Gekürzter Newsfeed: Wie Facebook filtert

Von Thomas Schulz, San Francisco

Ein kleiner Meetingraum im Facebook-Hauptquartier in Menlo Park, Gebäude 12, direkt vor der kostenlosen Aufladestation für Elektroautos. Zum ersten Mal soll es in den folgenden 90 Minuten einen "Einblick in den Maschinenraum" des sozialen Netzwerks geben.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Der Newsfeed zeigt nicht alles Zur Großansicht
REUTERS

Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Der Newsfeed zeigt nicht alles

So verspricht es Chris Cox, Produktchef von Facebook und einer der engsten Vertrauten von Mark Zuckerberg. Offener wolle man künftig sein, den Dialog mit den Nutzern suchen. Und als Erstes soll es gleich um das Herzstück des Netzwerks gehen: "Wir wollen den Newsfeed entmystifizieren", sagt Cox.

Die neue Offenheit kommt überraschend. Bislang gab sich Facebook stets äußerst verschwiegen, wenn es darum ging nach welchen Kriterien die Aktivitäten von Freunden - Status-Updates, Fotos, Likes - sichtbar sind oder unterschlagen werden. Einfach alle der sogenannten Storys anzuzeigen sei keine Option, betont Lars Backstrom, als leitender Ingenieur für den Newsfeed zuständig. Warum? "Es sind einfach zu viele, 1500 Storys am Tag für den durchschnittlichen Nutzer".

Facebook zeigt Nutzern nur 20 Prozent des Angebots

Also wählt ein Algorithmus aus, was überhaupt im Newsfeed auftaucht und in welcher Reihenfolge. Am Ende bleibt nur ein Bruchteil aller Storys übrig, laut Backstrom im Schnitt rund 20 Prozent, also 300. Das Ziel: "Alle Posts anzuzeigen, die für den Nutzer interessant sind. Und wenn wir dazu glauben, dass eine Story besonders relevant ist, kommt sie ganz nach oben."

Das geht allerdings nicht selten ziemlich daneben. Nur allzu oft bekomme ich in meinem Newsfeed einerseits ganz prominent die wackeligen Fotos von der "wahnsinnig leckeren Pizza" meines Cousins zweiten Grades zu sehen, mit dem ich sonst nur ein Mal im Jahr beim Familientreffen ein paar Worte wechsele. Die Status-Updates meines inzwischen in Australien lebenden ehemaligen WG-Mitbewohners, über die ich mich immer freue, bekomme ich dagegen so gut wie nie zu sehen.

Die undurchsichtigen Kriterien haben offenbar zu so vielen Beschwerden genervter Nutzer geführt, dass die Facebook-Manager Cox und Backstrom nun Aufklärungsarbeit leisten sollen.

Kätzchen schlägt nachdenklichen Kommentar

Die Auswahlalgorithmen werden vor allem von zweierlei beeinflusst, erklärt Backstrom. Zum einen die eigene Interaktion mit Freunden, also wie oft man etwa Fotos anschaut oder ein "Like" hinterlässt. Das ist naheliegend. Hinzu kommt aber auch, wie populär eine Story bei allen anderen ist. Entsprechend ist dann gerne mal das niedliche Katzenfoto ganz oben im Newsfeed, für das viele Freunde ein "Like" übrig hatten. Nicht aber der nachdenkliche Kommentar, für den sich kaum jemand interessieren wollte.

Angefüttert noch mit weiteren Kriterien wie etwa die Beziehung zum Autor eines Posts ordnet Facebook jeder Story automatisch eine Punktzahl zu. Posts mit hohen Punktzahlen landen ganz oben, niedrige fliegen raus.

Was also muss ich tun, um sicherzustellen, dass der Algorithmus künftig höhere Punktzahlen für die Storys von Freunden ausspuckt, die mich wirklich interessieren? "Ganz einfach: möglichst viel liken, klicken, kommentieren", betont Cox.

