Forschungsprojekt Wie man Lügen in E-Mails erkennt

Wann belügt der Verfasser eines Textes seine Leser? Mit einem neu entwickelten Algorithmus untersuchten britische Forscher Tausende E-Mails auf sprachliche Muster. Und sie wurden fündig.

DPA

Von Harvard-Business-Manager-Redakteurin Gesine Braun


Jeden Monat überprüfen wir vom Harvard Business Manager die Thesen von Wissenschaftlern. Diesmal geht es um die Annahme: Textalgorithmen können Lügen in E-Mails enttarnen.

Daran forschen Stephan Ludwig, Associate Professor an der University of Surrey (zum Zeitpunkt des Interviews noch Junior Professor für Marketing an der University of Westminster), und Tom Van Laer, Junior Professor für Marketing an der Cass Business School der City University London. Das Ergebnis ihrer Analyse: Wer lügt oder die Wahrheit stark verbiegt, hält sich beim Schreiben unbewusst an bestimmte Regeln.

Harvard Business Manager: Herr Ludwig, Herr van Laer, haben Sie wirklich eine Formel gefunden, mit der man berechnen kann, ob der Verfasser eines Textes die Wahrheit geschrieben hat oder nicht?

Stephan Ludwig

Stephan Ludwig

Ludwig: Wir sind zumindest auf dem besten Weg dorthin. Unser Algorithmus kann bereits sehr viele Signale identifizieren, die mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Betrug hindeuten. Es hapert im Grunde nur noch an Feinheiten. Wir müssen dem System etwa noch beibringen, dass es regionale Färbungen der Schriftsprache gibt und dass Menschen, die in einer Zweit- oder Drittsprache schreiben, mitunter andere Wörter oder Formulierungen benutzen als Muttersprachler. Auch was den Kontext angeht - also den größeren Zusammenhang, in dem eine Textpassage steht -, stecken wir noch in den Kinderschuhen. Doch beim alltäglichen E-Mail-Austausch im Geschäftsleben haben wir mit unserer Formel schon viele schöne Erfolge erzielt.

Harvard Business Manager: Woran erkennt Ihr Algorithmus, dass ein Schreiber lügt?

Tom Van Laer

Tom Van Laer

Van Laer: Es gibt drei unterschiedliche Kommunikationsebenen, die wir mit unserer Formel überprüfen: In einem ersten Durchgang scannen wir einen Text auf der reinen Wortebene. Der Algorithmus untersucht dann etwa, welche Wörter jemand benutzt und inwiefern er dabei vom normalen Gebrauch dieser Wortgruppen abweicht. Im zweiten Durchgang erforschen wir die strukturelle Ebene, also die Art und Weise, wie der Verfasser eines Textes seine Argumentation aufbaut. Und die dritte Ebene dreht sich um die stilistische Anpassung der Schreibweise an den Leser: Spricht der Autor den Empfänger direkt an?

Harvard Business Manager: Können Sie das konkretisieren?

Ludwig: Lügner verwenden beispielsweise weniger Personalpronomen und garnieren ihre Texte auffallend häufig mit Adjektiven. Da sind Ereignisse plötzlich "herausragend", der Wille "eisern" und die Zusammenarbeit "toll". Vor allem die erste und zweite Person, also "ich", "du", "wir" und "ihr", taucht in Texten, die nicht die Wahrheit wiedergeben, sehr viel seltener auf. Auffällig war auch, dass Lügner bei der Leseransprache sehr häufig Wörter verwenden, die vermeintliche Leistungen unterstellen. Dazu zählen etwa Verben wie "verdienen" oder Adjektive wie "hervorragend". Wir sind Marketer und keine Psychologen, aber angesichts dieses Ergebnisses drängt sich der Eindruck auf, dass Lügner ihre Leser bauchpinseln wollen, damit diese nicht auf die Schwachstellen des Textes aufmerksam werden.

Harvard Business Manager: Wie ist ein Text aufgebaut, der andere Menschen täuschen soll?

