Erregungsdemokratie Wie soziale Medien die Politik beherrschen

Die deutsche Politik ist im digitalen Erregungszirkus angekommen. Soziale Netzwerke wie Facebook dominieren die Debatten - und tragen dazu bei, dass die Gesellschaft zerfällt.

Martin Schulz fotografiert sich mit YouTubern
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Martin Schulz fotografiert sich mit YouTubern

Ein Essay von


Am 17. Februar ereignet sich in Deutschland ein Wunder. Die Forschungsgruppe Wahlen, die den Deutschen die Sonntagsfrage stellt und monatlich die "politische Stimmung" in Deutschland ermittelt, misst einen Sprung der SPD auf 42 Prozent, 13 Punkte mehr als noch einen Monat zuvor. Zum ersten Mal seit Langem liegen die Sozialdemokraten wieder weit vor der Konkurrenz von CDU und CSU - mit einem unglaublichen Vorsprung von zehn Punkten. Wie ist das möglich? Was geht da vor?

Die gängigen Erklärungen für das Phänomen drehen sich um die Kür des sympathischen Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten. Schulz ist Ende Januar vom SPD-Parteivorstand einstimmig nominiert worden. Die Leitartikel im Februar reden davon, dass Schulz, ein altgedienter und verdienter Europapolitiker, frischer wirkt als Kanzlerin Angela Merkel nach drei Amtsperioden. Die Interpreten in Print, Funk, Netz und Fernsehen sagen: Der SPD gelinge es mit dem neuen Mann, eingeschlafene Wählermilieus zu reaktivieren, den Politikbetrieb zu beleben, Hoffnung zu verbreiten, und das mag sich zu diesem Zeitpunkt alles so anfühlen. Aber es stimmt nicht.

Die Wahl ein halbes Jahr später wird völlig anders ausgehen. Martin Schulz ist im Februar, bildlich gesprochen, ein Mann kurz vor einer unfreiwilligen "Ice Bucket Challenge", eigentlich bloß ein Internetphänomen. Und die SPD wird den Weg gehen wie zuvor der "Harlem Shake" oder "Pokémon Go": Für ein paar Sekundensplitter der Welt- und Webgeschichte ist sie ganz oben, sie ist das virale Ding, das den Zeitgeist am allerbesten fühlbar macht, aber wenig später ist alles schon wieder verpufft, veraltet und so gut wie vergessen.

Die deutsche Politik ist im Wahljahr 2017 endgültig im digitalen Erregungszirkus angekommen. "Wirklichkeit" wird zu einem schnelllebigen, zersplitterten Konzept. Aus dem "Strukturwandel der Öffentlichkeit", den der Philosoph Jürgen Habermas Anfang der Sechzigerjahre, anderthalb Jahrzehnte vor der Marktreife der ersten (und noch nicht vernetzten) "Homecomputer", beschrieb, ist ein Strukturbruch geworden, eigentlich: ein Trümmerfeld.

Alles, was sich Sender und/oder Empfänger nennt, liegt darauf in größeren und kleineren Klumpen verstreut, auch alles, was noch immer grob als "die Medien" geführt wird.

Da sind die alten überregionalen Zeitungen, die "Süddeutsche", die "Frankfurter Allgemeine", ihre Redaktionen durch ökonomische Zwänge arg dezimiert. Da sind die stolzen Schiffe aus Hamburg, SPIEGEL, "Stern", "Zeit", nach Kräften bemüht, ihren Kurs bei ablaufendem Wasser irgendwie zu halten. Da sind die Springers, die Madsacks, die Funkes, die Burdas und Bertelsmanns, die großen und kleinen Verleger, die Boulevard-, Regional- und Lokalzeitungen, die Gratisblättchen, alle immer noch irgendwie da, immer noch Schwarz auf Weiß, auf Papier, immer noch in Briefkästen und an Kiosken, obwohl ihr Tod seit 20 Jahren von allen Experten mit oder ohne Irokesenhaarschnitt geweissagt wird.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten werfen auf dem Trümmerfeld der Öffentlichkeit ihren großen Schatten, WDR, NDR, Bayerischer Rundfunk, too big to fail. Davor lärmen unverändert die privaten Funk- und Fernsehsender, umschwirrt von Tausenden kleinen Digitalfunkern, von medialen Ich-AGs, schlauen Solo-Bloggern, von YouTube-Stars, Twitter-Königen, Facebook-Fürsten und vielen anderen Funkenmariechen, die jeweils ihre eigenen Fan- und Freundeskreise pflegen.

