WikiLeaks-Buch Enttäuschte Liebe

Es ist das Ende einer Freundschaft: In seinem Enthüllungsbuch über die Enthüllungsplattform rechnet der einstige WikiLeaks-Mann Daniel Domscheit-Berg mit Julian Assange ab. Aber seine Methoden sind zum Teil zweifelhaft, sein Buch streckenweise geschwätzig.

Von


Berlin - Über einen Mangel an Problemen kann Julian Assange nicht klagen. Mit einer elektronischen Fußfessel ausgestattet muss der australische WikiLeaks-Chef sich in England gegen den Auslieferungsantrag der schwedischen Justiz erwehren. Amerikanische Geheimdienste versuchen Beweise für eine Anklage gegen ihn zusammenzubekommen und der Whistleblower-Plattform den Garaus zu machen. Unter dem Druck der US-Regierung sind die meisten Kanäle, auf denen WikiLeaks Spenden bekam, dichtgemacht.

Zu allem Überfluss für Assange ist ab Freitag auch noch in 17 Ländern das Buch seines einstigen Mitstreiters Daniel Domscheit-Berg auf dem Markt: "Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt."

Eine junge Zeit-Online-Redakteurin namens Tina Klopp hat die 305 Seiten als Ghostwriterin für den Berliner Diplom-Informatiker geschrieben. Motto der mit Spannung erwarteten Publikation lautet: "Nun ist es an der Zeit, hinter die Kulissen von WikiLeaks zu schauen."

Das Buch ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe, die Geschichte eines Informatikers aus Wiesbaden, der im Dezember 2007 auf dem jährlichen Kongress des Chaos Computer Clubs in Berlin einen exzentrischen Australier kennen lernt, der Julian Assange heißt: "Ich war geschmeichelt, dass er mit mir zusammenarbeiten wollte," gesteht Domscheit-Berg.

Assange erlebt er als einen "einsamen Wolf", als "sprunghaften Menschen", als jemanden der zwischen Geiz und Großzügigkeit hin und her oszilliert; ein Mann, dem Geld und Statussymbole gleichgültig sind, der tage- und nächtelang auf ein altes weißes Apple iBook einhackt.

WikiLeaks beschreibt Domscheit-Berg als Potemkinsches Dorf, in dem anfangs Assange und er mithilfe von etlichen Pseudonymen fast alles alleine machten: "Zwei großmäulige junge Männer mit einer einzigen Uraltmaschine".

Doch sie bekamen tatsächlich Dokumente eines Whistleblowers von der Schweizer Privatbank Julius Bär. Der Versuch der Bank, sie durch ein Gericht in Kalifornien zu stoppen, scheiterte kläglich. Zur Blamage der Schweizer Banker veröffentlichte das Duo auch noch die wirkungslosen Schriftsätze der Rechtsanwälte.

Anfangs ist alles Action und Abenteuer. Sie treffen sich klandestin auf einem Berliner U-Bahnhof, legen mit einem Mietwagen innerhalb von 24 Stunden 2100 Kilometer zurück, um Server zu deponieren. Sie machen ihre ersten Erfahrungen mit Medien, mit Hans-Martin Tillack vom "Stern" zum Beispiel, denn er versuchte den Eindruck zu erwecken, als habe vor allem der "Stern", beziehungsweise er die Recherche geleistet. Wikileaks geht dabei unter.

Doch bald gab es die ersten internen Probleme: "Julian war zudem sehr paranoid", schreibt Domscheit-Berg. Er habe Wert darauf gelegt, nicht gemeinsam mit ihm aus dem Haus zu gehen und nach Hause zu kommen. Und, so Domscheit-Berg: "Julian hatte auch ein sehr ungezwungenes Verhältnis zur Wahrheit."

Der Ex-WikiLeaks-Mann erzählt seine Geschichte sehr detailliert, manchmal zu detailliert: "Ich kaufte im Bioladen Fleisch, Kartoffeln und Blumenkohl." Anderes ist peinlich: "Anke und ich beschlossen zu heiraten und Julian war der erste, der davon erfuhr."

