Gegenentwurf zu Facebook Wie Digg zur Startseite des Internets werden will

Keine Tricks, weniger Tempo, strenge Auswahl: Die neuen Besitzer der einstigen Social-Media-Quatschbude Digg haben die Seite gründlich umgebaut und wollen nur noch die wichtigsten Links des Tages präsentieren.

Digg-Redaktionsleiter David Weiner: Internet wie vor 15 Jahren
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Digg-Redaktionsleiter David Weiner: Internet wie vor 15 Jahren

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Auf Digg herrschte einst der Schwarm: Nutzer konnten auf der US-Website Links auf interessante Webseiten eintragen, die dann mit einem virtuellen Daumen hoch oder Daumen runter bewertet werden konnten. Dann, vor zwei Jahren, wechselte die zeitweise sehr erfolgreiche Seite den Besitzer. Seitdem ist der Schwarm Geschichte, übrig geblieben ist nur der Name. Redakteure wählen nun aus, was ihrer Meinung nach die wichtigsten Geschichten des Tages sind.

Die Linksammlung ist eigentlich ein altes Konzept. So fingen 1998 Blogs an, so startete 2005 die "Huffington Post". Spätestens seit dem Riesenerfolg von Facebook gilt das Konzept der klassischen Homepage aber als hoffnungslos veraltet. Rund 14-mal am Tag rufen Facebook-Mitglieder die Seite auf, meistens über ihre Handys, und schauen nach, was die Freunde dort an Artikeln und Videos empfehlen.

Bei der "New York Times" und anderen Publikationen lässt sich der Effekt messen: Weniger Nutzer steuern die Homepage an, immer mehr kommen direkt auf Artikel - über Facebook, WhatsApp und andere soziale Netze. Die sind die neue Startseite, gab der Chef der deutschen "Huffington Post" unlängst als Losung aus. Und Digg? Macht alles anders.

120 Links jeden Tag

Digg-Redaktionsleiter David Weiner will nicht an den Tod der Homepage glauben: "Es gibt so viel Zeug, da hilft es vielen Menschen sehr, an die Hand genommen zu werden." Auf einen Blick wissen, was gerade wichtig ist, das soll Digg leisten. Neben Weiner sind fünf Redakteure damit beschäftigt, interessante Artikel zu finden, Trends aufzuspüren und jeden Tag rund 120 Links zu veröffentlichen.

"Wir machen das Internet langsamer", sagt Weiner, "und vielleicht sind wir sogar noch einen Tick zu schnell." Auch lustige Videos zeigt Digg, der Großteil der verlinkten Artikel ist aber ernster Natur: viel Politik, viel Wissenschaft, außerdem Technik und Netzkultur.

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Neues Digg: Mehr Orientierung für das Netz
Was es auf Digg nicht gibt: Clickbait, reißerische Überschriften zu oft belanglosem Entertainment, wie es Seiten wie Heftig oder Upworthy vormachen. "Bei uns kann ein Redakteur genau einmal vom lustigsten Video überhaupt schreiben", sagt Weiner und muss lachen: "Aber manchmal ist ein Clip einfach das Lustigste des Tages."

Start-up-Schmiede aus New York

Die Überschriften und kurzen Texte zu den Links sind oft besser als das Original - und oft mit einem ironischen Kommentar versehen. Digg zielt auf schlaue Leser ab. "Mir hat mal jemand gesagt, wir seien BuzzFeed mit einem Doktortitel", sagt Weiner. Wie viele Millionen Leser er damit erreicht? Weiner zuckt mit den Schulter, Zahlen will er nicht sagen. "Wir wachsen, das zählt, was in zwei Jahren ist, werden wir dann sehen."

Aktuell probiert sich Digg an eigenen Inhalten aus. "Manchmal saßen wir herum und haben auf einen Artikel zu einem aktuellen Ereignis gewartet, weil wir wussten: Unsere Leser interessiert das", sagt Weiner. Nun schreiben sie solche Texte zum Teil selbst. Als nächstes stehen Datenvisualisierungen auf dem Programm - und auch über Ableger in anderen Ländern denken die Digg-Macher nach.

Möglich macht das Experiment Betaworks, eine Start-up-Fabrik für Medienunternehmen in New York. Die betreibt unter anderem eine Suchmaschine für Wackelbilder und hat ein populäres Handyspiel namens "Dots" herausgegeben. Auch Werkzeuge zur Analyse von sozialen Netzen und Webseitenbesuchen stammen aus der Betaworks-Schmiede. Bei all dem fallen viele Daten darüber an, was Nutzer wie im Internet machen - davon profitieren die Betaworks-Projekte.

Keine Kommentare, keine Überschriftentricks

Mittlerweile gibt es bei Digg erste Versuche, Geld zu verdienen. Dabei wird auf die Trennung zwischen Redaktion und Werbeabteilung verzichtet: "Wir wissen, wie unsere Nutzer ticken und was wir ihnen anbieten können, wir suchen uns deshalb die Werbung aus, die zu uns passt und hinter der wir stehen können", sagt Weiner. Eine Einflussnahme fürchtet er nicht: "Wir machen ja vor allem Links und legen uns nicht selbst mit einflussreichen Personen oder Pharmakonzernen an."

In Deutschland würde eine Seite wie Digg sofort im Verdacht stehen, auf Kosten anderer ein Geschäft zu machen - die allermeisten Inhalte haben schließlich Verlage und Blogger erstellt, mit hohem Aufwand. Oft nutzt Digg auch Fotos der Originalseiten für seine Links. Weiner lacht, er hat von der speziellen deutschen Sicht auf das Internet gehört. "Wir schicken den Verlagen Besucher", sagt er, beschwert habe sich deswegen noch niemand.

16 Mitglieder zählt das Digg-Team derzeit, Weiner hofft, es in den kommenden zwei Jahren verdoppeln zu können. Außerdem soll es eine stärkere Rückkopplung zu den Lesern geben - auch auf eine Kommentarfunktion verzichtet Digg derzeit. So modern die Seite aussieht, so altbacken ist die Idee dahinter. Vielleicht ist es einfach genau die richtige Zeit dafür.

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insgesamt 3 Beiträge
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yshitake 02.07.2014
1. Fehlender Anzeige-Hinweis
Ich betreibe auch eine private Homepage, und hätte auch nichts dagegen die Startseite des Internets zu werden. Ich bitte die Spon-Redaktion daher, in den nächsten Tagen mit mir in Kontakt zu treten, um weitere Details über den Inhalt des dafür anzulegenden pseudo-informativen Propaganda-Artikels abzuklären. Vielen Dank
titoandres 02.07.2014
2. @yshitake
Sie müssen einfach relevant werden. So haben Zeitungen und Magazine schon immer funktioniert. Wenn Sie relevant sind, berichtet man über sie. Dann bekommen Sie mehr Zulauf. Es ware ähnlich klug, wenn sich hier ein Straßenmusiker darüber beschweren würde, dass hier eher über Lady Gaga berichtet wird als über ihn. Ist das nachvollziehbar? Wo man glaubt, Korruption und seltsame Methoden entdeckt zu haben, steckt da eigene Unverständnis dahinter.
drosan 02.07.2014
3. Digg hat doch den Großteil der Nutzer an Reddit verloren
und zwar schon vor Jahren.
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