Neue, gesichtslose Giganten haben sich breitgemacht, Amazon, Netflix, andere Streamingdienste, sie arbeiten an ihrem Fernsehen ohne Fernseher, ohne Programm, aber mittlerweile auch mit selbst produziertem "Content", und mithilfe ihrer Big-Data-Formeln und Datenfischereien ermitteln sie, was Zuschauerinnen und Zuschauer wirklich wollen, womöglich noch ehe sie es selbst wissen.

Noch mehr Volk tummelt sich auf dem großen Trümmerfeld heutiger Kommunikation, Leute, die früher "das Publikum" hießen oder die Zuschauer, die Leser, die User, die Empfänger. Viele sind heute selbst Sender, als Minivideo- und GIF-Produzenten, als Instagram- und Facebook-Poster, als Onlinekommentatoren, Uploader, Konsumenten-Produzenten-Zwitter, sie alle lagern dort draußen, teils durcheinander, teils wie Angehörige verfeindeter Stämme.

Da sind die ganz Jungen, deren Leben als große, bunte Bildschirmzeit verstreicht, das Smartphone oder Minitablet tagtäglich und stundenlang vor der Nase. Da sind die Paare, die mit Netflix ins Bett gehen. Da sind die Heavy User, die News Junkies, Journalisten, Beamte, Politiker, Wissenschaftler eines gewissen Alters, häufig Männer, die jederzeit wissen, wo auf der Welt gerade welche Bombe explodiert ist und was davon zu halten sei.

Da sind die Kaffeekränzchen, die via Instagram Fotos von Blumensträußen teilen. Die Mädchen, die sich ständig selbst beim Sport und beim Schminken abbilden. Da sind die Hassprediger, die die Welt nur durch die Klobrille betrachten. Da sind die Fälscher und Verwirrer, die Legenden und Lügen in die Welt setzen, von keiner Instanz geprüft. Und da sind, gern verspottet, aber zahlreich und mächtig, die Alten, 70 plus, die kein Smartphone, kein Tablet, kein Internet haben und die sich sonntags im ZDF bei Rosamunde Pilcher zum Stammtisch treffen.

Tweet von US-Präsident Donald Trump
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Tweet von US-Präsident Donald Trump

Es geht jetzt die ganze Zeit um Fragen, auf die niemand befriedigende Antworten hat: Wer macht Twitter-Trends und wie? Welchen Wert hat die global umlaufende Währung der "Likes"? Ist es möglich, im Facebook-Universum berühmt, in der Gesellschaft aber völlig unbedeutend zu sein? Sind eine Million Videoabrufe auf YouTube viel oder wenig? Was sagt die Zahl der "Follower" über wahre Gefolgschaft aus? Wie viele Leute wissen, was ein Hashtag ist? Wie viele wissen es nicht? Ist es von Bedeutung, dass Angela Merkel auf Facebook fünfmal so viele Abonnenten hat wie Martin Schulz? Und macht @realDonaldTrump auf Twitter Politik oder nur Spaß?

Es gibt bei diesen Fragen ohne Antwort letztlich nur ein gemeinsames unbehagliches Thema: den Verlust von Wirklichkeit. Wenn niemand mehr weiß, welchen Status, welche Bedeutung die Äußerung eines US-Präsidenten hat, dann wird die Unberechenbarkeit der Welt sehr bedrohlich.