Manches ist redundant, zumindest für alle, die schon länger die Veröffentlichungen über WikiLeaks und Assange verfolgen. Dass Assange gelegentlich tagelang dieselben Klamotten trug, ist mittlerweile bekannt. Wer Domscheit-Bergs Buch liest, erfährt noch, dass er angeblich gern mit den Händen isst und diese dann an seinen Hosen abwischt. Nun denn. Statt solcher Belanglosigkeiten hätte dem Buch ein wenig Analyse gut getan, ein paar Gedanken darüber, welche politische Wirkung WikiLeaks hatte, wie sich das Verhältnis der Plattform zu den Medien verändert hat.

Etliches in dem Buch allerdings ist neu: Domscheit-Berg beschreibt zum Beispiel, wie WikiLeaks ab Anfang 2010 Spenden im sechsstelligen Bereich bekommt, wie ein Programmierer das System für Einlieferungen radikal verbessert; wie Julian und er davon träumen, einen Bunker zu kaufen, als Hauptquartier, aber Julian immer häufiger über Geheimdienste redet, die hinter ihnen her seien und dass sie in den Untergrund gehen müssten.

Wie es dazu kommt, dass Assange ihm mehr und mehr misstraut und auf Distanz geht, bleibt letztlich rätselhaft. Domscheit-Berg scheint es selbst nicht zu wissen. Irgendwann antwortet er auf eine Beschuldigung des Australiers in einem Chat: "Are you fucking out of your mind."

An der Produktion des Videos "Collateral Murder", das Assange mit ein paar Hackern in Island erstellt, ist Domscheit-Berg nur am Rande beteiligt, ebenso an der Veröffentlichung der amerikanischen "War Diaries" über die Kriege im Irak und in Afghanistan.

Als Assange Ende August 2010 Domscheit-Berg verdächtigt, er habe dem US-Magazin "Newsweek" als Informant für einen Bericht über interne Konflikte bei WikiLeaks gedient, kommt es zum Bruch. Domscheit-Berg schreibt in einem Chat: "You behave like some kind of emperor or slave trader". Assanges Antwort: "You are suspended for one month, effective immediatley."

Das Buch ist streckenweise spannende Lektüre, hinterlässt aber einen schalen Beigeschmack. Es erinnert an eine Kiss-and-Tell-Story, an die Enthüllungen eines verlassenen Liebhabers: "Manchmal hasse ich ihn so sehr", schreibt Domscheit-Berg, "dass ich Angst habe, ich könnte körperliche Gewalt ausüben, sollte er mir noch einmal über den Weg laufen." Er habe noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt wie Assange: "So freigeistig. So energisch. So genial. So paranoid. So machtversessen. Größenwahnsinnig."

Das Objekt solch intensiver Gefühle sieht das ganz anders. Julian Assange fühlt sich von Domscheit-Berg betrogen und hat den Berliner Medienanwalt Johannes Eisenberg mandatiert, um Domscheit-Berg zur Rückgabe der Dinge zu bringen, die dieser bei seinem Ausstieg aus WikiLeaks mitgenommen hat. Es soll sich um Hardware, Software und auch Einsendungen von Whistleblowern handeln. Assange hat Domscheit-Berg eine Frist zur Rückgabe setzen lassen.

Aber nicht nur Assange hält Domscheit-Bergs Vorgehen für bedenklich, sondern auch seit langem mit WikiLeaks verbundene deutsche Hacker aus dem Chaos Computer Club. Sie finden es nicht korrekt, dass Domscheit-Berg Protokolle von Chats veröffentlicht, obgleich bei WikiLeaks die eiserne Regel gilt, interne Chats nicht einmal aufzuzeichnen, geschweige denn zu publizieren.

