"Buzzfeed"-Klon "WeZeit" Katzenbilder für Chinas Elite

Das Startup "WeZeit" will das "Buzzfeed" Chinas werden. Die Gründer haben eine spezielle Verbindung nach Deutschland - und neben Katzenbildern streift die Seite heikle Themen wie Hongkong auf ganz eigene Weise.

Von , Peking

Fabian Reinbold

Willst Du Sozialismus, Weltfrieden oder deinen eigenen Börsengang? Und welche Katastrophe, die Hongkong heimgesucht hat, passt zu Dir: Sars, japanische Invasion oder Opiumkrieg?

Die chinesische Website "WeZeit" hat die Proteste in Hongkong mit einem Persönlichkeitstest begleitet. Sieben Fragen, fertig. Das Pekinger Start-Up will so das "Buzzfeed" Chinas werden.

Die Aussichten für chinesische Kopien größerer Internet-Erfolgsgeschichten sind nicht schlecht: Alibaba etwa hat seine Vorbilder Ebay und Amazon längst abgehängt. Und der Messagingdienst WeChat könnte WhatsApp bei den Nutzerzahlen bald überholen.

Buzzfeed, der Katzenbild- und Listenartikelgigant aus New York, hat erst im August 50 Millionen Dollar gesammelt, um zu expandieren. Doch bevor die US-Viralexperten nach China kommen, will sich das kleine "WeZeit"-Team in Peking schon mal einen Markt sichern, der gigantisches Wachstum verspricht.

In anderen Ländern waren "Buzzfeed"-Kopien bereits erfolgreich. In Israel etwa hat das Startup "PlayBuzz" das US-Vorbild kürzlich beim Social-Media-Verkehr überholt. Und in Deutschland hat der zwischenzeitliche Höhenflug der Copy-and-Paste-Seite "heftig.co" gezeigt, wie viele Menschen man aus dem Stand mit simplen Inhalten erreichen kann.

In China sind die Umstände andere. Der riesige Markt bietet zwar Raum für mehrere Viralseiten, gleichzeitig ist das Netz jedoch stark zensiert. Und so expandiert "Buzzfeed" momentan nach Deutschland, Indien und Japan. Zu Plänen für China sagen die Amerikaner nichts, auch eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE bleibt ohne Antwort.

"Huffington Post? Zu politisch"

Allzu Politisches wollen die Gründer von "WeZeit" vermeiden, um das junge Unternehmen nicht zu gefährden. Die beiden Gründer, die Journalisten Yu Wei und Xu Zhiyuan, sind erfahrene Journalisten, die zusammen bereits mehrere Magazine geleitet haben. Diesmal sollte es, natürlich, etwas im Netz sein. Auf ein Business-Newsportal hatten sie nach zehn Jahren Wirtschaftsjournalismus keine Lust mehr. "Dann wollten wir eine Art 'Huffington Post' machen, doch das war uns zu politisch", erzählt Geschäftsführerin Yu Wei.

Damit lagen sie nicht falsch. Erst Ende Juli, kurz bevor "WeZeit" an den Start gehen sollte, machte das Portal "House News", das sich als "Huffington Post" Hongkongs begriff, auf politischen Druck hin dicht.

Einen Überbau will Gründer Xu Zhiyuan "WeZeit" trotzdem geben: "Wir wollten etwas erschaffen, das jungen Chinesen eine neue Stimme gibt", sagt er. "Wir machen Chinas 'Buzzfeed', aber eine Spur intellektueller."

"WeZeit" zielt auf junge Leute, die im Ausland studieren oder nach dem Ausflug in den Westen wieder in die Heimat zurückkehren, um Karriere zu machen - die junge Elite Chinas, die gut verdient und ihre Smartphones kaum noch aus der Hand legt. "Die Leser", sagt Xu, "kennen gute Inhalte aus dem Ausland, sie sind anspruchsvoll". "WeZeit" will daher mehr bieten als das sonst auf chinesischen Portalen übliche Kopieren ohne Quellenangabe.

"20 Songtitel, die lustig sind"

Intellektuell wirkt die Seite auf den ersten Blick nicht unbedingt. Es gibt Katzenbilder, die unvermeidbaren GIFs, das tägliche Quiz. Auch die "Buzzfeed"-Optik samt LOL und WTF erkennt man sofort wieder. Beliebte Geschichten heißen in diesen Tagen: "20 Songtitel, die lustig sind, wenn man sie ins Chinesische übersetzt". Oder "7 Obst- und Gemüsesorten, die dich bei Smog retten." Inhalte, eigens für China gemacht.

Als in Hongkong Ende September Demonstranten mit Tränengas verjagt wurden, gab es auch einen Listenartikel dazu, was man gegen Tränengas tun kann. Das Wort Hongkong kam darin aber nicht vor. Redaktionsleiter Yifan Zhang sagt: "Wir machen zu Hongkong nur dann etwas, wenn es in den chinesischen sozialen Medien ein heißes Thema ist."

Ähnlich erklären die Macher auch den für Chinesen ungewöhnlichen Namen "WeZeit". Man wolle "den Zeitgeist einfangen. "Außerdem lieben wir 'Die Zeit'!", sagt Geschäftsführerin Yu über die deutsche Wochenzeitung. Yu ist mit einem Deutschen verheiratet, lebt zum Teil in Berlin. Für sie jagen nun ein gutes Dutzend junger Leute in einem Loft im Nordosten Pekings dem Zeitgeist hinterher.

Native Ads sollen für Umsatz sorgen

Zehn Millionen US-Dollar, knapp acht Millionen Euro, hat der Hedgefonds TrustBridge Partners gesammelt, auch in den USA, und WeZeit vorgeschossen. Nach zwei Monaten greifen nach "WeZeit"-Angaben mehrere Hunderttausend Unique User täglich auf die Seite zu.

Das große Geld bringen sollen am Ende sogenannte Native Ads: Artikel und Quiz, die eigens für Werbekunden erstellt werden. In Form und Stil unterscheiden sie sich nicht von anderen Inhalten, ähnliche wie die "Sponsored Posts" bei "Buzzfeed".

Den ersten Auftraggeber für diese Werbeform hat "WeZeit" bereits an Land gezogen, einen deutschen Autohersteller. Für ihn baut man zum China-Start einer neuen Marke ein eigenes Quiz.

Während sich traditionelle Medien gegen Native Ads wehren, sehen die "WeZeit"-Macher darin kein Problem. "Schon unsere jetzigen Artikel könnten Native Ads sein", sagt Redaktionsleiter Zhang. "Unsere Leser werden den Unterschied gar nicht bemerken."

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DerVO 06.11.2014
1.
Zitat: Während sich traditionelle Medien gegen Native Ads wehren, sehen die "WeZeit"-Macher darin kein Problem. "Schon unsere jetzigen Artikel könnten Native Ads sein", sagt Redaktionsleiter Zhang. "Unsere Leser werden den Unterschied gar nicht bemerken." Danke für die Offenheit.
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