Unpassende Onlinewerbung Dumme Maschinen sollten uns recht sein

Eine Frau hat eine Totgeburt. Sie thematisiert den Verlust online, bekommt aber weiter Werbung ausgespielt, die auf glückliche Mütter abzielt. Hätten das die Algorithmen nicht besser wissen müssen? Doch genau das können wir nicht wollen.

Ein Kommentar von


Gillian Brockell von der "Washington Post" fragt die großen Social-Media-Unternehmen in einem offenen Brief: Warum könnt ihr aus meinen Suchbegriffen, Hashtags und Klicks ableiten, dass ich schwanger bin und mir passende Anzeigen einblenden - aber wenn ich "untröstlich" und "Totgeburt" schreibe und Hunderte Tränen-Emojis von Freunden bekomme, könnt ihr nicht erkennen, dass mein Baby gestorben ist, und die Werbung anpassen oder gleich ganz stoppen?

Die Antwort lautet: Weil die Systeme zur Nutzerdatenanalyse der tatsächlichen Nutzung der Netzwerke hinterherhängen.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat wie kein Zweiter erkannt, dass das Mitteilungs- und Anteilnahmebedürfnis des sozialen Wesens Mensch auf ein früher nicht gekanntes Ausmaß gesteigert werden kann, wenn man nur die richtige Plattform dafür zur Verfügung stellt. In der Folge haben die sozialen Medien das Verständnis von Öffentlichkeit, Beziehungen und Interaktion verändert. Allerdings werden nun auch Verzweiflung und Trauer, Wut und Hass, Neid und Missgunst und alle anderen Ausprägungen des menschlichen Gefühlslebens online ausgelebt und dabei zum Teil gesellschaftlich neu verhandelt.

Die Analyse von Klicks, Posts, Likes, Suchbegriffen, Hashtags, Standort- und unzähligen weiteren Daten zur Bestimmung der Nutzerinteressen beruht hingegen noch immer auf der Annahme, dass soziale Netzwerke linear "das gute Leben" abbilden. Fröhliche Menschen, die mitteilen, was sie Schönes tun und haben, würden auch fröhlich noch mehr schöne Dinge tun und kaufen.

Was über "Mehr vom Selben" hinausgeht, ist schon fortschrittlich

Nun prallen diese beiden Systeme aufeinander: die komplexe Abbildung des menschlichen Lebens und die unterkomplexen Versuche, es maschinell zu interpretieren.

Wer eine Waschmaschine kauft, bekommt deshalb mehr Waschmaschinen angeboten. Die eigenen Fotos und Postings werden unaufgefordert zu Rückblicken zusammengestellt, die einem selbst die größten persönlichen Katastrophen wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn der Algorithmus das Foto vom Friedhof für besonders gelungen oder beliebt hält.

Wer sich ein verschwörungstheoretisches Video anschaut, bekommt zehn weitere empfohlen.

Wer als schwanger klassifiziert wird, aber irgendwann keine Werbung für Schwangerschaftsprodukte mehr sehen will, wird in der Folge als Mutter mit entsprechenden Bedürfnissen klassifiziert - das ist im Vergleich zum Prinzip "Mehr vom Selben" schon fortschrittlich, weil es immerhin eine mögliche Entwicklung widerspiegelt. Nur eben nicht die einzige.

Das mag, wie im Fall von Gillian Brockell, zu schmerzhaften Situationen führen. Trotzdem ist diese letzte Distanz zwischen Netzwerk und Nutzer wünschenswerter als Maschinen, die Menschen jederzeit richtig einschätzen. Denn wenn die Technik erst einmal so weit ist, dass sie auch emotionale Ausnahmesituationen richtig erkennt, wird sie zum perfekten Kontrollinstrument.

Regierungen wie die chinesische werden so etwas haben wollen, um alles zu entdecken und zu verfolgen, was nicht pure Harmonie ist - um Muster nicht nur zu erkennen, sondern um mustergültiges Verhalten zu erzwingen. Entsprechende Versuche laufen schon, auch in Deutschland. Wer nicht konform ist, ist verdächtig - das ist die Grundidee.

Wer nicht komplett durchleuchtet und überwacht werden will, ist mit dummen Algorithmen besser bedient als mit perfekten.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Grünspahn 12.12.2018
1.
Gratulation zu diesem sehr guten Kommentar, der leider den social-media-addicts nicht gefallen wird. Maschinen die perfect und fehlerfrei in ihrem Handeln sind, sind in allen Dimensionen unmenschlich. Das kann nur Diktatoren aller Art gefallen, der Meinungs und Menschenvielfalt laufen sie aber zuwider.
dasfred 12.12.2018
2. Dumme Algorithmen verkaufen dumme Werbung
Ich weiß nicht, was an meinem Suchverlauf die Maschinen inspiriert, mir ständig Werbung für Juwelen und Luxusmarken einzuspielen. Ich habe allerdings noch nie was im Netz bestellt und wenn ich nach Anbietern im Umfeld suche, um Preise zu vergleichen, gehe ich natürlich immer auch auf andere Seiten, so wie man früher auch Kataloge von vorn nach hinten durchblättert hat. Solange die Werbung für mich nicht besser zugeschnitten ist, als die Prospekte im Briefkasten, mache ich mir keine Sorgen. Und meine wahren Interessen verfolge ich ohne Netz.
noch_ein_forenposter 12.12.2018
3. Ein weiterer Grund
nur noch noch mit aktiviertem Werbeblocker ins Netz zu gehen. Da hat man dann seine Ruhe vor derlei Unsinn. Dazu noch den Inkognito-Modus nutzen, und alles ist gut. Allerdings geht dann Facebook nicht mehr. Seis drum!
roulaison 12.12.2018
4. Klar,
dass die Frau sauer ist. Aber: "Wenn ihr klug genug seid, mitzubekommen, dass ich schwanger bin, dass es eine Geburt gab, dann seid ihr sicher auch klug genug, mitzukriegen, dass mein Baby gestorben ist, und dann könnt ihr eure Anzeigen anpassen, oder vielleicht, aber nur vielleicht, mir gar keine mehr zeigen." Klug ist ein Algorithmus nicht. So funktioniert das nicht. Der Wunsch, dass aus gegoogelten Stichwörtern dann auf die Lebenssituation geschlossen wird, naja, weiß nicht, ob die Frau das wirklich will. Ist eher beruhigend, dass das noch nicht funktioniert.
AmyYma 12.12.2018
5. So traurig das Thema ist ...
... so zeigt es auch, dass es um Kommerz geht. Wie hätte die Konzerne nach Ansicht der Frau reagieren sollen? Keine Werbung schalten? Oder Werbung für Särge? Sorry!!! Dies sollte abermals eine Lehre sein, seine Daten eben nicht immer und überall preis zu geben. Cookies löschen! Cookies blockieren! Sich nicht ausspionieren lassen! Nicht erst in solchen oder ähnlichen Fällen! Sondern immer! Die Frau möchte, dass die Konzerne mitbekommen / analysieren, wenn man einen Trauerfall zu beklagen hat. Das geht ja dann noch tiefer in die Privatssphäre. Das möchte ich für mich schon gar nicht! Sorry, aber wer seine Daten hergibt, muss damit rechnen, dass diese von unsensiblen, nicht-empathischen Maschinen nach letztlich rein kommerziellen Gesichtspunkten analysiert und ausgewertet werden.
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