Weißes Haus im Web Obama zieht neue Seiten auf

Das Internet ist Barack Obamas Verbündeter - jetzt soll es ihm beim Regieren helfen. Die neue Website des Weißen Hauses zeigt der Welt, wie moderne Polit-Kommunikation funktioniert. Nur von der oft beschworenen Offenheit ist viel zu wenig zu spüren.

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Hamburg - Barack Obama und das Internet tanzen Walzer miteinander, und das nicht erst seit seiner Vereidigung als US-Präsident.

Obamas Wahlkampf wäre ohne das Netz und die dort akquirierten Spenden unmöglich gewesen. Die Wahl war ein Meilenstein der verteilten Kommunikation, der Verknüpfung von Web-Videos, Blog-Einträgen, Social Networks, Microblogging, Foto-Sites und natürlich der Online-Angebote der traditionellen Medienhäuser.

Jetzt die Amtseinführung: Erneut hat Obama nicht nur für Freudentränen gesorgt, sondern auch für Netz-Rekorde. Einen stellte die neue Regierung selbst auf - noch während der Antrittsrede wurde der komplette Web-Auftritt des Weißen Hauses abgeräumt und neu präsentiert.

Die Community-Plattform Facebook hatte sich mit CNN zusammengetan: Der Nachrichtensender lieferte einen Livestream von den Ereignissen in Washington, Facebook-Nutzer konnten im gleichen Fenster Kommentare abgeben, in Form von "Status Updates". Insgesamt wurden es über 1,5 Millionen, Tausende pro Minute nahmen am digitalen Gruppen-Freuen teil. "Ich sehe mir die Inauguration auf CNN an" war der häufigste Kommentar - aber um Originalität ging es ja auch nicht, sondern um ein neues, digital erzeugtes Gemeinschaftsgefühl. Der Livestream dagegen wackelte immer wieder - das gleiche gilt auch für die Video-Berichterstattung anderer Anbieter. Weil die Amtseinführung mitten in die Bürozeiten fiel, wurde sensationell viel im Netz ferngesehen. Laut der "New York Times" war die Netzauslastung die höchste in der Geschichte.

"Massive weltweite Anteilnahme"

Der Microblogging-Dienst Twitter musste zum Höhepunkt der Feierlichkeiten fast klein beigeben - in den Spitzenzeiten wurden pro Sekunde fünf mal so viele Kurznachrichten ins Web geschickt wie sonst. Eine Zeitlang kam es laut Unternehmensblog bei neuen Updates zu Verzögerungen von zwei bis fünf Minuten - für ein rasant wachsendes Instant-Medium wie Twitter eigentlich eine Todsünde. Man werde dafür sorgen, dass "beim nächsten Ereignis mit derartig massiver weltweiter Anteilnahme keine wahrnehmbare Verzögerung mehr auftritt", versprach Twitter-Gründer Biz Stone.

Laut Googles Blogsuche wurden in 24 Stunden etwa 130.000 neue Blogeinträge mit den Stichwörtern "Obama" und "Inauguration" veröffentlicht. Auf der IBM-gesponsorten Analyse-Plattform "ManyEyes" gibt es bereits eine Vielzahl hochinteressanter Auswertungen von Obamas Rede - von Wort-Wolken, die Obamas Vokabular hinsichtlichlich der Wort-Häufigkeiten mit den Reden seiner Vorgänger vergleichbar machen, bis hin zu Strukturanalysen, die Obamas rhetorische Kniffe verdeutlichen (siehe Bilderstrecke).

Schon lange vor seiner Vereidigung hatte der neue Präsident versprochen, das Netz werde auch bei seiner Regierungsarbeit eine zentrale Rolle spielen. Und tatsächlich wurde, noch während Obama seine Antrittsrede hielt, die neue Web-Seite des Weißen Hauses livegeschaltet. Whitehouse.gov hat sich stark verändert - nicht zum ersten Mal seit dem Start der Regierungs-Seite im Jahr 1994 (siehe Bilderstrecke oben).

