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Werbeparodie: Media-Markt empört sich über "Saddam sautot"

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"Lasst euch nicht verarschen", "Ich bin doch nicht blöd" - bei seinen Reklamesprüchen ist der Media-Markt nicht zimperlich. Doch wehe dem, der die Werbebotschaften des Elektroriesen veralbert - wie ein Kölner Blogger. Der wird jetzt von Media-Markt-Anwälten gejagt.

Als Wächter über den guten Geschmack ist der Elektrodiscounter Media-Markt bislang nicht aufgefallen. Ganz im Gegenteil: Die aufdringliche Werbung wird von prolligen Sprüchen bestimmt ("Ich bin doch nicht blöd", "Lasst euch nicht verarschen", "Sau, sau, saubillig und noch viel mehr"). In TV-Spots treten Krawallkomiker wie Oliver Pocher oder der schneidige Anwalt Joachim Steinhöfel auf - auch im wahren Leben juristischer Vertreter der Media-Markt-Saturn-Gruppe.

Sogar vor unverhohlener Fremdenfeindlichkeit schreckt die Kette nicht zurück. Der Konzern zeigte in einem Spot Polen, die Media-Markt-Angestellte um ihre Hosen erleichterten. Die können das Klauen halt nicht lassen - diese Botschaft kam zumindest beim Zuschauer an. Nach Protesten von polnischer Seite wurde die Ausstrahlung gestoppt.

Wer so austeilt, sollte eigentlich selbst ein dickes Fell haben. Aber dem ist nicht so. Eine vergleichsweise harmlose Parodie auf die aktuelle Ferkel-Reklame, die der Kölner Rainer Kohnen im April 2006 auf seiner Webseite ins Netz gestellt hat, ging den Managern bereits zu weit. "Media-Blöd - Du so blöd wie Sau", hieß es auf media-bloed.de in einem Banner, das ganz ähnlich gestaltet ist wie jenes der Elektromarktkette. Natürlich ist die Seite im Media-Markt-Rot layoutet - und alle Naselang ist von "Sauerei" und "Ferkelei" die Rede. Offensichtlich eine Parodie.

Richtig bissig oder einfach nur geschmacklos?

Im November 2006 flatterte Kohnen eine Abmahnung von Media-Markt ins Haus. Verstöße gegen das Markenrecht warf ihm die Kanzlei Joachim Steinhöfel vor. Er solle die Inhalte umgehend aus dem Netz nehmen, was Kohnen dann auch tat. Die Kosten der Abmahnung beglich er jedoch nicht. Einige Wochen später schaltete er die Parodie jedoch wieder live - und auf seinem Videoblog fettisch.de zusätzlich eine Grafik, die Saddam Husseins Gesicht zeigt und die Überschrift "Saddam Sautot".

Ob das nun eine bissige Parodie ist, oder einfach nur eine geschmacklose - darüber kann man sicher streiten. Es bleibt aber eine Parodie, so sieht das zumindest der Münchner Anwalt Arne Trautmann, der den Fall beobachtet. "Für mich ist relativ klar, dass das unter Meinungsfreiheit fällt", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Meinungsfreiheit gelte auch für Äußerungen, die manche für geschmacklos hielten. "Satire darf schonungslos sein. Sie darf bis an die Grenze der Formalbeleidigung gehen."

Bei Media-Markt sieht man das anders. Vor allem die Saddam-Sautot-Geschichte sorgt für Empörung: "Es hat nichts mit freier Meinungsäußerung oder gar Satire zu tun", sagte Bernhard Taubenberger, Sprecher der Media-Markt-Saturn-Gruppe. Es sei "eine grobe Geschmacklosigkeit, ein erfolgreiches deutsches Unternehmen ohne jeden Anlass mit einem Massenmörder in Verbindung zu bringen".

"Berühmte Marke verunglimpft"

Rainer Kohnen hat die streitbare Parodie mit viel Wut im Bauch verfasst: "Mir ist die Werbung fürchterlich auf den Geist gegangen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Den Saturn-Spruch "Geiz ist geil" finde er fürchterlich. "Das spricht die niedersten Instinkte an." Das sei nicht nur schlechter Geschmack, auch die Moral der Menschen werde untergraben. Anstrengungen für mehr Bildung würden durch die vulgäre Sprache konterkariert.

Dass eine Debatte über guten und schlechten Geschmack vor Gericht kaum zu führen ist, ist den Media-Markt-Anwälten bewusst. Sie begründen ihre Abmahnung denn auch nicht mit Kulturthesen, sondern mit einer angeblichen Verletzung der Markenrechte und einem Verstoß gegen das Unternehmenspersönlichkeitsrecht, das es tatsächlich gibt. Die "berühmte Marke" Media-Markt werde von Kohnen "verunglimpft".

Der Blogbetreiber will die Unterlassungserklärungen jedoch nicht unterschreiben. Die Media-Markt-Anwälte haben mittlerweile vorm Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen Kohnen durchgesetzt. Demnach darf Kohnen die Saddam-Darstellungen nicht weiter öffentlich zugänglich machen, ebenso eine weitere Grafik mit der Kennzeichnung "Zensiert" - unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 250.000 Euro. Die Verfügung wurde am gestrigen Montag erlassen.

Anwalt Trautmann wundert sich ein wenig darüber, dass sich Media-Markt wegen Kohnens Parodie so empfindlich zeigt. "Wenn ich eine an die Grenzen des Geschmacks gehende Werbekampagne fahre, noch dazu mit einer solchen Penetranz, dann muss ich damit rechnen, dass Leute das aufs Korn nehmen", sagte er. "Ich muss es sogar hinnehmen." Dies sei übliche Rechtssprechung. Wer austeile, müsse auch einstecken können.

"Wenn man austeilt, muss man auch einstecken können"

Das wird von Media-Markt-Seite nicht einmal bestritten. "Jeder hat das Recht, unsere Werbung nicht zu mögen", sagte Sprecher Taubenberger. "Wir sind da alles andere als zart besaitet. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir jede Schmähkritik akzeptieren."

Media-Markt-Anwalt Steinhöfel fühlte sich übrigens von Kohnens Blog auch persönlich angegriffen. Seine Kanzlei schickte dem Kölner Ende 2006 noch eine dritte Abmahnung, in der Steinhöfel unter anderem gegen die Bezeichnung "Schweinhöfel" vorging. In einem früheren Interview hatte der Jurist noch bekannt: "Einen Grundsatz muss man doch wirklich auch akzeptieren: Wenn man austeilt - und ich denke, das tue ich -, dann muss man auch einstecken können." Auf die Frage von SPIEGEL ONLINE, ob das jetzt nicht mehr gelte, erklärte er: "Hat ein Boxer Nehmerqualitäten, heißt das noch lange nicht, daß er ohne Deckung herumläuft."

Übrigens hat Rechtsanwalt Steinhöfel offensichtlich einige Wissenslücken im Bereich Medien- und Urheberrecht. Auf seiner Homepage veröffentlicht er Texte verschiedener Medien, darunter auch aus dem SPIEGEL und von SPIEGEL ONLINE. Eine Genehmigung dafür hatte er nicht.

Hinweis: Die Information über die am 29. Januar vom Landgericht Köln erlassene einstweilige Verfügung gegen Kohnen wurde nach Erscheinen dieses Textes ergänzt. Der Gerichtsbeschluss wurde uns von den Media-Markt-Anwälten per E-Mail zugesandt.

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