Welterfolg nach 34 Jahren Wie der Trololo-Mann das Netz eroberte

Zweireiher, goldene Krawatte, satter Bariton: Eduard Khil ist mit 75 Jahren zum Weltstar geworden - mit einem Auftritt aus den Siebzigern. Der Russe sang damals ein seltsames Lied ohne Worte. Nun liebt ihn das Netz, er hat Zehntausende Fans, es gibt Remixe und eine eigene iPhone-App.

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Der große französische Dichter, Dramatiker, Wahnsinnige und Drogenkonsument Antonin Artaud hatte etwas gegen die Sprache an sich. "Alles Schreiben", schrieb (!) er einmal, "ist eine Schweinerei. Menschen, die das Obskure verlassen und zu definieren versuchen, was in ihren Köpfen vorgeht, sind Schweine." Artaud misstraute verbalem Denken und Kommunizieren ganz prinzipiell. Was er wohl zum plötzlichen, späten, unerwarteten Ruhm von Eduard Khil gesagt hätte?

Khil, heute 75 Jahre alt, war zu Sowjet-Zeiten ein gefragter Bariton, eine Art Popstar. Nach dem Ende der Sowjetunion sank auch sein Stern - aber jetzt ist er wieder da, diesmal global. Und zwar, weil er in den Siebzigern im Fernsehen einmal, aus Artauds Sicht ganz un-schweinisch, ein Lied ohne Text gesungen hat. Der Erfolg jedenfalls scheint dem verrückten Poeten recht zu geben. Frei nach Wittgenstein könnte man auch sagen: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.

Das Netz kennt Khil als den Trolololo-Mann. Ein Fernsehauftritt des Sängers aus dem Jahr 1976 landete im Dezember 2009 auf YouTube. Die Mem-Maschine Internet nahm ihre geheimnisvolle Arbeit auf - und knapp drei Monate später tauchte Khil mit seiner Gesangsnummer in Stephen Colberts Comedy-Show auf, der frischgebackene Oscar-Preisträger Christoph Waltz sang eine überdrehte Trololololo-Parodie für die Late-Night-Show von Komiker Jimmy Kimmel. Khil wird jetzt von russischen Fernsehsendern interviewt, es gibt eine Facebook-Trolololo-Fanseite mit bis heute fast 50.000 Anhängern, eine eigene iPhone-App und eine Petition, die Khil dazu bringen soll, doch noch mal auf Welttournee zu gehen (Stand Anfang April: ca. 3800 Unterschriften).

Was zu diesem rasanten, wenn auch späten Welterfolg geführt hat, lässt sich - wie sollte es auch anders sein! - nicht einfach in Worte fassen. Das Video, das Khil zufolge einst in Schweden aufgenommen wurde, zeigt ihn in einem braunen Zweireiher, mit mächtigem Hemdkragen und goldschimmernder Krawatte. Er schlendert vor einer abstrakten Bühnendekoration aus Metallwellen auf und ab und bewegt, begleitet von akzentuierter "Mir gehts blendend"-Mimik leicht asynchron den Mund zu einem Lied, das er selbst auf Platte eingesungen hat. Der "Text" des Liedes, das ein bisschen nach Planwagenschaukeln und ein bisschen nach Musikantenstadl klingt, besteht nur aus "Trololo", "Tralalala" und "Hahahaha". Global verständliche Chiffren für Fröhlichkeit. Enthalten ist darin auch das Netz-Kürzel für "Laut Lachen": lol.

Den Anzug gab's für eine Holzpuppe und einen Samowar

Das Ganze wirkt ein bisschen irre, unfreiwillig komisch, aber auch tatsächlich gutgelaunt, nicht zuletzt wegen Khils Amphetamin-Mimik und der bräunlich-scheußlichen Dekoration. "Das Obskure verlassen" hat Khil mit dem Auftritt zweifellos nicht, und was in seinem Kopf vorgeht, kann man auch höchstens erahnen: Punkt für Antonin Artaud. Den Anzug habe er bei seinem Besuch in Schweden über ein Tauschgeschäft bekommen, erzählte der Sänger einem russischen Reporter, für eine Matroschka-Puppe und einen Samowar.

