Wikimania in Frankfurt Wikipedia-Gründer fordert Freiheit für Musik, Gemälde und Landkarten

Mit einem Aufruf für eine Kultur des freien Informations- und Wissensflusses hat Jimmy Wales die Wikipedia-Konferenz in Frankfurt eröffnet. Nicht nur Lexika und Schulbücher, auch Musik, Reproduktionen von Kunstwerken und Landkarten sollte es gratis im Netz geben.


Jimmy Wales: "Ähnliche Funktion einnehmen wie das Rote Kreuz"
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Jimmy Wales: "Ähnliche Funktion einnehmen wie das Rote Kreuz"

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wies in seiner heutigen Eröffnungsrede mehrfach auf die besondere Bedeutung des Wortes "frei" hin. Er betonte, dass es nicht nur darum gehe, dass man einen Artikel oder Beitrag lesen dürfe, wie dies auch bei normalen Lexika der Fall sei, sondern dass es wichtig sei, dass man ihn auch verändern und den eigenen Bedürfnissen anpassen und wieder veröffentlichen dürfe. Genau dies ist aber meist mit Rücksicht auf das Urheberrecht nicht möglich.

Die Möglichkeit, dass sich jeder aktiv beteiligen und sein Wissen einbringen kann, habe der Wikipedia sicher zu ihrer großen Popularität auf der ganzen Welt verholfen. Mit der besonderen Bedeutung dieses freien Wissensangebots für Entwicklungsländer, aber auch der Schwierigkeit, dieses Wissen in andere Sprachen wie zum Beispiel das Chinesische zu übertragen, beschäftigen sich einige der Vorträge auf der Konferenz Wikimania, die bis zum Sonntag in Frankfurt stattfindet.

Wales verkündete in der Rede, welche zehn Dinge seiner Meinung nach in den nächsten Jahren frei im Netz erhältlich sein werden:

  • Lexika
  • Wörterbücher
  • Schul- und Lehrbücher
  • Musik
  • Reproduktionen von Kunstwerken
  • Dateiformate
  • Landkarten
  • Produktcodes
  • Übersichten über das Fernsehprogramm
  • Communities
Um die Musik zu befreien, schlug Wales nicht etwa ein zweites Napster vor. Er plädierte vielmehr dafür, dass frei zugängliche Werke der klassischen Musik von Studentenorchestern eingespielt werden sollten. Diese Aufnahmen müssten dann unter einer entsprechenden Lizenz, die die freie Nutzung erlaubt, ins Netz gestellt werden.

Wikimania-Kongress: 450 Teilnehmer aus 50 Ländern
DDP

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Die kuriose Forderung, das Fernsehprogramm unter eine freie Lizenz zu stellen, begründete Wales damit, dass derzeit wenige Anbieter, etwa Kabelnetzbetreiber, die Macht über die elektronischen Programmguides (EPG) und damit indirekt über das Programm besitzen. Digitale Videorecorder bedienen sich der EPGs, um eine Übersicht über laufende und kommende Sendungen anzuzeigen.

Als "äußerst demokratische" Organisation werde Wikipedia weltweit den freien Zugang zu Informationen im Internet sichern, sagte Wales. "Ich stelle mir vor, dass wir international im Informationsbereich so eine ähnliche Funktion einnehmen wie das Rote Kreuz." Trotz Partnerschaften mit Internetfirmen wie Yahoo oder Google werde Wikipedia unabhängig bleiben, betonte Wales.

Finanziert wird Wikipedia ausschließlich durch Spenden. Die von Wales gegründete Wikimedia-Stiftung, die noch andere Online-Projekte wie Wikinews (Nachrichten) oder Wikibooks (Lehrbücher) gestartet hat, beschäftigt lediglich einen Software-Entwickler.

Wales in Frankfurt: Befreit die Musik
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Den Wert von Wikipedia taxierte Wales auf mehrere hundert Millionen Dollar. Die Organisation werde jedoch gemeinnützig bleiben und auch in Zukunft auf jede Form von Online-Werbung verzichten.

Wikipedia gehört nach Angaben seines Gründers zu den 50 populärsten Websites in der Welt und hat mehr Zugriffe als zum Beispiel die "New York Times". Den Erfolg führt Wales auch auf den "Spaßfaktor" zurück.

Zur ersten Internationalen Wikimedia-Konferenz kamen rund 450 Teilnehmer aus mehr als 50 Ländern nach Frankfurt am Main. Im Mittelpunkt sollen dabei vor allem die Herausforderungen stehen, denen sich die Wiki-Bewegung in Zukunft gegenübersieht. Als Wikis werden Internetseiten bezeichnet, die durch jeden Nutzer verändert und ergänzt werden können. Möglich werden dadurch Wissensdatenbanken zu allen denkbaren Bereichen, die immer wieder durch das Wissen der Leser ergänzt werden können und die allen Menschen frei zur Verfügung stehen.

