WikiLeaks-Enthüllungen Vergessen Sie Gut gegen Böse

Böse Geheimdienste? Guter Trump? Brave Russen? Die neuesten WikiLeaks-Enthüllungen können verwirren, wahrscheinlich sollen sie das auch. Die zentrale Erkenntnis: Manchmal gibt es keine "Guten".

WikiLeaks-Gründer Julian Assange
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WikiLeaks-Gründer Julian Assange

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Aufklärung, schrieb Kant, ist der "Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit". Twitterkompatibler ausgedrückt heißt das: Der Mensch ist ein Idiot, bis er es checkt und sich aktiv entidiotisiert. Die Gründe für die Startidiotie sind vielfältig, aber es gibt kognitive Verzerrungen, oft unbewusste, ins Gehirn ab Werk eingebaute Fehler, die die Wahrnehmung und Bewertung der Welt massiv beeinflussen. Ein paar dieser Verzerrungen kommen zusammen im weit verbreiteten Wunsch, dass es "die Guten" geben möge. Irgendjemand muss doch gut sein in dieser verdammten Welt!

Was direkt zur neuen Veröffentlichung von WikiLeaks führt, der Gruppierung, die seit 2006 geheime Daten leakt und 2009 weltweite Bekanntheit erlangte. Seit einiger Zeit hatte sich WikiLeaks unter Julian Assange allerdings zu einer Propagandamaschine entwickelt, die mit großer Hingabe und interessantem Timing vor allem Leaks veröffentlicht, die Donald Trump und Wladimir Putin nützen.

Das spiegelt sich auch im Wandel der Kommunikation. WikiLeaks hat sich zum Beispiel mit merkwürdiger Empörung gegen - äh, ja: Leaks ausgesprochen. Nämlich, als die Leaks den damaligen "President Elect" Donald Trump betrafen. WikiLeaks bezeichnete diese Enthüllungen als - haha - "illegal".

Ein für Trump enorm günstiger Zufall

Das Timing nutzt WikiLeaks offenbar als politisches Instrument. Ein Beispiel: Die Veröffentlichung der "Podesta-Mails" aus dem gehackten Account von Hillary Clintons Wahlkampf-Manager begann exakt 29 Minuten nach Bekanntwerden von Donald Trumps "Grab them by the pussy"-Video. Neunundzwanzig Minuten. Das kann Zufall sein. Es war aber ein für Trump enorm günstiger Zufall. Und auch jetzt, bei der neuen Veröffentlichung von WikiLeaks mit dem Namen "Vault 7" über die Digitalaktivitäten der CIA spielt das Timing eine zentrale Rolle.

Zwei Sätze in der zugehörigen WikiLeaks-Pressemitteilung zeugen davon, dort wird ein politisch aktueller Spin aktiv produziert. Es gehe um ein Projekt namens UMBRAGE; WikiLeaks schreibt dazu, es gehe um "eine umfangreiche Sammlung 'gestohlener' Malware [digitale Angriffsinstrumente], die in anderen Staaten produziert wurde, inklusive der Russischen Föderation. Mit UMBRAGE [...…] kann die die CIA [...…] digitale "Fingerabdrücke" derjenigen Gruppen hinterlassen, von denen die Angriffsinstrumente gestohlen wurden".

Die Formulierung ist verräterisch. Denn WikiLeaks schreibt explizit "Russische Föderation", um einen offiziösen Klang herzustellen - dabei geht es um internationale Hackergruppen aus vielen Ländern. "In der Russischen Föderation produziert" soll sich nach staatlichen Akteuren anhören, obwohl die Datenlage das nicht eindeutig hergibt. Im Satz danach geht es um die Fälschung digitaler Fingerabdrücke, und jeder Leser hat noch "russische Föderation" im Kopf, wo man maximal von "russischsprachigen Hackern" sprechen könnte.