70 statt 57 Prozent gelesene Posts

Den Facebook-Ingenieuren ist dabei durchaus klar, dass es noch einigen Verbesserungsbedarf gibt. "Im Vergleich zu den Anfängen sind wir inzwischen aber weit gekommen", betont Cox, der schon seit 2005 bei Facebook ist. Einst habe man "per Hand an den Knöpfen gedreht". An der neuesten Weiterentwicklung dagegen hätten Hunderte Entwickler mehrere Monate gearbeitet: Facebook verfolgt nun, welche Storys im Newsfeed tatsächlich gesehen werden. Wenn als wichtig eingestufte Posts ungesehen bleiben, werden sie unabhängig von der sonst bestimmenden Chronologie noch einmal ganz nach oben gestellt.

Die Konsequenz: Im Test wurden mehr der im Newsfeed auftauchenden Storys gelesen, im Schnitt 70 Prozent statt wie bisher 57 Prozent.

Und noch eine Neuerung kündigte Backstrom an. Ab sofort sollen auch mehr kurzfristige Interessen in die Bewertung von Posts einfließen. Es wird nicht mehr nur das langfristige Nutzerverhalten ausgewertet, sondern auch die letzten 50 Interaktionen werden einbezogen. Für kurze Zeit zumindest können dadurch die Posts von Freunden an prominenter Stelle weit oben im Newsfeed landen, die sonst als weniger relevant eingestuft worden wären.

Facebook werde es nun auch weiterhin mit mehr Transparenz versuchen, betont Cox. Künftige Änderungen sollen unter anderem über ein eigens installiertes neues Blog öffentlich gemacht werden.

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insgesamt 20 Beiträge
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1.
eraser.org 07.08.2013
Aha, da mein Bekannte immer vier like auf sein "Guten morgen" bekommt, entfällt so manch Tiefsinnigerer Kommentar anderer Freunde. Mir wäre lieber ich könnte die Prioritäten selbst setzen...
2.
musikimohr 07.08.2013
Mir bleibt es ein Rätsel, wie man facebook ernst nehmen kann. Und so hier besprechen kann, wie einem die Realität vorgefiltert wird. Allein die Tatsache, dass facebook Mitglieder auffordert ihre Zugangsdaten für sämtliche Emailaccounts einzugeben, müsste einem normal begabten Menschen zeigen, wohin er da geraten ist. Die Übergabe dieser Daten befähigt facebook dazu sämtliche Daten, die sich in einem solchen Account verbergen auszulesen und zu kopieren, ohne dass der facebookler das merken würde: Intimste Emails seiner facebook-mit-guten-Gründen verachtenden Freundin oder seiner Mutter an ihn fallen so in die Hände facebooks. Es reicht einen Dummschädel in der entfernten Bekanntschaft zu haben. Das bedeutet letztlich auch .... : Wir sind alle bei facebook. Manche freiwillig.
3. Ein Lob auf die Twitter Streaming API
TwittStorm 07.08.2013
Ungefiltert und ich Echtzeit - siehe http://twittstorm.com
4.
mikestichel 07.08.2013
Genau! Wie kann man in Zeiten von Prism für solch eine Webseite, die ihr Geld mit den Daten von Usern verdient, Werbung machen? Datenschutz ist keine Kleinigkeit. Es ist ein Menschenrecht. In diesem Sinne auch einen schönen Gruß an Herrn Schäuble!
5.
mr.teflon 07.08.2013
Na ja, die Prioritäten kann man bis zu einem gewissen Grad schon selbst setzen. Wenn man sich bei bestimmten Freunden nicht auf den Algorithmus verlassen möchte, kann man diese zu der voreingestellten Freundesliste "Enge Freunde" (Close Friends) hinzufügen. Das ist die mit dem gelben Stern daneben. Deren Updates bekommt man dann IMMER angezeigt und wird sogar per Meldung darüber informiert. Das hebt zwar die Probleme der Newsfeed-Selektion nicht komplett auf, würde aber das Problem des Autors lösen, dass er teilweise Updates seines ehemaligen Mitbewohners aus Australien verpasst. Ein bisschen schade dass darauf hier nicht hingewiesen wurde, wie auch auf die generelle Möglichkeit dem Newsfeed über entsprechende Funktionen mitzuteilen, wenn "er" sich geirrt hat und man etwas doch nicht sehen möchte, was der Algorithmus als wichtig eingestuft hat.
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    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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