SPIEGEL ONLINE: Weißrussland gilt als "letzte Diktatur Europas" und wird von dem Autokraten Alexander Lukaschenko beherrscht. Welchen Einfluss hat das Internet auf die Lage im Land?
Malischewsky: Wissen Sie, ich werde jetzt häufig ins Ausland eingeladen. Ich sitze dann auf dem Podium in einer Reihe mit Bloggern aus Ländern wie Iran, Tunesien oder Ägypten. Die haben alle tolle Auszeichnungen bekommen. Sie werden zum besten Blogger des Jahres gewählt oder zum besten Blogger des Universums und erzählen dann, wie sie mit ihren Blogs die Revolution gemacht haben. In Wahrheit sind diese Leute mit ihren Blogs einfach in die Revolution hinein geraten. Die Revolution hat sie zu Stars gemacht, nicht sie die Revolution.
SPIEGEL ONLINE: Aber das Netz erleichtert doch via Facebook und Twitter die Koordinierung von Protesten und die Mobilisierung, oder nicht?
Malischewsky: Vielleicht. Aber wie schwer war es denn für Russlands Bolschewiken, 1917 die Oktoberrevolution zu organisieren, so ganz ohne Twitter? Und wenn es das Netz 1933 schon gegeben hätte, dann würde man wahrscheinlich heute behaupten, es sei das Internet gewesen, das Hitler an die Macht gebracht habe.
SPIEGEL ONLINE: Sie erreichen mit Ihren Posts Tausende Leser. Wie wird man Weißrusslands beliebtester Blogger?
Malischewsky: Das ist nicht so schwer, wenn es keine Konkurrenz gibt. Aber im Ernst: Ich analysiere und ironisiere. Der wichtigste Faktor an den Blogs aber ist, dass sie den Menschen Raum für Diskussionen einräumen. Die Beiträge auf weißrussischen Blogs sind meistens gar nicht so besonders. Interessant sind vielmehr die Kommentare und Debatten, die sich daran entspannen. Ich zum Beispiel gehe manchmal einfach nur in ein Geschäft und schreibe über die Preise für Lebensmittel...
SPIEGEL ONLINE: Der Rubel hat letztes Jahr massiv an Wert verloren, die Inflation lag bei 109 Prozent. Das Thema dürfte die Leser bewegt haben.
Malischewsky: Gleichzeitig verkündet die Regierung, dass die Einkommen auch gestiegen sind. Leben wir also besser oder schlechter? Ich habe ausgerechnet, wie viele Lebensmittel man vor der Krise kaufen konnte und wie viele jetzt. In Möhren und Zwiebeln gerechnet, leben wir heute besser, in allem anderen schlechter. Offiziell liegt das Existenzminimum in Weißrussland bei 90 Dollar. Also bin ich in ein Geschäft gegangen, habe in einer Stunde für 90 Dollar eingekauft und meinen Einkauf dann fotografiert. Ich ironisiere, ich analysiere und ich hinterfrage. Letzteres ist etwas, was Journalisten in Weißrussland offenbar verlernt haben.
SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?
Malischewsky: Nehmen Sie Lukaschenkos Staatsbudget: Hat das jemand analysiert? Nein. Die Staatsmacht hat davon gesprochen, dass der Haushalt in der Wirtschaftskrise optimiert wurde. Man findet aber immer noch überraschende Posten darin, zum Beispiel Geld für eine eigene Arktis-Expedition. Ich habe mir auch die Finanzplanung für das Jahr 2016 angeschaut: 68 Prozent des Agrarhaushalts fallen unter den Posten "andere Ausgaben".
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie von den Behörden unter Druck gesetzt?
Malischewsky: Deutsche Journalisten sind immer sehr enttäuscht von meiner Antwort auf diese Frage: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie Lukaschenko attackieren, etwa in Ihrer Blog-Rubrik "Weißrusslands Statistikamt gegen den Präsidenten"?
Malischewsky: Ich analysiere einfach, wenn er falsche Zahlen nennt. Er sagt oft irgendeinen Schwachsinn. Ich weiß auch nicht, wer ihm seine Reden schreibt. Ich verlinke dann einfach zu den Websites des Statistikamts mit den richtigen Zahlen. Das kann dann jeder überprüfen.
SPIEGEL ONLINE: Warum kritisieren Sie auch die Opposition?
Malischewsky: Unser Land ist tief gespalten. Es gibt zwei unversöhnliche Lager: die Opposition und die Regierung. Mein Konzept ist: Ich bin gegen alle. Der Opposition mag nämlich auch niemand kritische Fragen stellen. Als ich vor den Präsidentschaftswahlen die Oppositionskandidaten treffen wollte, haben viele abgesagt.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Malischewsky: Weil ihre Programme nicht durchdacht sind und voller Widersprüchlichkeiten. Da verspricht ein Kandidat zum Beispiel Geld für die Geburt jedes Kindes, hat aber keine Ahnung, wie viele Kinder pro Jahr in Weißrussland geboren werden. Unsere Opposition verbringt schon Jahre damit, nachzuweisen, dass Weißrussland eine Diktatur ist ohne Pressefreiheit. Das ist aber doch jedem klar.
SPIEGEL ONLINE: Die Staatsmacht hat viele Führer der Opposition ins Gefängnis werfen lassen, Demonstrationen werden verboten. Was können Lukaschenkos Gegner da ausrichten?
Malischewsky: Schauen Sie: Nachdem Lukaschenko 1994 an die Macht kam, hat er oft betont, dass er einer der jüngsten Staatschefs weltweit sei. Inzwischen ist er 57. Dass der Präsident aber auf das Rentenalter zugeht, wird nie thematisiert - weil die Opposition nämlich selbst immer noch ältere Kandidaten aufstellt. Sollten liberale Demokraten nicht eigentlich jung sein? Unsere Opposition altert zusammen mit dem Diktator.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine neuen, jungen Kräfte?
Malischewsky: Kaum. Die Staatsmacht will den Status quo und ihre Macht erhalten. Und die Opposition kämpft nur für das Recht, Opposition zu sein. Wer sich als neuer Politiker profilieren will, wird erst mal als "Agent Russlands" diffamiert.
SPIEGEL ONLINE: Vor einem halben Jahr gingen Tausende auf die Straße, um schweigend gegen Lukaschenko zu demonstrieren. Hunderte wurden verhaftet. Die Aktionen wurden im Internet koordiniert. Hat das Netz nicht doch eine größere Macht als Sie behaupten?
Malischewsky: Klar. Es ist ein tolles Instrument. Aber letztlich sitzen viel mehr Leute zu Hause an den Monitoren und verfolgen Demonstrationen und Proteste, als wirklich auf die Straße zu gehen. Das Internet ist ein Medium für feige Hamster. Wenn es Online nicht gäbe, würden vielleicht mehr Leute auf die Straße gehen, um sich alles selbst anzusehen.
Das Interview führte Benjamin Bidder in Minsk
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