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Wikileaks: Schweizer Bank bekämpft Enthüllungs-Wiki

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Die Bank Julius Bär hat in Kalifornien die prominenteste Webadresse der Enthüllungsseite Wikileaks.org sperren lassen. Grund: Angeblich illegal veröffentlichte Kundendaten vom Offshore-Paradies Cayman-Inseln. Doch die sind weiter online - weltweit verteilt. 

Von den Seiten des Enthüllungs-Wikis "Wikileaks" kann sich jeder die Handbücher für Wachen des US-Lagers auf Guantanamo herunterladen (Details: neue Häftlinge kamen 2003 für zwei Wochen in Isolationshaft, Pfefferspray darf man nicht gegen unerlaubt Urinierende einsetzen). Trotz derart pikanter Veröffentlichungen, trotz Blockadeversuchen aus China und Thailand ist Wikileaks seit gut einem Jahr online. Nun hat die Schweizer Bank Julius Bär mit einer Tochtergesellschaft von den Cayman Islands Wikileaks einen empfindlichen Schlag versetzt: Die bekannteste Internet-Adresse der Enthüllungsarchivs - wikileaks.org – ist blockiert, alle Aufrufe laufen ins Leere.

 

Entschieden hat das ein kalifornisches Bezirksgericht. Der Richter erließ eine einstweilige Verfügung, um Schaden von Julius Bär abzuwenden. Sein Beschluss folgt einer Übereinkunft, zu der die Bank und der US-Internetprovider Dynadot, bei dem die Domain Wikileaks liegt, gekommen waren. Die Verfügung betrifft nicht etwa nur die Julius Bär betreffenden, sondern alle bei Wikileaks veröffentlichten Dokumente:

  • Dynadot leitet alle Anfragen zu Wikileaks.org auf eine leere Seite um
  • Dnyadot blockiert den Transfer der Adresse Wikileaks.org zu einem anderen Anbieter
  • Dnyadot legt dem Gericht alle Kontaktinformationen und Nutzungsdetails in Verbindung mit dem Wikileaks.org-Account vor.

Hintergrund: Wikileaks hat mehrere Dokumente veröffentlicht, die detailliert Auskunft über Geldflüsse von Julius-Bär-Kunden geben sollen. Im Januar wandte sich eine Anwaltskanzlei aus Los Angeles in dieser Sache an Wikileaks. In einer E-Mail an die Sammeladresse für rechtliche Fragen forderte ein Anwalt die Übersendung der Kontaktdaten der Wikileaks-Verantwortlichen, um Dokumente zustellen zu können. Es gehe um auf Wikileaks veröffentliche Inhalte, die "Betriebsgeheimnisse verletzen" und die "ein ehemaliger Mitarbeiter gestohlen" und dabei eine "schriftliche Vertraulichkeitsvereinbarung" gebrochen habe.

Am Tag darauf antwortete ein Wikileaks-Vertreter, fragte, welche Inhalte denn der Klient beanstande – davon hänge ab, welcher Wikileaks-Vertreter zuständig sei. Reaktion: Die Kanzlei legte die Adresse Wikileaks.org lahm. Nun ist das Wikileaks-Angebot aber über viele andere, in unterschiedlichen Staaten registrierte und verwaltete Webadressen weiterhin abrufbar sowie unter der IP-Adresse des Angebotes. Verloren hat Wikileaks also nur seine prominenteste Adresse – das dort einst zu findende Angebot ist aber weiter in vollem Umfang online.

Wikileaks könnte Verleumder locken

Der Streitgegenstand illustriert sehr gut die kritischen Aspekte des Wikileaks-Projekts: In der Julius-Bär-Angelegenheit kann man auf den Seiten des Angebot derzeit Dokumente zu zwölf mit Klarnamen genannten Personen finden. Bei einem Deutschen, der dort als angeblicher Steuerhinterzieher bezeichnet wird, merkt Wikileaks selbst an: "Dieses Dokument, die Beschreibung und einige Kommentare sind laut drei unabhängigen Quellen abgesehen von Julius Bär falsch oder verfälschend. Wikileaks untersucht die Sache." Doch die Dokumente, der Name des Beschuldigten und die Vorwürfe stehen weiter im Web.

Die übrigen bei Wikileaks in Sachen Julius Bär und Cayman Islands veröffentlichten Dokumente könnten echt sein. 2005 erhielt das Schweizer Wirtschaftmagazin "Cash" eine CD-Rom mit 169 Megabyte Datenmaterial aus den Jahren 1997 bis 2003. Die Dateien enthalten Details zu Bankkunden, Buchungen, Vermögenswerten (zwischen fünf und 100 Millionen Dollar) und den dazugehörenden Offshore-Firmen auf den Cayman Islands. Angeblich soll ein Ex-Mitarbeiter von Julius Bär auf den Cayman Islands die Daten entwendet haben. Die Verfahren laufen, Wikileaks veröffentlichte die Dokumente einfach – selbst solche, die das Team selbst für wenig glaubwürdig hält.

Wikileaks bürgt nicht für die Echtheit der Dokumente

Diesen Ansatz kritisierte Steven Aftergood, Sicherheitsexperte bei der "Federation of American Scientists", in einem Kommentar zum Start von Wikileaks. Er erklärte in seinem Newsletter Secrecy News, er sehe den Grundsatz unbedingter Publizität skeptisch, führte in einem Interview mit der "Federal Times" aus: "Es gibt einen Unterschied zwischen Enthüllungen in einem autoritären Staat und einer Demokratie." Und zwar diesen: "In einer Demokratie können die Menschen selbst die Offenlegungs-Richtlinien definieren. Wer diese Standards verletzt und andere dazu anhält, untergräbt den Demokratieprozess."

Die anonymen Wikileaks-Macher halten dagegen, jedes Dokument werde von einem Team aus "professionellen Journalisten und Anti-Korruptions-Experten" geprüft. Wikileaks sei eben nicht Wikipedia. Aber die Echtheit der Dokumente prüft Wikileaks nicht auf diese Art. Dazu steht in der Selbstdarstellung nur: "Wikileaks beurteilt nicht die Echtheit der Dokumente. Das ist den Lesern, Redakteuren und Communitys überlassen."

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