Die Szene, aus der WikiLeaks stammt, wird Domscheit-Berg auch damit gegen sich aufbringen, dass der wichtigste WikiLeaks-Programmierer die von ihm entwickelte Software bei seinem Ausstieg mitgenommen hat. "Der Architekt ist der geistige Eigentümer", schreibt Domscheit-Berg. Damit hat er sich für die Hacker-Szene, die Copyrights ablehnt und für freie Verwendung von Wissen streitet, selbst exkommuniziert.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chrome_koran 10.02.2011
1. Bestellt!
So, so. Einem taz-Mitbegründer gefällt also nicht die Art und Weise, auf die ein anderer, freier Autor über seine persönlichen. Erfahrungen mit einem höchst umstrittenen - und von dem linken Spektrum inzwischen geradezu gurumäßig angebetenen - Blogger schildert. Zu unpolitisch, zu persönlich ist es Herrn Michael Sontheimer. Mehr politisch-soziale Hintergründe wünschte sich Herr Michael Sontheimer. Warum auch immer. Derweil hat Herr Domscheit-Berg die Sache ganz offensichtlich aus eigenem Gesichtpunkt geschrieben - das ist sein gutes Recht, und sollte das Buch (was ich dem Buch und dem Autor wünsche) Erfolg haben, wird Letzteres Ersteren Recht geben. BTW., am interessantesten fand ich die Passage, nach der der Assanges sich auf ein hausinternes Verbot beruft, Informationen weiter zu geben, ja gar auch nur aufzuzeichnen. Das nenne ich mal Transparency nach Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Wovor hat Mr. Assanges eigentlich so viel Angst, wo er doch selbst angeblich für Transparenz steht? Das Buch ist auf jeden Fall bestellt.
coriolanus, 10.02.2011
2. Alles Sonderlinge
Zitat von sysopEs ist das Ende eine Freundschaft: In seinem Enthüllungsbuch über die Enthüllungsplattform*rechnet der einstige WikiLeaks-Mann Daniel Domscheit-Berg mit Julian Assange ab. Aber seine Methoden sind zum Teil zweifelhaft, sein Buch streckenweise geschwätzig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,744677,00.html
Mit Anflug von Größenwahn.
Gockeline 10.02.2011
3. Konnte er Assange nicht ertragen?War es Neid?
Wäre es eine Frau,würde man sagen das ist Stutenbissigkeit! Hat er Minderwertgkeistkomplexe weil er sich nicht messen kann mit Assage? Ich habe das Buch nicht gelesen und muß mich verlassen auf den Bericht vom Spiegel. Könnte man auch sagen,er wurde geschickt um Assange fertig zu machen? Warum?Verrät er nicht auch seine Arbeit an der Aufdeckung? Oder will er vermarkten (Geld sammeln)so lange es geht?
atair 10.02.2011
4. Also hat er DOCH was bei Wikileaks gelernt, oder?
Zitat von sysopEs ist das Ende eine Freundschaft: In seinem Enthüllungsbuch über die Enthüllungsplattform*rechnet der einstige WikiLeaks-Mann Daniel Domscheit-Berg mit Julian Assange ab. Aber seine Methoden sind zum Teil zweifelhaft, sein Buch streckenweise geschwätzig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,744677,00.html
Halt schon blöd, wenn man mit den eigenen Hinterfotzigkeiten selber geleimt wird, gelle...?
Dirty Diana 10.02.2011
5. Auf Thema geantwortet
Zitat von sysopEs ist das Ende eine Freundschaft: In seinem Enthüllungsbuch über die Enthüllungsplattform*rechnet der einstige WikiLeaks-Mann Daniel Domscheit-Berg mit Julian Assange ab. Aber seine Methoden sind zum Teil zweifelhaft, sein Buch streckenweise geschwätzig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,744677,00.html
Da ich sowohl Daniel Domscheit-Berg als auch Julian Assange persönlich kenne, kann ich bestätigen, dass DDB mit jeder Silbe Recht hat. Assange ist ein geltungssüchtiger Profilneurotiker sondergleichen. Das habe ich hier auch schon mehrfach betont - aber seine ganzen Jünger, die ihn - iohne ihn zu kennen - für ach-so-klasse halten, wissen es natürlich besser.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.