Ludwig: Wer lügt, tendiert offensichtlich dazu, seinen Text besonders intensiv zu strukturieren. Bei der Analyse der E-Mails fiel uns nämlich auf, dass Autoren, die nicht die Wahrheit schrieben, Konjunktionen wie "weil", "so", "als", "deswegen" oder "obwohl" sehr viel bewusster einsetzten. Auch hier mag es eine psychologische Begründung geben: Wer sich etwas ausdenkt, schreibt meist nicht wirklich spontan. Denn das, was er wiedergibt, hat er in Wirklichkeit weder erlebt noch gefühlt. Es fehlt an authentischen Erinnerungen. Vielleicht ist das der Grund, warum es in einem erlogenen Text so viele Sätze gibt, die mit Konjunktionen beginnen. Die Autoren versuchen offensichtlich, ihre Texte möglichst glatt zu schleifen, damit der Leser nirgendwo stolpert und dadurch skeptisch wird.

Machen Sie spaßeshalber mal den Selbsttest und bitten Sie ein Familienmitglied oder einen Kollegen, eine erfundene Geschichte zu verfassen. Wir versichern Ihnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen der Text bei genauerem Lesen überstrukturiert und mitunter geradezu orchestriert vorkommt, ist groß.

Harvard Business Manager: Wenn es so offensichtliche Signale gibt, ist es doch merkwürdig, dass viele Leser dennoch auf erlogene Informationen hereinfallen. Man denke nur an die Unmengen von Spam, die täglich unsere Mailboxen überfluten.

Ludwig: Lügner versuchen es ihrem Gegenüber möglichst schwer zu machen, sie zu enttarnen. Dazu passen sie sich in hohem Maße den Sprach- und Kommunikationsgepflogenheiten des Empfängers an. Wir konnten in unserer Studie belegen, dass sich die Texte von Lügner und Leser im Laufe ihrer schriftlichen Unterhaltung immer mehr angleichen. Je intensiver und länger eine E-Mail-Unterhaltung ist, desto höher ist auch der Grad dieser Anpassung - und zwar sowohl was die Verwendung ähnlicher Wörter und Ausdrücke als auch was den allgemeinen Sprachduktus und den Kommunikationsstil angeht. Wir vermuten, dass Lügner auf diese Weise versuchen, ihren Lesern zu schmeicheln, damit diese weniger kritisch sind.

Harvard Business Manager: Stach einer der von Ihnen genannten Faktoren stärker heraus als die anderen?

Ludwig: Alle drei Indikatoren waren statistisch signifikant. Der Hang zur Überstrukturierung und das Vermeiden der direkten Leseransprache lagen jedoch leicht vorn.

Harvard Business Manager: In der Verhörtechnik heißt es, dass es häufig gerade die nonverbalen Signale seien, die verraten, ob ein Mensch die Wahrheit sagt oder nicht. Kann der Algorithmus nicht auch mal irren?

Van Laer: Menschen, und zwar selbst sehr gut trainierte Polizisten, können lediglich mit einer Wahrscheinlichkeit von 54 Prozent erkennen, ob ihr Gegenüber lügt oder nicht. Ihre Erfolgsquote liegt damit immerhin um vier Prozent höher als bei einer reinen Zufallsentscheidung. Doch diese Werte erreichen sie nur, wenn es um das gesprochene Wort geht. Bei schriftlichen Texten liegen Menschen sehr viel häufiger daneben. Unser Algorithmus dagegen hat inzwischen schon eine Erfolgsquote von 60,02 Prozent - und das, obwohl er sich nur auf die untersuchten Wörter bezieht und weder das Umfeld noch das Psychogramm des Autors berücksichtigt. Wir haben in unseren Algorithmus keinerlei Erfahrungswerte mit einbezogen. Wenn man sich das vergegenwärtigt, ist unsere Erfolgsquote sogar außerordentlich gut. Lässt man Hintergrundinformationen zur Person in das Berechnungsmodell mit einfließen, wie zum Beispiel Geschlecht, Lebenserfahrung des Verfassers oder das Verhältnis zwischen Autor und Empfänger, erreicht man bei der automatischen Erkennung von Täuschungsmanövern im E-Mail-Schriftverkehr sogar Erfolgsquoten von bis zu 70 Prozent.

Harvard Business Manager: Haben sich schon Interessenten bei Ihnen gemeldet? Immerhin gäbe es für den Algorithmus einige interessante Anwendungsmöglichkeiten.