Gesetzentwürfe online diskutieren

Obamas Mann für neue Medien, Macon Phillips, der auch schon an der Inszenierung des Wahlkampfes kräftig mitgearbeitet hatte, versprach in einem ersten Blog-Eintrag einmal mehr "Change", Wandel. Er verwies auf das eben eröffnete Blog samt RSS-Feed, empfahl, E-Mail-Updates des Präsidenten zu abonnieren und forderte die US-Bürger auf, sich künftig an Diskussionen über Gesetzentwürfe zu beteiligen: "Wir werden alle Gesetze außer Notfallgesetze jeweils fünf Tage lang auf der Web-Seite veröffentlichen, um der Öffentlichkeit Gelegenheit zu geben, sie zu prüfen und zu kommentieren, bevor der Präsident sie unterzeichnet."

Obama will zudem, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, jeden Samstag eine Videobotschaft veröffentlichen. Mit anderen Worten: Die neue Regierung plant, tatsächlich direkt mit dem Bürger zu kommunizieren. Bei anderen Politikern, denen weniger großes Zutrauen entgegengebracht wird, hätte das wohl für Argwohn und Häme gesorgt. Doch selbst die Regierung von Barack Obama will wohl kaum alte wie neue Medien als Mittler zwischen Politik und Wahlvolk überflüssig machen. Auch wenn Phillips die Bürger auffordert, sich direkt an der Quelle über "große Ankündigungen und Entscheidungen" zu informieren.

Direkte Kommunikation zwischen Politik und Bürger ist zweifellos wünschenswert - gerät aber auch schnell in den Ruch der Propaganda, wenn nicht mit absoluter, nachprüfbarer Offenheit kommuniziert wird. Es bleibt abzuwarten, ob Obama die Spin-Doctors, die Meinungsmacher und Faktenverdreher in Washington, wirklich ihrer Macht berauben kann, ob eine Regierung wirklich so authentisch und direkt kommunizieren kann, wie es das Netzvolk verlangt.

Neues Whitehouse.gov "perfektes Beispiel für Feigheit"?

Auf den ersten Blick jedenfalls löst das brandneue Whitehouse.gov, in elegantem Webdesign in Weiß und Meerblau, die Versprechen ein, die Obama im Wahlkampf und auf der nach dem Wahlsieg eingerichteten Seite change.gov gegeben hatte: mehr Transparenz, mehr Teilhabe, mehr Kommunikation. Doch ganz so interaktiv, wie sich die Web-Avantgarde das wünschen würde, ist Whitehouse.gov (noch) nicht: Das Weblog bietet bislang keine Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Auch sonst sucht man Beteiligungsmöglichkeiten derzeit vergebens.

RSS-Erfinder und Ur-Blogger Dave Winer beispielsweise nannte die Seite (via Twitter) eine "große Enttäuschung": Sie sei "ein perfektes Beispiel für die Feigheit großer Unternehmen. Das Einbahn-Web." In einem Blog-Eintrag ergänzte er später, an der Tür des Präsidenten hänge derzeit ein Schild mit der Aufschrift "Bitte warten".

Web-Guru und Verleger Tim O'Reilly verweist jedoch darauf, dass auch auf change.gov Kommentare nur dann zugelassen waren, wenn im entsprechenden Beitrag auch explizit um Feedback gebeten wurde: "Ich habe ein Video mit (Vizepräsident Joe) Biden gesehen, in dem es um Gesundheitsvorsorge ging, mit 35.000 Kommentaren darunter." Das Hauptproblem für die neue Regierung werde wohl eher sein, vermutet O'Reilly, "herauszubekommen, wie man aus all den Kommentaren etwas Sinnvolles herausholt".

An einer Stelle jedenfalls ist die neue Transparenz schon messbar: Whitehouse.gov ist für Suchmaschinen seit dem Amtsantritt Obamas wesentlich weiter geöffnet als zuvor. Unter der Regierung Bush umfasste die Datei robots.txt, die festlegt, welche Unterseiten eines Angebotes nicht von den Indexierungs-Programmen ("Robotern") der Suchmaschinen durchsucht werden dürfen, noch 2400 Zeilen, wie der Blogger Jason Kottke feststellte. 2400 verbotene Unterseiten, unsichtbar für Google, MSN, Yahoo und Co.

Solche verbotenen Zonen scheint es im neuen Whitehouse.gov bislang nicht zu geben - das neue robots.txt hat nur noch zwei Zeilen.

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