Atlas Facebooks neuer Werbedienst verfolgt Nutzer überall

Facebook will Google die Marktführerschaft am Online-Anzeigenmarkt streitig machen. Mit Atlas hat das Unternehmen jetzt einen Werbedienst vorgestellt, der Nutzer über diverse Geräte hinweg verfolgt. Aus Nutzersicht ist das bedenklich.

Werbebild zu Atlas: Ernsthafte Konkurrenz für Googles Werbesystem

Werbebild zu Atlas: Ernsthafte Konkurrenz für Googles Werbesystem


Am Montag hat das soziale Netzwerk Facebook seine neue Werbeplattform Atlas vorgestellt - eine Neuauflage des brachliegenden Atlas-Dienstes, den Facebook letztes Jahr von Microsoft erwarb. Mit Atlas sollen Werbetreibende, die auch außerhalb von Facebook Anzeigen schalten wollen, noch genauere Mess- und Zielinstrumente zur Verfügung gestellt bekommen. Die Instrumente sollen sicherstellen, dass die Anzeigen wirklich ihre Zielgruppe erreichen. Facebook will mit Atlas nicht nur die Möglichkeiten von Onlinewerbung ausbauen, sondern auch Platzhirsch Google bedrängen.

Das Versprechen: Mit Atlas können Werbetreibende einzelne Surfer wiedererkennen, egal auf welchem Gerät oder System diese gerade im Netz unterwegs sind. Das sei ein erheblicher Vorteil gegenüber anderen Werbesystemen, die nicht unterscheiden könnten, ob derselbe Nutzer auf mehreren Geräten aktiv ist oder ob es sich um mehrere Nutzer handelt. Atlas nutzt dafür die Facebook-Mitgliedschaft des jeweiligen Internetnutzers als gemeinsamen Referenzpunkt.

Mitglieder des sozialen Netzwerks sollte das beunruhigen: Atlas scheint ein System zu sein, das Facebook-Mitglieder potenziell im ganzen Internet identifizieren kann, um sie mit gezielter Werbung anzusprechen und auszuleuchten. Voraussetzung dürfte sein, dass man sich auf dem jeweiligen Gerät einmal in Facebook eingeloggt hat oder Facebook den Nutzer auf ähnlich eindeutigem Weg erkennt. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE teilt Facebook mit, dass Atlas eine eigene Plattform sei und unabhängig von Facebook agiere. Der Dienst soll nur bei der Auswertung von Werbekampagnen behilflich sein.

Hauseigenes Anzeigensystem wird ausgedehnt

Auf der Atlas-Website klingt es so, als würde Facebooks hauseigenes Anzeigensystem nun auf das ganze Internet ausgedehnt. Solange Websitebesucher Nutzer von Facebook sind, weiß das Atlas-System überall, wo es eingesetzt wird, genau, wer gerade welche Werbeanzeige anschaut, was er oder sie davor und danach ansurft oder einkauft.

Um Anzeigen zielgerichtet ausliefern zu können, leitet Facebook bislang nur grobe demografische Daten an Atlas weiter: das Alter und das Geschlecht. Aber das kann jederzeit durch die viel feinkörnigeren Steuerungsmöglichkeiten von Facebooks Anzeigensystem ergänzt werden.

Facebooks Anzeigensystem ist bislang auf Anzeigen in der Seitenleiste oder in der Chronik zugeschnitten: Werbetreibende können anhand diverser Kriterien ihre Zielgruppe extrem detailliert festlegen (zum Beispiel "Gerade Geschiedene, die in einer neuen Beziehung sind und bereits einmal Rosen kauften, in der Nähe von Rosenheim wohnen und Französisch sprechen") und Facebook wählte passende Mitgliederprofile zur Einblendung der Werbeanzeigen aus. Kommt ein Kauf zustande, können die Werbetreibenden den Weg vom ersten Klick bis in das eigene Shopping-System nachvollziehen und so den Erfolg der jeweiligen Werbung messen. Auf dieser Basis lassen sich gegebenenfalls die Anzeigen oder die Kampagne anpassen.

Werbekunden sollen nicht erfahren, wer wer ist

Jetzt will Facebook dieses System auch auf Websites anbieten, die nicht zu Facebook gehören. Die größte Hürde dafür ist die Identifikation von Facebook-Mitgliedern. Das gelingt etwa über den Like-Button, den Website-Betreiber in ihre Websites einbauen können. Diese Praxis geriet in Deutschland aus Datenschutzgründen in die Kritik.

Mit Atlas erweitert Facebook sein Tracking-Repertoire jetzt um ein vom Like-Button unabhängiges Werkzeug: Besucht ein Internetsurfer eine Website, auf der das Atlas-Werbesystem eingesetzt wird, gleicht das System den Besucher künftig mit einer Datenbank ab, in der Gerätenummern und andere Tracking-Daten mit einer Facebook-Mitgliedschaft verknüpft sind. Liegt ein Treffer vor, kann das Werbesystem eine derzeit nur an Alter und Geschlecht angepasste Anzeige einblenden.

