neuzeit. Endlich ist ein Nachbar in die Kellerwohnung unter dem eigenen Souterrain eingezogen, damit man auf jemanden herabsehen kann.

Die Grundkrankheit aller Deutschen

Eine der zahlreichen Gegenspielerinnen der Besinnlichkeit ist die Beschleunigung. In Herles' beschaulicher Besinnungsglosse in perfekter Smartphone-Länge (431 Wörter) wird sie umrissen mit den Begriffen "süchtig nach Anschluss", "rastlos" und "kurzatmig". Darin spiegelt sich das Problem der platten, uninformierten Beschleunigungskritik: sie krittelt aus höchst subjektiver, aber vermeintlich objektiver Perspektive an den Dingen herum, die man selbst als "jetzt aber wirklich zu schnell" empfindet. Nebenbei ist das die Grundkrankheit fast aller deutschen Debatten um die digitale Sphäre, sowohl der Internetskeptiker wie auch der Netzoptimisten - ohne es zu bemerken oder bemerken zu wollen, werden das eigene Umfeld und das eigene Erleben zum gesellschaftlichen Standard erklärt.

Die Sache mit der Beschleunigung ist nicht so einfach, wie in Herles' Parodie wider Willen beschrieben. Aber leider auch nicht so leicht, wie ich in einer nicht besonders zuendegedachten Kolumne 2011 (der dritten Mensch-Maschine; diese hier ist die zweihundertste) schrieb, wo ich den reaktionären Fetisch der Langsamkeit verdammte. Auch daran krankt die deutsche Digitaldebatte, Widerspruch um des Widerspruchs Willen. Und weil einem die Antagonisten so unsympathisch erscheinen, dass sie nicht recht haben können, weil sie nicht recht haben sollen.

In der Zeitschrift "Economist" ist zu Weihnachten ein langer Artikel (4432 Wörter) über das Zeitempfinden erschienen. Er geht der Frage nach, warum seit Jahrzehnten immer mehr zeitsparende Technologien entwickelt werden, aber das Gefühl der hektischen Betriebsamkeit trotzdem zuzunehmen scheint. Ein Teil der Antwort liegt in einer Verbindung begründet, die sich laut "Economist" im 18. Jahrhundert ergab, als die Uhrzeit zur Grundlage der Arbeitssynchronisation gemacht wurde. "Zeit ist Geld" ist nicht bloß ein Spruch, sondern Ausdruck des wichtigsten Betriebssystems der Gesellschaft, der Zeit im Produktionssinn.

Die Beschleunigung der Gesellschaft

Joachim Radkau beschreibt in dem famosen Buch "Das Zeitalter der Nervosität", wie die frühe Industriegesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine neue urbane Produktqualität hervorbrachte. Waren und Dienstleistungen wurden angepriesen, indem sie mit dem Wörtchen "schnell" kombiniert wurden, es entstanden Schnellbleiche, Schnellgerberei, Schnellpost, Schnellpresse und viele andere Schnelligkeiten. Es gibt kaum etwas zeitloseres als die Beschleunigung der Gesellschaft und die Klage darüber, der Zisterziensermönch Conrad Leontorius schrieb um 1500 von der "mannigfaltigen und verwerflichen Hetze des Druckens, die fast für alle oberstes Gesetz ist." Wahrscheinlich führte bereits die Erfindung des Rades zur Empörung über die Beschleunigung in der damaligen Fußgängergesellschaft.

Der Zeitsoziologe Hartmut Rosa, ohne dessen Erwähnung kein populärwissenschaftlicher Text über Beschleunigung in deutscher Sprache verfasst werden darf, schrieb 2005, "die Aufführungsdauer von Ibsens "Rosmersholm" sei in weniger als einem Jahrhundert von vier auf unter zwei Stunden gesunken." Sogar das skandinavische Dialogdrama der Alltagstraurigkeit, quasi das Hochamt des Rückzugs in das Selbst, ist schneller und schneller geworden. Und zwar ganz ohne Internet. Was aber natürlich das Netz nicht entlastet im Sinn der Klage, die Welt beschleunige sich ungesund.

Jede Beschwerde über das Internet ist heute eine verkappte Beschwerde über die Gesellschaft selbst. Wenn in dieser Kolumne eingangs steht, es gäbe keine digitale Besinnlichkeit, muss das als Symptom einer jahrhundertelangen Technologieentwicklung betrachtet werden. Denn die Beschleunigung ist real, wie auch der damit einhergehende Effizienzdruck durch den hypervernetzten Kapitalismus real ist. Das Internet ist nur ein weiterer Beschleunigungsimpuls einer Gesellschaft, die schon zuvor Fortschritt als Mischung aus Vereinfachung und Geschwindigkeit betrachtete. Deshalb ist Beschleunigungskritik ohne Kapitalismuskritik Unfug, egozentrisches Lamento, generationenbezogene Selbstgerechtigkeit. Besinnlichkeit, Besinnung, kurz zu Weihnachten Pause machen, mal das Smartphone aus der Hand legen, halte ein, hektische Jugend! Aber den Rest des Jahres gefälligst die Rentenkasse auffüllen.

tl;dr:

Die besinnliche Weihnachtszeit lädt zur Verdammung der Geschwindigkeit ein. Aber Beschleunigungskritik ohne Kapitalismuskritik ist Quark.