Darum letztlich ging es dem Philosophen Habermas in seinem zeitlosen Werk: dass die Gesellschaft vernünftige Regeln für ihre Kommunikation findet. Dass nicht eine Seite der anderen ihre Wahrheit aufzwingen kann, sondern dass "Wahrheit" in einem gesellschaftlichen Diskurs zustande kommt, an dem sich alle mit rationalen, überprüfbaren Argumenten beteiligen, auf der Suche nach einem tragfähigen Konsens.

Man möchte meinen, dass sich die Welt von diesem Ideal kaum je so weit entfernt hätte wie heute, obwohl sich die Möglichkeiten des Mitredens so dramatisch vervielfältigt haben. Wer sich aber im Internet umtut, findet wenig guten Willen zum Konsens, aber viel böse Lust am Dissens. Da ist nicht Gemeinschaft, da sind Cliquen und Grüppchen, die in ihren zusammengeklickten, von Algorithmen aufgepumpten Blasen nebeneinanderher leben und kaum mehr von der Existenz anderer Menschen und deren Meinungen wissen.

Das Netz ist eine fantastische Fundgrube für gedanklichen Sperrmüll.

Das Netz, einst idealisiert als die technische Voraussetzung einer besseren Welt, bevölkert und bespielt von Freien und Gleichen, ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten geworden, eine fantastische Fundgrube, gewiss, aber auch eine für gedanklichen Sperrmüll aller Art und für Hetzkampagnen, die in früheren Zeiten völlig undenkbar gewesen wären. Wer sich nur kurz damit beschäftigt, welche Ungeheuerlichkeiten etwa über Brigitte Macron, die Frau des neuen französischen Präsidenten, im Umlauf sind, der wünscht sich schnell zurück in die Zeiten, in denen mediale Gatekeeper, Redaktionen, darüber wachten, was veröffentlicht wird - und was nicht.

In früheren Zeiten waren "die Medien" mehr oder minder gut funktionierende Filter, die Regeln gehorchten, allgemeingültigen wie selbst gesetzten. Selbstverständlich war, dass Tatsachenbehauptungen begründbar sein mussten, Fakten überprüfbar, dass es Quellen gab für Zitate und dass, bei strittigen Themen, die Gegenmeinung zumindest angehört werden musste.

Hinzu kamen Traditionen. Das stolze alte Wirtschaftsmagazin "The Economist" hat seit je eine bestimmte Art, auf die Welt zu blicken, die "New York Times" spinnt immerfort an ihrer eigenen Legende, in Deutschland war die "Frankfurter Rundschau" dafür bekannt, dass ihre Redakteure mit dem Arbeitsvertrag das Bekenntnis zu einer linksliberalen Grundhaltung unterschreiben mussten.

Im Unterschied zu heute arbeiteten sich die Medien bis etwa zur Jahrtausendwende an der gut begründbaren, jedenfalls sehr nützlichen Fiktion einer gemeinsamen gesellschaftlichen Wirklichkeit ab, die durch stillschweigende Übereinkunft einfach als gegeben angenommen wurde. Es gab also eine Art Kanon wichtiger Themen, auf den sich Medien, Politik und Gesellschaft verständigt hatten und der fortlaufend aktualisiert, diskutiert und erweitert wurde. Natürlich fehlten ganze Lebensbereiche und andere wurden unzulässig unterbelichtet, aber auch sie hatten die Chance, irgendwann ans Licht zu kommen, und jedenfalls gab es so etwas wie ein kollektives Gespräch über Dinge.