Eine hochpolitische Erzählung

Hier wird gezielt ein Bild konstruiert. Das ist wichtig, weil alle anderen Faktoren, vom Inhalt bis zum Zeitpunkt des Leaks auch anders, zum Beispiel durch Zufälle, begründet sein könnten, die Kommunikation von WikiLeaks aber nicht. Assange lanciert in der Pressemitteilung auf diese Weise eine hochpolitische Erzählung - wieder mit perfektem Timing.

Denn immer stärker gerät Donald Trump wegen seiner Verbindungen mit Russland unter Druck, und im Kristallisationspunkt dieses Drucks steht besagter E-Mail-Hack, der - nach Meinung der amerikanischen Dienste - von staatlichen russischen Kräften zur Manipulation der Wahl zugunsten von Trump vorgenommen wurde.

Ja, verdammt, wir stecken mitten in einem weltpolitischen Krimi - und ausgerechnet jetzt präsentiert Julian Assange dem amerikanischen Präsidenten goldene Auswege aus gleich zwei Problemen. Denn Trump liegt im Clinch mit den Nachrichtendiensten und kann dabei jede Schützenhilfe gebrauchen. Außerdem stützen selbst Republikaner inzwischen Untersuchungen zum russischen Einfluss auf die US-Wahl. Wie großartig, dass mit "Vault 7" und vor allem Assanges Spin in der Pressemitteilung genau jetzt "russische Hacker" eigentlich doch amerikanische CIA-Hacker sein könnten.

Ein verwirrungspropagandistischer Geniestreich

Es muss dahinter gar keine Beweisführung stehen. Wie man bereits auf Twitter sieht, reicht für einen Teil der Öffentlichkeit das Anscheinsprinzip. Die CIA hat ein Instrument, mit dem es beliebige, daher auch russisch anmutende falsche Fährten legen kann. Sämtliche Aktivitäten "russischer Hacker" könnten also - theoretisch - "False-Flag-Operationen" der CIA sein. Ein verwirrungspropagandistischer Geniestreich.

In der amerikanischen Öffentlichkeit funktioniert die Schwächung der Nachrichtendienste als Stärkung von Donald Trumps Position und als Immunisierungsstrategie gegen kommende Vorwürfe. Wenn die US-Geheimdienste jetzt einen beliebigen Beweis über Trumps Verbindungen zu Putin präsentierten, die Vermutung der Manipulation stünde noch größer im Raum als ohnehin schon.

Und genau hier wird die Entidiotisierung des Menschen essenziell: Es ist wichtig, zu erkennen, dass nicht automatisch die eine Seite gut ist, weil die andere Seite böse scheint. Und umgekehrt. Nur weil sich eine offensichtliche Achse der Ego-Brüder Trump - Assange - Putin herausgebildet hat, sind nicht etwa die in "Vault 7" beschriebenen Instrumente (von deren Echtheit ich zur Stunde vorsichtig ausgehe), harmlos. Das Gegenteil ist der Fall.

Interesse an Angriffen auf Autos

Schon zuvor war klar, dass Geheimdienste im Zweifel jedes hackbare Gerät auch hacken wollen. Wovon Smart-TVs mit Kameras zur Gestenerkennung und Mikrofonen zur Spracheingabe natürlich nicht ausgenommen sind. Tiefgreifender als die Überwachung aber ist eine andere Aufgabe der CIA und mehr oder weniger aller anderen Geheimdienste der Welt: die Tötung von Menschen. Zum Beispiel offen per Drohnenschlag, aber auch in verdeckten Operationen. Die jetzt veröffentlichten Dokumente weisen darauf hin, dass die CIA spätestens seit 2014 großes Interesse an der Fernmanipulation der Steuerungssysteme von Automobilen hatte.

Die hypervernetzte Welt muss auch immer als hyperverletzliche Welt betrachtet werden. Woraus sich, wie WikiLeaks in der Pressemitteilung mutmaßt, ein nahezu unentdeckbares Tötungsinstrument ergäbe. Bei 100 Stundenkilometern reicht eine winzige Veränderung, um einen Unfall zu provozieren, "der Fahrer verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug". Angesichts der nachgewiesenen Tötungshistorie des CIA und der Hemmungslosigkeit auf Kollateralmorde bezogen, ist es nur eine Frage der Zeit, der Kosten und der Praktikabilität, ob und wie ein solches Instrument eingesetzt wird.