"Trolololo" sang Khil deshalb, weil der Text, den der Komponist Arkady Ostrovsky ursprünglich für den Song namens "Ich bin so froh, dass ich endlich nach Hause komme" vorgesehen hatte, von einem Cowboy namens John und seiner sockenstrickenden fernen Liebsten namens Mary handelte. Das aber war für die Sowjet-Zensoren von damals einfach zu amerikanisch. Also machte man das Ganze eben ohne Text - nach einer russischen Tradition namens "Vokaliz", dem Sowjet-Pendant zum Scat gewissermaßen. Später habe er das Lied auch bei Tourneen in diversen westeuropäischen Ländern zum Besten gegeben, bekannte der Barition gegenüber den russischen "Life News", und dann zu Beginn stets behauptet, er werde jetzt ein Lied in der Landessprache vortragen, um ein paar Lacher zu erzielen.

Für Lacher sorgt er jetzt wieder vermehrt. Der Clip enthält offenbar die geheimen Zutaten für virale Verbreitung, nach denen Werber rund um den Globus händeringend suchen. Bis heute ist das Video allein bei YouTube in unterschiedlichen Versionen mehr als sechs Millionen Mal angesehen worden, es gibt Hunderte von Video-Reaktionen, Remixe, Parodien (siehe Video oben). Ein russischer Fernsehsender hat Khil mit einigen davon konfrontiert - der freundliche ältere Herr lächelte friedlich und entdeckte darin eher "Liebe" als Häme, eigentlich seien das doch eher Hommagen als Parodien und wenn schon letzteres, dann doch "wohlmeinende".

Verschnitten mit "Star Wars", Hitler und natürlich Katzen

In der Tat wurde der Trololo-Mann bis heute mit nahezu allem kombiniert und verschnitten, was das Nerdvolk sonst noch so liebt: "Star Wars", "Star Trek", dem zum Dauer-Mem mutierten Ausschnitt aus Bernd Eichingers "Der Untergang", in dem Bruno Ganz als Adolf Hitler sich furchtbar aufregt - und natürlich mit Katzen. Der Trololo-Mann und sein Song sind ein Mem geworden, eine von den Ideen, die sich wie selbsttätig durch den Ideenraum Netz bewegen - vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil er eben ohne Sprache auskommt.

Ob er, wie es die Petenten wünschen, noch mal auf Welttournee gehen würde, ließ Khil in einem Interview mit der Zeitung "Christian Science Monitor" übrigens offen. Im Gespräch mit dem Reporter einer russischen Website regte er stattdessen an, das Internet möge sich doch seines späten Welthits noch einmal auf ganz neue Weise annehmen: "Leute in jedem Land sollten eine neue Zeile für das Lied schreiben. Die Amerikaner könnten eine Zeile über John schreiben und über Mary, die ihm eine Socke strickt. Dann hätten wir einen internationalen Song."

Wobei Antonin Artaud das vermutlich für eine Schweinerei halten würde.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
yomow 01.04.2010
1. Fail
Ich kenne das Video auch schon seit einigen Monaten und es ist mir nie in Verbindung mit "lol" oder einem "Ausdruck von Fröhlichkeit" untergekommen. In verschiedenen Foren wird dies als Antwort auf Trolle (für die nicht wissenden: http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur) ) geantwortet. Ist ja auch nicht sonderlich weithergeholt. Schließlich singt er offensichtlich nur von Trollen
Peter Sonntag 01.04.2010
2. Kult und Kultur
Vielleicht wird ja in 30 Jahren das herrliche Lied **************"Watte-hatte-dude-da"*************** auch zum Kult-Song. Vorausgesetzt, es geht mit unserer Kultur noch weiter bergab. Was gut vorstellbar ist.
boam2001, 01.04.2010
3. Guido Westerwelle - der Trololo-Mann
Sieht aus wie Guido Westerwelle - fehlt nur noch die Brille :-)
bliefert 01.04.2010
4. Abooooowww
Mist. Bis ich den Encyclopedia Dramatica-Eintrag gesehen habe, hielt ich es für den diesjährigen Aprilscherz. Ich habe in letzter Zeit _definitiv_ zu wenig gelauert...
Transmitter, 01.04.2010
5. Das Lied trifft halt den Zeitgeist
Trololo-Man symbolisiert perfekt den Eindruck, den wir von unseren Politikern haben. Die Menschen finden den Clip deshalb intuitiv lustig. Ich auch.
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