Weihnachts-Wahnsinn Die wilde Geschichte vom Flacker-Haus

Das kurze Video mit den "Xmaslights" dürfte seit Wochen zu den meistgesehenen Filmen der Welt zählen. Von Büro zu Büro hat sich das wummernde Flacker-Weihnachts-Disco-Haus um den Globus verbreitet, traf auf ungläubiges Staunen und schlichten Unglauben: Echt? Fälschung?

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Als wir vor rund zwei Wochen dazu aufforderten, uns Fotos von außergewöhnlichen Weihnachtsdekorationen zuzuschicken, erlebten wir fast umgehend ein gewaltiges E-Mail-Echo. Doch nicht nur Fotos wurden uns zugesandt, sondern eine Vielzahl von Links hin zu immer ein und dem selben Video.

Eben dieses Video hatten wir zwar auch schon in den Artikel eingebaut, was der Betreiber der Seite umgehend zu spüren bekam: Sein Server kollabierte zeitweilig unter dem Publikumsinteresse, seitdem grüßt er auf seiner Seite die SPIEGEL-ONLINE-Leser. Doch Hunderte von Lesern hatten den Link offenbar nicht bemerkt.

Carson Williams Flackerhaus: Für einige Wochen eines der bekanntesten Häuser der Welt

Carson Williams Flackerhaus: Für einige Wochen eines der bekanntesten Häuser der Welt

Wahrscheinlich hatten sie alle Tränen in den Augen.

Wer auch immer in den letzten drei Wochen einen Link zum Video "Xmaslights", "Lights before Christmas" oder "Jingle Bells House" erfuhr, hat ihn wahrscheinlich einige Male weiter verbreitet (siehe Linkverzeichnis).

Der Ruhm dieser - wie soll man so etwas nennen? - "Weihnachts-Präsentation" erreichte selbst Menschen, die sonst nichts mit dem Internet zu tun haben.

Und was bekamen die zu sehen?

Ein großes, stolzes Einfamilienhaus in dunkler Nacht. Dann hebt die Musik an, und im Rythmus flackern und erstrahlen Lichter. In einer Kakophonie von Weihnachts-Trashmusik ("Wizard in Winter"), wandernden Lichtern, Suchscheinwerfern und Flashlights tanzt dieses Haus regelrecht, erschießt das Weihnachtsfest mit Laserbeams. "Das", schrieb mehr als nur ein Leser, "müssen Sie sich ansehen. Das ist der absolute Wahnsinn! Das schlägt alles!"

Wohl wahr. Aber ist es auch echt?

Ein häufig geäußerter Zweifel. "Deren Nachbarn", schrieb ein Leser, "kommen ja wohl überhaupt nicht mehr zum Schlafen." Der deutsche Einfamilienhausbesitzer unterstellt da schnell Mordgelüste, als wäre so etwas eine normale Reaktion. Oder aber das Video sei eine Montage, denn digital sei ja wohl vieles möglich.

Zwei Leser von SPIEGEL ONLINE, die es nach Ohio verschlagen hatte, wussten direkt am ersten Tag mehr zu berichten: Ja, das Video sei echt. Und nein, Lärm entstehe dabei nicht, denn die zur strahlenden Lightshow gehörige Beschallung bekomme man per Autoradio, wenn man an dem Haus vorbeifahre. Richtiger Hightech-Trash, sozusagen.

In der Tat, so ist das wohl. Der Film, der nun gerade in Europa die Runde macht, stammt aus dem letzten Jahr; der zweite mit der verstrahlten "Jingle Bells"-Adaption, den manche Leser weiterreichten, aus diesem. Carson Williams heißt der Vater dieser monumentalen Weihnachts-Displays, und für eine kleine Weile haben sie ihn zu einem richtigen Star gemacht in den USA.

Über das "Wizards"-Video bekannt geworden, durfte er gleich in mehreren Radio- und Fernsehinterviews erklären, wie er mittels einer 88-Kanal-Lichtorgel, die ein amerikanischer Hersteller nur für solche Zwecke entwickelt hat, und über 16.000 (im letzten Jahr) respektive 25.000 Glühbirnen (in diesem Jahr) die Adventsnächte zum Tag machte.

Dass sein Video, das er selbst in Umlauf gebracht hatte, zu so einem weltweiten Erfolg wurde, ist eine typische Internet-Geschichte. Eigentlich hatte Williams das Ding bereits im "Januar oder Februar" 2005 in einem Forum veröffentlicht: Quasi als Andenken an die erfolgreiche Weihnachtsaktion des letzten Jahres.

Dort hatten einige wenige Forumsmitglieder ihren Spaß damit - und nichts weiter geschah.