Ludwig: Fraglos. Verbraucher könnten damit beispielsweise den Wahrheitsgehalt von Werbeaussagen untersuchen, Unternehmen die Angebote von Lieferanten prüfen. Doch wie bei fast allen neuen Entwicklungen gibt es auch eine Kehrseite: Unternehmen könnten computergestützte Kommunikationsprogramme beispielsweise auch nutzen, um ihre Mitarbeiter zu kontrollieren: War jemand wirklich krank, hat ein Beschäftigter ein Projekt tatsächlich mit voller Kraft vorangetrieben?

Wie Sie sehen, bewegen wir uns mit unserer Forschung in einem sehr sensiblen Bereich. Aus rein wissenschaftlicher Sicht sind unsere Ergebnisse trotzdem sehr spannend. Menschen nutzen seit Urzeiten Täuschungsmanöver, um ihre Ziele zu erreichen - das Trojanische Pferd ist eines der berühmtesten Beispiele dafür. Studien gehen davon aus, dass wir im Durchschnitt mehr als 200-mal pro Tag die Unwahrheit zu hören bekommen. Die meisten entspringen gar nicht mal böser Absicht, wie beispielsweise ein gut gemeintes, aber unrealistisches Kompliment oder ein Beschwichtigungsversuch mithilfe einer kleinen Unwahrheit. Wenn Lügen also integraler Bestandteil der menschlichen Natur sind, sollten wir zumindest ein wenig besser verstehen, warum wir einander so oft täuschen und was die Signale dafür sind.

Harvard Business Manager: Haben Sie schon Pläne für Ihr nächstes gemeinsames Forschungsprojekt?

Van Laer: Da gibt es viele Ideen. Mich würde beispielsweise interessieren, was einen Menschen überhaupt dazu bringt zu lügen. Früher nahm man an, dass Täuschungen mit der Höhe des durch sie erzielten Gewinns korrelieren, doch inzwischen gibt es Studien, die diesen Zusammenhang widerlegen. Reichen unsere ökonomischen Erklärungsversuche überhaupt aus, um dieses menschliche Verhalten zu ergründen? Viel Forschungsbedarf gibt es aus unserer Sicht auch bei denjenigen, die auf einen Lügner hereinfallen. Wie kann man Menschen dahingehend schulen, dass sie Täuschungsmanöver schneller durchschauen? Sie sehen: Es gibt noch viel zu tun, wirklich.


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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
unzensierbar 28.09.2016
1.
Das sollte man mal auf Nachrichtenwebsiten wie hier laufen lassen. Das wäre dann lustig.
UlliK 28.09.2016
2. Vielen Dank
Jetzt weiß ich genau, worauf ich achten muß, damit ich mich ehrlich anhöre :-)
jürgenstock 28.09.2016
3. Trivialpsychlogie
Das ist Trivialpsychlogie, was Ludwig und Van Laer dort verbreiten. Wieso eigentlich sollten Emails spontan geschrieben sein, um authentisch zu sein? Es soll auch heute noch Leute geben, die längere Gesankengänge pflegen und darstellen, und dazu braucht man Wörter (Konjunktionen), die Kausalitäten darstellen.
irene_vaplus 28.09.2016
4. Pr
Und nun wenden wir das Gelernte bitte auf PR und insbesondere redaktionelle PR an. Gerne auch auf die PKs großer Konzerne oder Regierungen. Was bleibt dann noch übrig? Ich möchte belogen werden. Je versierter, desto besser. Ich bin an armseligen Wahrheiten nicht interessiert.
nerdchen 28.09.2016
5. Anwendbarkeit eingeschränkt
Zitat von jürgenstockDas ist Trivialpsychlogie, was Ludwig und Van Laer dort verbreiten. Wieso eigentlich sollten Emails spontan geschrieben sein, um authentisch zu sein? Es soll auch heute noch Leute geben, die längere Gesankengänge pflegen und darstellen, und dazu braucht man Wörter (Konjunktionen), die Kausalitäten darstellen.
Ich stimme Ihnen zu, was komplexere Mails betrifft, die einen strukturierten Gedankengang darstellen. (Nichtsdestoweniger wird ja empfohlen, Mails möglichst in der Größenordnung von vier Sätzen zu verfassen.) Dass der Algorithmus bei kurzen Mails mit wenig Inhalt brauchbar sein könnte, glaube ich dennoch. Vielleicht sollte man mal die VW-Mails da durchlaufen lassen. :-) -nerdchen
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