Heute ist, um das Bild noch einmal aufzugreifen, die Gesellschaft eher wieder in Stämme zerfallen, die wohl noch die gleichen Jagdgründe bevölkern, aber keine gemeinsame Sprache mehr teilen. Die große Gruppe der technikbegeisterten Zeitgenossen etwa, die mit großer Energie alle News aus der Welt der Silicon-Valley-Konzerne verfolgt, zieht schon aufgrund des nötigen Fachwissens ziemlich isoliert ihre Kreise, und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Sind Facebook-Fotos von Merkel im Wahlkampf Lifestyle oder Propaganda?

Das Expertentum hat allgemein stark zugenommen, egal ob es um Klimawandel, Weißwein, Menschenrechte, Espresso, Baumwolle, Fleischgarzeiten oder Winterreifen geht. Es scheint, das Netz fördere die Desintegration der Gesellschaft auch dadurch, dass in ihm das Spezialwissen eine fantastische Blüte erlebt, mit hoch qualifizierten Foren noch für die exotischsten Probleme, während ihm jede Idee von verbindender "Allgemeinbildung" fremd ist. Wie aber sollen Menschen gedeihlich zusammenleben, wenn dem einen existenziell wichtig erscheint, wovon der andere noch nie etwas gehört hat?

Angela Merkel und Paul Ziemiak auf dem Deutschlandtag der Jungen Union (2016)
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Angela Merkel und Paul Ziemiak auf dem Deutschlandtag der Jungen Union (2016)

Die Finanzkrise von 2008, um eine gewagte Parallele herzustellen, hatte unter vielen Ursachen nicht zuletzt diese: Die Märkte verloren damals das Vertrauen in die beliebten, immer komplexer konstruierten "Finanzprodukte" der Investmentbanken. Es fanden sich für diese, weil niemand mehr ihren Wert beurteilen konnte, keine Preise mehr, die Investoren wussten nicht, wie viel sie bezahlen wollten, die Banker wussten nicht mehr, wie viel sie vernünftigerweise verlangen konnten. So brach der Markt zusammen. Der Wert der Ware war nicht mehr zu bestimmen, sodass sie letztlich wertlos wurde.

Es ist mit der Masse der heute digital global verbreiteten Informationen nicht wesentlich anders. Wichtig und Unwichtig, Richtig und Falsch verschwimmen in einem Maße, dass vernünftiger Kommunikation der Boden entzogen wird. Was sollen wir anfangen mit Videoschnipseln aus Kriegs- und Krisengebieten, die irgendwer irgendwoher irgendwohin versendet? Wie wollen wir Politik beurteilen, wenn sich Politiker im Netz gegenseitig als Lügner bezichtigen? Sind Facebook-Fotos von Angela Merkel beim Wahlkampf in Braunschweig Lifestyle oder Propaganda? Und warum müssen Minister, Schriftsteller, Fußballspieler, TV-Moderatoren, Bäckermeister, Steuerberater und Studenten ihre Betroffenheit öffentlich machen, wenn sich irgendwo auf der Welt ein Terroranschlag ereignet hat?

Wir müssen, wenn diese Gesellschaft weiterhin rational verfasst bleiben will, auf all diese Fragen Antworten finden. Es braucht ein paar Regeln. Es braucht Filter, es braucht Maßstäbe, es braucht deren Überprüfung, es braucht im Hintergrund das philosophische Ideal der Wahrheit, und es braucht die praktische Passion für die Wirklichkeit. Interessanterweise braucht es all das, was den seriösen Journalismus des 20. Jahrhunderts groß gemacht hat.

Seine Kriterien sollten nun, da jede Frau und jeder Mann zum Sender werden kann, rasch Allgemeingut werden, und zwar so selbstverständlich wie das Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir können dann vielleicht sogar wieder nüchtern und ernsthaft über die Inhalte von Politik reden, über gesellschaftliche Ziele, über gemeinsame Werte und über die Wahlchancen von Martin Schulz, die durch Umfragen, Hashtags, Twitter-Trends, Facebook-Posts und Likes bis auf Weiteres nicht zu ermitteln sind.



© Jahres-Chronik 1/2017
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