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insgesamt 209 Beiträge
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Maldoror, 04.08.2005
1. Gelungene Alternative ...
Sicherlich stellt Wikipedia eine neue Form der Wissensvermittlung dar und ist wohl auch in seinem Wachstum kaum aufzuhalten. Doch bin ich der Meinung, sollte Wikipedia bleiben was es ist! Es ist eine Möglichkeit, sich kostenlos über viele Themen zu informieren und nicht die Grundlage für Bildung und Schulen. Ich nehme mal nicht an, dass Wikipedia an Universitäten wissenschaftliche Anerkennung genießen wird. Sicher ist es eine gelungene Möglichkeit sich zu infomieren, aber man sollte nicht vergessen, dass Wikipedia von Usern geschrieben wird und nicht von Wissenschaftlern! ... Trotz dessen, weiter so Wikipedia! :D
Spiritogre, 04.08.2005
2.
Ich denke auch, es ist ein tolles, kostenloses Nachschlagewerk, für eine fundierte Arbeit würde ich aber eher andere, richtige Fachliteratur zu Rate ziehen. Dazu kommt, dass Wikipedia auch Gefahr läuft den Unbillen einiger Mediengrößen auf sich zu ziehen und mit Klagen überhäuft zu werden sobald eine gewisse "Schmerzgrenze" etwa eines Lexikonverlages mit sinkenden Verkaufszahlen erreicht ist. Auch ist, und das zählt in Deutschland besonders, das verlinken auf andere Inhalte immer sehr Risikoreich wie diverse Gerichtsurteile und Weltfremdheit der Richter und vieler Juristen immer wieder zeigen.
Luke1973 04.08.2005
3.
Ich finde Wikipedia auch toll Aber sie hat halt einen Haken: Da alles von Usern eingegeben worden ist, weiß man eigentlich nie ob das auch alles so stimmt. Wenn es also wirklich drauf ankommt, ziehe ich dann doch ein kommerzielles Lwexikon vor.
Pinarello, 04.08.2005
4.
Na dann warten wir mal ab, bis Bill Gates wieder mal einige Milliarden zuviel in der Geldbörse hat, wenn das Wikipedia schön groß, bekannt und nachgefragt ist, dann wird sich Bill das ganze kaufen und kostenpflichtig machen, so einen Fehler wie das WorldWideWeb macht der sicher nicht noch einmal. Man stelle sich vor, was da an Milliarden pro Jahr zuverdienen gewesen wäre, wenn jeder Nutzer pro Einwahl einen Zusatzbonus bezahlen müßte. Eichel Hans würde der Speichel im Mund zusammenlaufen, Bill Gates ebenso.
Leser7, 04.08.2005
5. Wikipedia-Lektorate
In der täglichen Arbeit bei der Wikipedia findet man sehr schnell die Grenzen des Konzepts - bei über 250000 deutschsprachigen Artikeln gelingt es kaum, eine kritische Masse von Mitarbeitern für einen Artikel zu gewinnen. Noch schwieriger ist es, eine kritische Masse an belastbarer Kompetenz aufzutreiben. Minderheiten nutzen dies, um sich breit zu machen. Zum Beispiel beanspruchen die Anhänger der völlig marginalen Freiwirtschaft beträchtliche Anteile an Abhandlungen über das Geldsystem oder den Zinsmechanismus. Das wieder auszutreiben kostet Zeit und Nerven. Denn um jede Änderung wird in langen, langen Diskussionsrunden gerungen werden. Oft findet man auch absolut einseitige Artikel, die über Monate unangefochten in der Wikipedia standen. Woran es Wikipedia derzeit am meisten mangelt: ein Lektoratsprozess, der einem Artikel den Stempel der Verlässlichkeit aufdrücken kann. Zwar gibt es die "lesenswerten" und die "exzellenten" Artikel, doch ihre Anzahl ist viel zu gering - zudem können exzellente Artikel in Bearbeitungskriegen zu einseitigen und verwirrenden Artikeln werden. Ein Berliner Verlag will Bücher mit Wikipedia-Inhalten rausgeben und engagiert so genannte "Wikipeditoren", die eine redaktionelle auswahl und Überprüfung übernehmen. Doch das ist nur ein erster Schritt, die Anzahl der von diesen Leuten betreuten Artikel wird kaum die Prozentgrenze überschreiten. Und die bezahlten Gelder reichen kaum für aufwändige Recherchen oder den Kauf von Fachbüchern aus.
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