Auch wenn Facebook beteuert, dass Werbetreibende nie erfahren werden, welche Mitglieder sie genau ansteuern - Facebook stelle nur sicher, dass die richtigen Personen die jeweilige Anzeige zu Gesicht bekommen -, sind die Pläne aus Nutzersicht bedenklich. Sie laufen auf eine ständige Überwachung von Facebook-Mitgliedern hinaus. Egal, wo sie gerade surfen, was sie gerade im Internet tun, egal ob im Desktop-Browser, bei Videos- und Streamingdiensten, in Apps oder in Webshops - Facebook schaut fast immer zu.

Verbindung zu Offline-Käufen

Weil Facebook auch Zugriff auf Offline-Daten zum Beispiel von Kundenkartenprogrammen hat - in Deutschland allerdings nur aggregierte, also de-individualisierte Daten -, verschwimmt die Grenze zwischen Online-Verhalten und Offline-Käufen. Eine Anzeige könnte eines Tages auch messbar erfolgreich sein, wenn ein Kunde offline via Kreditkarte einkauft oder bar zahlt, sich aber mit einem Kundenkarten-Rabatt gegenüber Facebook identifizierbar macht.

Für Werbetreibende ist das angeblich ein großer Vorteil - und für Facebook ein gewaltiger Vorsprung vor Googles Werbesystem, mit dem die Lücke zwischen verschiedenen Internetgeräten oder der Sprung zum Offline-Kauf nicht mehr nachvollziehbar ist. Facebook profitiert davon, indem es relevantere Werbeplätze verkaufen und damit höhere Anzeigenpreise verlangen kann.

Für die Facebook-Mitglieder bedeutet Atlas vor allem, dass ihre Surf- und Kaufgewohnheiten noch einmal transparenter werden: für Facebook und indirekt auch für Firmen, die über Facebook werben.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
doktorfeinfinger 29.09.2014
1. einfach Tracker blocken
um dieses Ausspionieren zu unterbinden. Z.B. DoNotTrackMe. Man muss sich gegen diese Datenkrake facebook/Whatsapp wehren - dafür gibt es wunderbare add-ons für Browser wie Firefox.
platzanweiser 29.09.2014
2.
Immer dieser Irrglaube mit noch mehr Werbung liesse sich irgendeine inzwischen werbungverdrossene Zielgruppe noch besser zum (sinnlosen) konsumieren bewegen, als bisher... Jaja, aber Fratzenbuch ist ja sooooo sicher und da kommt nie nich etwas über die Nutzer nach aussen - es gibt ja die Privat-Funktion und wir haben doch eh alle keine Ahnung. Ich lach mich schlapp - wie gut, dass ich absolut keine dieser ach so tollen Spähplattformen nutze... alles kostenlos, jaja... bis auch der letzte Depp merkt wie wertvoll eigentlich jedwede Form von Daten sind - und wie ekelhaft es sein kann, wenn diese in die falschen Hände, hier Facebook, gelangen...
pescheffler 29.09.2014
3. Falsche Fakten
Der Beitrag strotzt vor falschen/falsch interpretieren Fakten und Behauptungen! Eine Schaltung von Werbung auf "Gerade Geschiedene, die in einer neuen Beziehung sind und bereits einmal Rosen kauften, in der Nähe von Rosenheim wohnen und Französisch sprechen" ist so nicht annähernd möglich. Facebook User sollten übrigens von Atlas auch nicht beunruhigt sein. Die Möglichkeiten entsprechen ziemlich genau dem, was jetzt schon geht (zumindest was die Übetragung der User-Daten angeht). Die Werbung kann jezt nur besser ausgesteuert werden (man bekommt wirklich das was passt und nicht nur etwas aus der passenden Kategorie).
pepe-b 29.09.2014
4. Denkfehler
Tut mir leid, aber diese "individualisierte" Werbung kommt nach meinen Erfahrungen immer zu spät. Ausgewertet wird ja immer nur das, was man schon getan HAT. Bei mir äußert sich das bspw so, dass ich Werbung für Urlaubsziele zu sehen bekomme, wo ich längst war. Oder Dinge, die ich längst (online) bestellt habe. Absolut nutzlos und uninteressant, weil ich's eben schon habe oder dort war. Solang ich mir nicht angewöhne erst etwas bei Google zu suchen und dann zu schauen, was mir Facebook wegen des Tracks anbietet, absolut verschenkte Werbeenergie.
AdBonesAllAgainstAds 29.09.2014
5.
Zitat von doktorfeinfingerum dieses Ausspionieren zu unterbinden. Z.B. DoNotTrackMe. Man muss sich gegen diese Datenkrake facebook/Whatsapp wehren - dafür gibt es wunderbare add-ons für Browser wie Firefox.
Also diese "AddOns" wie Du sie bezeichnest, gibt es nicht nur für Firefox … :-) . Aber, wenn sich noch viel mehr Leute der AdBlock-Gemeinde anschließen würden, dann würden solche Versuche, wie sie im Artikel beschrieben sind, vollkommen ins leere laufen. Leider leider sind aber eile der Leute, die sich selbst als intelligent bezeichnen nicht annähernd so intelligent wie sie meinen, denn wenn dem so wäre, würden schon viel viel mehr Leute Werbung und deren Ursprung bekämpfen und nicht nur einfach hinnehmen, das man "angeblich" nichts dagegen tun kann.
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