Eine weihnachtliche Web-Karriere

Irgendwann Anfang November 2005 hingegen - ganz hellhörige Zeitgenossen begannen gerade, das nahende Bimmeln der Weihnachtsglöckchen zu erahnen - erinnerte sich ein Unbekannter an das lustige Forums-Posting des Vorjahres und schickte es einem Freund.

Der Rest ist Lawine.

Wenige Tage später gab es das Video auf wahrscheinlich Hunderten von Webseiten, war es wohl mehrere Millionen mal weitergegeben und heruntergeladen worden.

Links zum "Flackerhaus: siehe hier

Carson Williams bastelte zu diesem Zeitpunkt schon wieder an seinem nächsten Display, basierend auf den selben Dekorationen. Allein die Zahl der Glühbirnen war seit dem Vorjahr auf 25.000 gestiegen, die Kosten auf rund 10.000 Dollar.

Wie im Jahr zuvor wollte er Sound ("Jingle Bells", sowie ein Medley aus "Frosty the Snowman", "God Bless the USA" und "Wizard in Winter") und Lichter perfekt synchronisieren. Zur Schonung der Nachbarschaft nahm er wieder einen schwachen UKW-Sender in Betrieb, mit dem man sich den Sound fett ins Autoradio holen konnte. An Thanksgiving, dem klassischen amerikanischen Familienfest, das auch die Winterzeit einläutet, begann für ihn die Disco-Saison.

Und sie wurde zu einem satten Erfolg. Jeden Tag wurden die Autoschlangen länger, das Licht-Display ging zu einem geregelten Betrieb von 18 bis 22 Uhr über: "Showtime!"

Traum wird Albtraum

Anfang Dezember wuchsen die Schlangen zu veritablen Staus heran, doch Berichte erntete Williams nicht nur in den Staumeldungen. Von den "Dayton Daily News" über CBS bis hin zu obskuren lokalen Radiosendern in Idaho berichtete halb Medien-Amerika über das "Griswold House" in Deerfield nahe Mason, Ohio.

Mit einem Mal war Williams so etwas wie ein Star. Das "Trans-Siberian Orchestra", das die grässliche Weihnachts-Weise vom "Wizard in Winter" zu verantworten hat, ließ Williams als Stargast zu einem Konzert ausfliegen. Miller-Beer klingelte an und begann über einen Werbevertrag für das Hausvideo zu verhandeln. Carson Williams, Familienmensch, Computerfreak und Vater zweier jetzt sehr stolzer Töchter, genoss seinen Erfolg. Dem Fernsehsender CBS sagte er Anfang der zweiten Dezemberwoche: "Gestern gabs mich elf Seiten tief bei Google!"

Kein Wunder. Williams Know-how war mit einem Mal gefragt. Nein, in Vor-digitalen Zeiten wäre so etwas nie möglich gewesen, antwortete er den Reportern. Klar, kein Problem, gerne würde er zeigen, wie man so etwas auf die Beine stellt. Sprachs und veröffentlichte die Schaltpläne im Web.

Nur Ärger wollte Williams nie. Die Staus begannen zu nerven, der Medienandrang wurde ein wenig unheimlich. Am Montag, dem 5. Dezember sagte er in einem Interview, er würde seine Lightshow sofort ausschalten, wenn seinen Nachbarn oder irgendwem sonst dadurch Schaden entstünde.

Am Tag darauf, am Dienstag, 6. Dezember, war es soweit.

Der Anfang vom Ende begann gegen 19.30 Uhr. Das Gedränge der Schaulustigen verdichtete sich zum inzwischen üblichen abendlichen Stau in Deerfield, Ohio. Dann krachte es, Blech knitterte, niemand wurde verletzt. Jemand zückte ein Telefon, rief um Hilfe: Das ganz normale Procedere nach einem Auffahrunfall.

Nur kam keine Hilfe.

Denn Sheriff Ed Petrey hing fest: Zwischen ihm und dem Ort, an dem er seine Pflicht erfüllen sollte, lag Carson Williams Haus. Der Weg von A nach B wäre allenfalls noch zu Fuß zu bewältigen gewesen.

Am nächsten Morgen ließ Williams durch das Büro des Sheriffs mitteilen, dass die Lichter an seinem Haus "für immer" verlöschen würden, und Hunderte von Zeitungen, Radio- und TV-Stationen, noch weit mehr Webseiten und Pod-Casts berichteten darüber. Nur Carson Williams hat sich seitdem nicht mehr öffentlich geäußert.

So endet die Geschichte vom wilden Weihnachts-Flacker-Haus nicht als weihnachtliches Märchen, denn die haben immer ein Happy End. Vielleicht tröstet es Williams ja, dass es von seiner verloschenen Weihnachts-Lichterorgie nun Millionen von Kopien gibt. Und wer weiß? Vielleicht ist das ganze ja sogar eine Story, zu der jemandem noch ein bittersüßes Happy-End einfällt: Demnächst in Ihrem Kino?



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