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07. August 2006, 13:52 Uhr

Wikimania-Tagung 2006

Elefanten überrennen Lexikon

Von David Goeßmann, Cambridge

Haben sich die Elefanten in den vergangenen sechs Monaten vermehrt wie die Karnickel? In Afrika nicht, in Wikipedia schon. Und ob dieses Populationswachstums lautete auch beim Welttreffen der Wikigemeinde die zentrale Frage: Wie glaubwürdig ist die Online-Enzyklopädie?

Die Pound Hall an der Elite-Uni Harvard hätte ein paar mehr Stühle gebraucht. Wer sitzt, hat einen Laptop auf dem Schoß, während auf der Leinwand ein Ausschnitt aus der kürzlich ausgestrahlten TV-Show des US-Komikers Stephen Colbert läuft.

Der Fernsehstar witzelt über Wikipedia: Die Realität der Online-Enzyklopädie bestehe darin, dass "du eine Mehrheit von Leuten davon überzeugen musst, dass irgendwas wahr ist." Dann ändert Colbert auf seinem Laptop live Wikipedia-Artikel zu seiner Show, dann den Eintrag über George Washington ("er hatte niemals Sklaven!") und ruft seine Zuschauer auf, zu behaupten, die Elefantenpopulation Afrikas habe sich im letzten halben Jahr verdreifacht.

"Wikiality!", skandiert der TV-Komiker. Das Licht in der Pound Hall geht an. Gelächter und Applaus unter den versammelten 400 Wikipedianern aus aller Welt. Die Attacke von Colbert hatte vor einer Woche zu Chaos auf Wikipedia-Seiten geführt. Ein Administrator blockte schließlich den Zugang für Colbert.

20 Artikel über Elefanten fielen Vandalen zum Opfer

Rund 20 Artikel über Elefanten mussten nach vermehrten Angriffen gesperrt werden. Und natürlich entbrannten erneut die Diskussionen über die Vertrauenswürdigkeit von Wikipedia-Artikeln. Auf der 2. "Wikimania"-Konferenz lässt man sich von solchen Störmanövern kaum beeinflussen. "In gewisser Hinsicht ist jede Publicity gute Publicity", sagt Theresa Robertson, 21, eine der Administratorinnen der englischen Version. "Es macht die Leute neugierig und sie schauen nach, klicken auf ihre Lieblingsthemen. Dann sehen sie, dass der Eintrag entweder gut ist oder sie verbessern ihn. Je mehr Anziehungskraft wir bekommen, um so mehr aktive Mitarbeiter erhalten wir. Und das macht die Sache besser."

Für Wikipedianer Finne Boonen, 25, aus Belgien und Douglas Scott, 47, aus New York rennt der Begriff "Wikiality" offene Türen ein. Wikipedia sei nicht zu 100 Prozent richtig. Aber das lasse sich nicht vermeiden bei einer interaktiven, offen zugänglichen Enzyklopädie. Es frage sich nur, wer hier den Kontakt zur Realität verloren habe.

Jimmy Wales kann lachen über die Comedy-Attacke

"Funny" findet Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia und Chef der Wikimedia Foundation, den Gag von Colbert. Der Vater der Online-Enzyklopädie hat längst Qualitätssteigerung im Blick. "Auch wenn wir immer das Ziel hatten, die Qualität der Encyclopedia Britannica zu erreichen oder besser zu sein - wir sind noch nicht da. Wir können nicht zufrieden sein, wenn wir sehen, dass die Artikel-Zahlen ansteigen. Wir sollten uns weniger auf Wachstum als auf Qualität konzentrieren."

Eine Strategie um dieses Ziel zu erreichen, heißt: Barrieren abbauen, um mehr Leute zur Mitarbeit zu bringen, insbesondere Experten. Ein neues Werkzeug soll das Ändern von Artikeln in Zukunft einfacher machen. Zudem fordert Wales die Community auf, Behauptungen ohne Quellennachweis bei Biographien von lebenden Personen restriktiver zu behandeln.

Gerade in diesem Bereich hatte man sich immer wieder Ärger eingehandelt. Ganz oben auf der Optimierungsliste steht aber die Einrichtung einer schon länger diskutierten "stable version", einer nicht veränderbaren Version von Wikipedia, die neben der editierbaren herlaufen soll.

Testballon in der deutschen Ausgabe

Gegenüber SPIEGEL ONLINE äußerte sich Wales optimistisch, dass die Vorarbeiten dafür bereits in einem Monat abgeschlossen sein könnten. Eine Testversion soll dann auf der deutschen Wikipedia-Seite gestartet werden. In Zukunft kommt man dann unter wikipedia.de zuerst auf die stabile Version und von dort auf die editierbaren Artikel.

"Es wird weiter für jeden die Möglichkeit geben, Artikel zu verändern, um ihre Qualität zu steigern. Gleichzeitig wird die Öffentlichkeit aber davor geschützt, Elefanten-Nonsens lesen zu müssen." Auch wenn Wales betont, dass das ein Schritt zu mehr Offenheit von Wikipedia sei – das kurzzeitige Schützen von Artikeln aufgrund von Vandalisierungen würde in der veränderbaren Version wegfallen –, sehen einige darin ein Verlassen des Wiki-Way.

Auch der Erfinder des Prinzips "Wiki", Ward Cunningham, zeigt sich skeptisch. "Solange Wikipedia zwei Versionen hat, ist das ok. Sollte aber in Zukunft ausschließlich eine von Zeit zu Zeit stabilisierte Version entstehen, dann wäre Wikipedia tot. Ohne die soziale Interaktion ist Wikipedia nichts."

Sind bewegte Bilder die Zukunft des Wissens?

Eigentlich ist Cunningham schon wieder weiter. Er träumt von einer Art Video-Wiki. "Gemeinsam mit anderen im Internet Geschichten erzählen mit Filmen, animierten Bildern, das wäre großartig. Dazu brauchte es aber Browser, die Video-Editing unterstützen. Die Filme könnten beispielsweise auf der Basis von Machinima (in Echtzeit berechnete und abspielbare 3D-Animationsfilme) funktionieren."

Der Großvater der Wiki-Bewegung, wie er sich selber bezeichnet, ist ein wenig stolz auf die stetig wachsende Wiki-Community. Und tatsächlich: Der Projekthunger scheint auf der Wikimedia-Tagung ungebrochen. Unermüdlich diskutieren User, Wikipedia-Anwender, Software-Entwickler und Wissenschaftler über "Free Culture", "Wikipedia Evaluation", "Academic Publishing" und "Citizen Journalism". Und auch über Wikiversity, das neue Projekt der Wikimedia Foundation.

Diese kollaborative Plattform soll zu einer Art virtuellen Universität aufgebaut werden, ausgestattet mit verschiedensten Lernmaterialien und Lern-Foren. Dass diese Wiki-Anwendung unter ein gerade im US-Repräsentantenhaus verabschiedetes Community-feindliches Gesetz fallen könnte, das soziale Netzwerk-Seiten auf öffentlichen Internetzugängen in Schulen und Bibliotheken blockieren will, hält Wales für unwahrscheinlich.

Auch Wikipedia, glaubt Wales, sei nicht davon betroffen. Andere Wiki-Anwendungen könnten aber durchaus vom Ausschluss bedroht sein. "Das Gesetz ist absolut irrsinnig und stupide. Ich gehe aber davon aus, dass der Supreme Court das Gesetz kippen wird. Die haben in der Vergangenheit Gesetze zum Internet immer sehr vernünftig behandelt. Ich hoffe, dass sie das auch diesmal tun."

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