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insgesamt 42 Beiträge
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noalk 24.12.2014
1. Protestantismus
Teil des Protestantismus ist angeblich die Forderung, der Mensch solle nicht unnütz unmüßig herumsitzen, sondern stets fleißig sein und schaffen - carpe diem. Ist das die Basis des Kapitalismus? Dann ist aber Beschleunigungskritik ohne Kapitalismuskritik ohne Protestantismuskritik Quark. P.S.: Mit dem Computer geht alles schneller. Es dauert nur länger.
Inspektor Harry Callahan 24.12.2014
2. Zeitwettbewerb
Entgegen der Annahme von Sascha Lobo ist die "Epidemie des Zeitwettbewerbs" sehr viel jüngeren Datums als die viel ältere kapitalistische Taktung der Produktion vermuten lässt. Stalk/Houts Studie für die Boston Consulting Group über "Zeitwettbewerb" war im Jahr 1990 die erste internationale Studie, die der Zeit als Wettbewerbsdimension eine herausragende Stellung zubilligte. Zuvor war "Zeit" keine Determinante der Wettbewerbstheorie. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber diese Studie war natürlich eine Reaktion auf die japanische Herausforderung in den 1980er Jahren bezüglich "Networking", "Lean-Production", "Systemische Rationalisierung" und "Just-in-Time"-Produktion. Viel Neues ist in diesem Zusammenhang in den darauf folgenden 25 Jahren auch nicht mehr gekommen, so daß dieses Buch in der Hand von unfähigen Managern auch heute noch in der Lage ist Unheil anzurichten. In diesem Zusammenhang kann man auch erwähnen, dass ein Begriff wie "Hyperwettberwerb" erstmals in den 1990er Jahren Eingang in die BWL gefunden hat. Es gibt daher sehr viele verschiedene "Kapitalismen" und spätesten seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre hat bezüglich des Zeitwettbewerbs ein Quantensprung stattgefunden. Natürlich hat Sascha Lobo recht, wenn er sagt, dass das Internet, nicht Schuld an dieser Entwicklung ist, es wirkt aber wie ein Brandbeschleuniger.
Josephk76 24.12.2014
3. Protestantismuskritik
Zuerst einmal finde ich die Kolumne gelungen. Das Internet ist nicht isoliert zu betrachten, sondern das gesellschaftliche, politische und vor allem ökonomische Umfeld muss immer mitbedacht werden. Eine Einsicht, die der Autor m.E. aber auch in seinen anderen Artikeln stärker beherzigen sollte. Zum Protestantismus ist zu sagen, dass Max Weber die calvinistische Prädestinationslehre als die Triebfeder für die Entstehung des Kapitalismus ansah. Wird aber wie jede monokausale Begründung der Wirklichkeit nicht ganz gerecht. Zumindest sieht man das heute so.
wibo2 24.12.2014
4. Die Entdeckung der Schnelligkeit
"Kritik an Beschleunigung: Weihnachtsbotschaft an die Tempokritiker Weihnachten ist die Zeit der Mahner: Alles geht ihnen zu schnell - und schuld ist das Internet. Doch das ist zu kurz gedacht. Wer Beschleunigung kritisiert, muss auch den Kapitalismus einbeziehen." (SPON) Der vorliegende Artikel des guten Sascha Lobo kann über die Festtage zum Ausgangspunkt eines Ausflugs in das eigene Bewusstsein werden, in der die Auseinandersetzung mit der Zeit die eigentliche Rolle spielt. Die Zeit läuft immer schneller kommt mir vor. Wer den Wunsch nach einer anspruchsvollen Lektüre hat, die den Leser miteinbezieht, ihn zu Fragen Stellung nehmen lässt, und ihn mitunter auch vor Schwierigkeiten stellt, Perspektivenwechsel oder Gedanken des Autors nachzuvollziehen, kann einmal mehr mit dieser "Weihnachtsbotschaft an die Tempokritiker" viel Vergnügen haben. Wir sind heute wieder vor einem Sprung in ein neues Zeitalter, in einem neuen Jahrtausend. Das Problem der Schnelligkeit ist einfach der Verzicht auf Betrachtung von Einzelheiten und von feinen Unterschieden, und das ist sicherlich generell interessant. Wie stets liefert Lobo einrn Mehrwert in Bezug auf Probleme der Netzwelt und darüber hinaus, mit denen wir uns auseinandersetzen können, die uns in unserer Umwelt beschäftigen. Wir erhalten stets viele Denkanstöße zu Problemen, von denen wir bis dato nicht so viel wussten. Danke Lobo, für ein schönes Weihnachtsgeschenk!
Menschundrecht 24.12.2014
5. Lobotomie im Orbit
Aber Herr Lobo, das Bundesverfassungsgericht zum Beispiel ist doch ein mustergültiges Beispiel an Entschleunigung. Nichts schöner, als in aller Ruhe die Rechtswirklichkeit zu beobachten und zuzusehen, wie ein Berg von Justizleichen wächst und wächst. Das Zauberwort des Bundesverfassungsgerichts heisst 'derzeit'. Derzeit wolle man die so genannte Rechtswirklichkeit beobachten, es bestehe kein Anlass, die Regierung an der Fortsetzung ihrer Humanexperimente zu hindern. Immer wieder ein Highlight der Entschleunigung, Ruhe, Muse und kritischen Distanz, biblische sieben Mal. Die Damen und Herren in der Stadt des Rechts bewegen sich auf einer erdnahen Umlaufbahn. Ein Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ist nicht zu empfehlen. Zu viele Kacheln sind lose. (http://home.arcor.de/menschundrecht/BVerfG derzeit.pdf)
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