Das müssen Sie jetzt aushalten

Und das zeigt: Im anstehenden Kampf Trump gegen die staatlichen Einrichtungen, in dem der egomane, realitätsaverse Präsident gegen einen manipulativen, antirechtsstaatlichen Späh- und Tötungsapparat von CIA bis NSA kämpfen wird - gibt es keine "gute Seite". Ebenso wenig, wie Putin in irgendeinem Kontext dann aber doch eigentlich zu den "Guten" gehört. Oder Erdogan.

Es gibt, politisch und ethisch betrachtet, nur Demokratie und Rechtsstaat und Grundrechte, und damit solche, die sich eher daran orientieren und solche, die es nicht tun. Dass in einem Zweierkampf beide "die Bösen" sein können und nicht der eine gut wird, weil Beweise für die Schlechtigkeit des anderen auftauchen - das müssen Sie jetzt einfach aushalten. Das gehört zum Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Zur eigenen Entidiotisierung also.

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insgesamt 119 Beiträge
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CobCom 08.03.2017
1. Kein schlechter Lobo.
Ein schöner Beitrag. Das alte Muster Gut/Böse bringt zwar Struktur in den Tag, besonders intelligent (zumindest auf Ebene der "Games of Thrones" betrachtet) waren derartige Annahmen noch nie. Ob nun dumm oder "nur" naiv, das sei dahingestellt. Politik muss auch so sein, sonst gerät man sehr schnell auf den Weg zur Hölle, der bekanntlich mit den guten Vorsätzen gepflastert ist. Moral und Sachzwang geraten immer irgendwann in den Konflikt. Die Kunst ist, diesen auf der politischen Ebene im Prinzip immer fehlenden moralischen Kompass nicht oder zumindest nicht zu sehr in das eigene Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich zu übertragen. Denn das sprengt eine Gesellschaft.
lex82 08.03.2017
2. Verschwörungstheorien?
Der Grundaussage bzw. der Schlussfolgerung am Ende, stimmte ich ja zu, aber davor klingt schon manches nach Verschwörungstheorie. Die Pressemitteilung ist doch ziemlich harmlos. Wenn es eben so ist, dass sich die CIA bei Cyber-Angriffen als unter anderem russische Hackergruppe tarnen kann, weil sie über exakt die Werkzeuge verfügt, ist das doch gerade aktuell eine interessante Information. Dass Wikileaks das schreibt, um Trump irgendwie zu schützen, halte ich für reine Spekulation. Ebenso die Sache mit den 29 Minuten. "Das kann kein Zufall sein" ist doch die typische Argumentation von Verschörungstheoretikern.
erik93_de 08.03.2017
3. Ach Lobo...
...immer muß es ein Russe dahinterstecken, wenn unsere idel-demokraten wieder Schmutz an der Wäsche haben. Es wird langweilig. Hier gute Demokraten, da böse Trumps und Putins nutzt sich langsam ab...
newline 08.03.2017
4. Das es nicht nur
Weiß oder Schwarz, Gut oder Böse gibt, für diese Erkenntnis habe ich weder Wikileaks noch den zweifelhaften Herrn Assange gebraucht. Es gibt jede Menge Grau, und zwar mehr als 50 Variationen. Ein Blick auf die reale Welt oder die Lektüre von Ambler, Greene, leCarre reicht völlig.
th.schuler 08.03.2017
5. Es gibt meh als schwarz-weiß
"Dass in einem Zweierkampf beide "die Bösen" sein können und nicht der eine gut wird, weil Beweise für die Schlechtigkeit des anderen auftauchen" Wer das einmal verstanden und akzeptiert hat, der wird nicht mehr in Kategorien von "Wir Guten" und "Die Schlechten" denken.
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