Werbegelder Google verprellt Blogger mit Dollar-Trick

Wer bei Google Werbung kauft, muss mit harten Euros bezahlen. Wer auf seinem Blog Google-Werbung zeigt, wird mit weichen Dollar abgespeist. Ein schlechtes Geschäft für deutsche Blogger - die ersten boykottieren den Konzern.

Von Dirk Kunde


Zehn Prozent weniger Umsatz sind es bei Dirk Lanio. Er betreibt seit sieben Monaten das Bewertungsportal für Klinikaufenthalte Medmonitor. Für den Hamburger Unternehmer ist Google AdSense die wichtigste Einnahmequelle. Um sein Angebot bekannt zu machen, bucht er gleichzeitig Suchwörter beim Pendant Google AdWords. Bisher deckten die Werbeeinahmen zur Hälfte die Werbeausgaben.

Dollar und Euro: Der schwache Dollar verdirbt deutschen Bloggern das Werbegeschäft mit Googles Anzeigensystem
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Dollar und Euro: Der schwache Dollar verdirbt deutschen Bloggern das Werbegeschäft mit Googles Anzeigensystem

Doch die Quote sinkt, denn AdWords wird in harten Euros berechnet. Der Preis für Suchwörter entsteht in einer Versteigerung. Je beliebter das Wort ist und je weiter oben es in den Trefferlisten auftauchen soll, desto teurer wird es. Da immer mehr Unternehmen ihr Werbebudget ins Internet umschichten, steigen die Preise.

Lanio kann da nur mithalten, wenn er mehr Besucher auf seine Seite lockt und sie zum Klicken animiert. Doch er fragt sich: "Was hat mein Geschäft in Deutschland mit dem Dollar zu tun?"

Google profitiert vom Wackel-Dollar

"Ja, ich hätte schon gern, dass in Euro abgerechnet wird", sagt Marcel Klitzsch. Er betreibt mit Hausgarten.net eine Seite über Gartenpflege. Rund eine Million Besucher schauen hier monatlich während der Saison nach Tipps und klicken auf Suchwörter von Google. Sein Umsatzrückgang durch den Kursverfall innerhalb eines Jahres liegt bei 11 Prozent.

Doch Jungunternehmer Klitzsch (20), der direkt nach der Schule seine Gartenseite startete, konnte durch steigende Nutzerzahlen seinen Gesamtumsatz sogar steigern. "AdSense ist schon ein gutes Programm für mich, aber eine Kalkulation in Euro wäre leichter", sagt er. Auf einer Google-AdSense-Roadshow im Juni in Köln sei die Frage nach der Euroabrechnung von etlichen Teilnehmern gestellt worden, berichtet Klitzsch.

Googles Werbeprogramme
Google verdient sein Geld fast ausschließlich mit Werbung - mit zwei nahezu vollautomatisierten Programmen.
AdSense
Mit diesem Programm können Blogger und kleine Unternehmen schnell und einfach Werbeeinnahmen erzielen: Auf ihren Internetseiten erscheinen nur kontextbasierte Suchwörter. Die sind auf den Seiteninhalt abgestimmt. Der Seitenbetreiber erhält pro Klick einen Betrag in US-Dollar gutgeschrieben. Google zahlt ab 100 Dollar Werbeeinnahmen per Scheck in US-Dollar oder als Überweisung in Euro aus. Welches Suchwort wie hoch bewertet wird und wie viel Prozent Google für seine Dienste einbehält, erfährt der Seitenbetreiber nicht.
AdWords
Werbende Unternehmen buchen Suchwörter, die in Google-Suchergebnissen oder auf anderen Internetseiten erscheinen. Das Wort "Orchidee" beispielsweise erscheint nur dann, wenn nach Orchideen gesucht wird oder sich die Web-Seite mit dem Thema beschäftigt. Der Werbetreibende bezahlt nur, wenn ein Nutzer auf das gebuchte Suchwort klickt. Der Preis für jedes Suchwort wird in einem Auktionsverfahren ermittelt. Je beliebter das Wort ist und je weiter oben es in den Suchergebnissen auftauchen soll, desto teurer ist es.

Der Wunsch ist da, doch Google zeigt sich stur. "Derzeit kein Thema bei uns", sagt eine Google-Sprecherin auf Anfrage. Auch sonst zeigt sich der Informations-Konzern zugeknöpft. Gibt es Proteste von Nutzern? "Nicht wirklich"; Wie viele AdSense Nutzer gibt es in Deutschland? "Hunderttausende"; Wie werden die Werbedollars zwischen Google und Seitenbetreibern aufgeteilt? "Sie bekommen die Mehrheit der Einnahmen".

Die AdSense-Kunden im Ungewissen zu lassen, wird sich Google nicht mehr lange leisten können. Rund 99 Prozent der 4,23 Milliarden Dollar Umsatz im dritten Quartal 2007 kamen durch die Buchung von Suchwörtern in die Kasse in Mountain View. Fast die Hälfte der Einnahmen erwirtschaftet Google außerhalb der USA.

120 Millionen Dollar Einnahmen durch Sinkflug

Da kann man die Nutzer und ihre jeweiligen Währungen nicht einfach ignorieren. Doch Google verdient am schwachen Dollar. Den Gewinn beziffert der Konzern ziemlich genau: 120 Million Dollar brachte der Sinkflug der Währung. So viel hätte Google weniger eingenommen, wenn die Wechselkurse seit dem dritten Quartal 2006 nicht verändert.

Robert Basic ist mit Basicthinking einer der erfolgreichsten Blogger in Deutschland. Er verzichte seit Oktober komplett auf Google AdSense und vermarktet seine Werbeplätze in Eigenregie. Den Einnahmen hat es nicht geschadet: Von durchschnittlich 1.000 Euro auf 3.500 Euro im November stiegen die Werbeerlöse. "Mir gefiel nicht, wie Google über seine Regeln Einfluss darauf nimmt, was parallel an Werbung auf deiner Seite eingeblendet wird," sagt Basic. "Gleichzeitig bekam man bei Fragen vom Kundenservice lediglich Standardantworten."

Nur die Großen können mit Google verhandeln

"Wir haben geschafft, 80 Prozent der AdSense-Einnahmen zu bekommen", berichtet Andrew Hunter. Bis vor kurzem war er für das britische Kleinanzeigenportal Gumtree, das heute zu eBay gehört, tätig. Auch die Abrechnung in britischen Pfund konnte er erreichen. Heute ist Hunter für das Marketing des Empfehlungsportals Qype in Großbritannien verantwortlich.

Das Hamburger Unternehmen war bei seinem Start im Frühjahr 2006 auch auf AdSense angewiesen. "Heute schaffen wir jedoch 85 Prozent der Werbeeinnahmen ohne Google", sagt Gründer und Geschäftsführer Stefan Uhrenbacher. Er will sich noch weiter aus der Google-Abhängigkeit befreien. Vor wenigen Tagen hat er mit "Sponsored listings" einen eigenen Testballon steigen lassen. Sieben von zehn gefragten Gastronomen willigten ein, Sucheinträge bei Qype zu buchen - ganz transparent für 300 Euro im Jahr.

Wird das ein Erfolg, kann Uhrenbacher sein System für regionale Werbung auf den eigenen, aber auch auf fremden Seiten, etablieren. Dirk Lanio von Medmonitor baut ebenfalls auf andere Einnahmequellen. Er bietet Krankenhäusern an, sich in kostenpflichtigen Porträts zu präsentieren, die der Nutzer zu lesen bekommt, wenn er nach einem passenden Krankenhaus für seinen Eingriff sucht.



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