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Wikimania-Konferenz: Wikipedia ist wie "World of Warcraft"

Von Mathias Hamann

Idealisten, Akademiker und ein Halbgott: In Danzig traf sich die Weltgemeinde der Wikipedianer zur Wikimania-Tagung. Dabei wurden - plausible - Vergleiche zwischen der Online-Enzyklopädie und Online-Rollenspielen gezogen, ein Film vorgestellt. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gab Autogramme.

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DER SPIEGEL

Wikipedia: Ein Online-Rollenspiel mit Trollen und Orks?

Ist Wikipedia gar kein Lexikon, sondern ähnelt eher "World of Warcraft"? In einem Rollenspiel wie WoW kabbeln sich auch keine echten Orks oder Elben, sondern Leute, die so tun als ob. Um den Status zu erhöhen, sammeln sie Erfahrungspunkte. Genau so sei das auch beim anderen WoW, in der World of Wikipedia, sagt Dariusz Jemielniak, Professor für Organisation an der Kozminski Universität in Warschau. In dem Mitmach-Lexikon tummelten sich auch keine echten Experten, sondern Leute, die so tun. Um vom einfachen Schreiber zu einer Position mit mehr Rechten zu gelangen, sammelten sie Erfahrungspunkte. Die gibt es nicht für getötete Monster, sondern für editierte Artikel. Und Kriege gibt es dort auch, sogenannte Edit-Wars, wenn Autoren Beiträge hin und her ändern.

Die Zuhörer auf den gepolsterten Stühlen schmunzeln in ihre aufgeklappten Laptops hinein. Mehrere hundert sind angereist nach Danzig, zur Wikimania 2010, dem Jahrestreffen der Wikipedianer. Über den Rollenspielvergleich kann Victoria Doronina lächeln. Die Weißrussin berichtet von ausgefeilten Kampagnen in der russisch-sprachigen Wikipedia: Dort streiten sich zum Beispiel Aserbaidschaner mit Armeniern über die Region Berg-Karabach. Dabei soll es auch Opfer geben, als erstes natürlich den neutralen Lexikon-Standpunkt.

Jede Seite behauptet, die Enklave gehöre ihnen und findet dafür auch Belege. Wenn die andere Seite dann widerspricht und den Artikel ändert, soll es weitere Opfer geben: "Es gibt immer wieder Anträge, User zu sperren, das sind richtige Kampagnen, um unerwünschte Meinungen zu unterdrücken." Sie weiß von 56 Fällen in der russischen Version. Im letzten halben Jahr.

Den Wikipedia-Film darf später jeder selbst umschneiden

Wie die meisten hier ist Doronina Akademikerin, sie arbeitet an der Universität Newcastle im Fachbereich Biologie. In ihrem Gebiet gäbe es nicht so viel Streit, eher bei Geschichte und Politik.

Das bestätigt auch der Dokumentarfilm "Truth in Numbers" der auf der Wikimania seine Premiere feiert. Zwei Filmemacher haben dafür Kritiker, Nutzer und natürlich Lexikon-Papa Jimmy Wales befragt. Während der Streifen lief, blieben alle Laptops aus, ein Novum während der Wikimania.

Nach der Premiere zeigt sich ein weiterer Kernaspekt, der Wikipedianer auf der Welt verbindet. Nicht Wissen, Technikbegeisterung - sofort nach Ende gehen die ersten Laptops wieder an - sondern Debatte. Den einen ist der Film zu kritisch, den anderen fehlt etwas. Aber das haben sich die Autoren gedacht. Erst wollen sie ihre Kosten wieder einspielen, aber dann stellen sie das ganze Material wieder zur Verfügung. Dann kann jeder seinen eigenen Film daraus machen - vielleicht gibt es dann auch dort Editwars.

Und Jimmy Wales? Der scheint wirklich der entfernte Verwandte zu sein, zwei Tage ist die Wikipedia-Familie schon zusammen, er ist kaum zu sehen, am dritten Tage hat er seinen Auftritt. In seiner Ansprache verkündet er die Strategie für die nächste Zeit: Sprachausgaben wie die in Bengalisch oder Tamil mit wenig Artikeln sollen wachsen. So habe Tamil 23.000 Artikel, dabei werde die Sprache von 66 Millionen Menschen gesprochen. "Da red' ich auch mal mit Bill Gates", sagt Wales, damit Windows endlich Tamil unterstützt.

Mehr Artikel in Tamil bitte!

Außerdem bittet er um die Mithilfe der anwesenden Programmierer: "Ich kann zwar nichts, aber ich bringe Leute zusammen." So nimmt er nach der Premiere die Visitenkarten einer Russischlehrerin entgegen, die mit ihren Schülern den Film mit Untertiteln versorgen möchte, dann schreibt er freundlich ein paar Autogramme, lässt sich fotografieren.

Wie sieht er sich denn? Als Schöpfer einer Welt, ein Gott? Popstar? Oder ist er nur Maskottchen, weil er nichts kann außer herumreisen? Der Schweiß steht Wales auf der Stirn, er lacht: "Maskottchen, klar". Er sehe sich "eher als eine Art Coach, der den Leuten zeigt, was möglich ist," sagt Wales.

Davon hat er sogar die Chinesen überzeugt. So habe er sich mit Vertretern der chinesischen Regierung getroffen, damit die den Wikipedia-Bann lüftet. Sein Argument: Es gibt so viel Wissen dort, IT, Biologie, Chemie, was doch sehr nützlich sei. Kurz vor den olympischen Spielen entfiel die Blockade, "jetzt sind nur noch Stichwörter gefiltert." Wie Tibet oder Taiwan.

Die gleiche Strategie will er jetzt auch in der arabischen Version anwenden, derzeit sei das Online-Lexikon in einigen arabischen Ländern teilweise oder ganz blockiert. "Aber die Autoren dort können ja mit Artikeln über Technik anfangen, die sind ideologisch unproblematisch."

Er sieht großes Potential in der arabischen Welt, schließlich sei Arabisch der Uno zufolge die sechsthäufigste Sprache der Welt. Außerdem erreiche man so viele Menschen, die kein Englisch sprechen - wie wunderbar es doch wäre, dort mehr Nutzer zu haben.

Und mit Sicherheit auch mehr Edit-Wars. Aber besser das als echte Kriege.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Mehr als nur Wikipedia
nightwalk3r 13.07.2010
Wikipedia.org ist schon eins der bestern Online-Enzyklopädien, aber man sollte auch beachten, dass es noch weit mehr Speziallexika gibt, die sich nur auf bestimmte Themengebiete konzentrieren. Ich habe bei z.B alernia.de viele interessante Lexika gefunden, die ich über google.de nicht so einfach gefunden hätte.
2. Warum eigentlich
pocketcrocodile, 23.07.2010
Warum eigentlich wird die Mediawiki Foundation, als Veranstalterin der Wikimania stets ausschliesslich mit ihrem größten Projekt, eben wikipedia, verbunden? Die Wikimania befasste sich mehr Themen als Wikipedia.
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