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Wikipedia: 100.000 historische Fotos aus dem Bundesarchiv online

Von Helmut Merschmann

Eine Kooperation zwischen Wikipedia und dem Bundesarchiv setzt auf die Weisheit der Massen: 100.000 Fotos werden öffentlich verfügbar und im Gegenzug mit Personendaten verknüpft.

Erstmalig will sich das Bundesarchiv mit Wikipedia zusammentun. Die Kooperation umfasst 100.000 digitalisierte Fotografien aus den Arsenalen der Staatssammlung, die künftig bei Wikimedia Commons, eine Zentralstelle für freie Mediendateien, unterkommen sollen. "Das Bundesarchiv hat den gesetzlichen Auftrag, Archivgut öffentlich zur Verfügung zu stellen", erläutert Oliver Sander, Leiter des Referats Bilder, Karten, Töne beim Bundesarchiv. "Wie könnte man das besser machen als über Wikipedia?"

Jetzt kann man also online zurückblicken: 1906 posierten Angehörige des Wasaramo-Stammes im ehemaligen Kolonialgebiet Deutsch-Ostafrika vor der Kamera. 1960 empfing Bundespräsident Heinrich Lübke Thailands attraktive Königin Sirikit. 1987 zog das Kombinat Robotron kleine Wägelchen mit volkseigenen Computern zur 750-Jahrfeier durch Ostberlin. Von all dem gibt es Bilder - bloß konnte bislang kaum jemand diese Fotos sehen. Sie lagern im Bundesarchiv in Koblenz hinter dicken Wänden. Die fangen nun langsam an zu bröseln.

Der beherzte Schritt in Richtung Öffentlichkeit und Öffnung folgt dem Open-Access-Gedanken der "Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen" (PDF-Dokument) aus dem Jahr 2003. Diesem Gedanken fühlt sich nun auch das Bundesarchiv verpflichtet. Erst im September 2007 hatte man einen Teil der eigenen Bildersammlung online gestellt. Mit dem Zeitgeschichte-Portal von SPIEGEL ONLINE, einestages, kooperiert das Nationalarchiv ebenfalls schon seit Ende 2007. Nun macht macht das Archiv gewissermaßen den nächsten Schritt auf die Bürger zu. "Mit Hilfe von Wikipedia kann der Bekanntheitsgrad unserer eigenen Seite deutlich gesteigert werden", sagt Sander.

Kostenlose Nutzung

Zunächst musste man sich jedoch auf einen Modus operandi einigen. Für Wikimedia kamen nur Creative-Commons-Lizenzen in Betracht. Sie regeln die freie Nutzung von Bildmaterial, ohne eine kommerzielle Nutzung auszuschließen. User können fortan Bilder aus dem Bundesarchiv, unter Angabe von Quelle und Urheber, kostenlos in ihre Website oder eine persönliche Präsentation einbinden. Bei kommerzieller Nutzung muss ein Entgelt entrichtet werden.

"Wir haben gesehen, dass es möglich ist, einen Teil der Bilder vom Bundesarchiv unter freier Lizenz herauszugeben", sagt Mathias Schindler von der Wikimedia Foundation. "Gleichzeitig bieten wir an, die Personendaten im Bundesarchiv mit Wikipedia-Artikeln und der sogenannten Personennamendatei zu verknüpfen."

Ein attraktives Angebot für das Bundesarchiv. Denn dort wurde bislang nicht mit der Personennamendatei (PND) gearbeitet, weil schlicht die Manpower fehlte. Sie wird von Bibliotheken eingesetzt und beinhaltet eine Identifikationsnummer, die auf einen Datensatz mit Angaben zu Personen von öffentlichem Interesse verweist. Jetzt sitzen die fleißigen Wikipedianer daran, die vorhandenen Angaben des Bundesarchivs mit der Personennamendatei abzugleichen und zu ergänzen. Etwa 27 Prozent der 100.000 Fotos sind bereits verknüpft, wozu etwa zwei Monate Zeit benötigt wurden. "Das Tempo wird noch zunehmen, wenn die Kooperation öffentlich wird", ist sich Schindler sicher.

Darüber hinaus sollen in einer Art Bilderschnitzeljagd fehlende Angaben zu einzelnen Fotos, für die Spezialwissen notwendig ist, durch die User ergänzt werden. Die vielbeschworene "Weisheit der Massen" kommt hier zum Tragen. Eine ähnliche Funktion hat übrigens das "Fundbüro" bei einestages.

Das Bundesarchiv erhält auf diesem Weg nun saubere Daten, und Wikimedia vergrößert seinen Bestand an freien Fotografien, die jeder nutzen kann. "Das Bundesarchiv besitzt phantastische Fotos aus Zeitabschnitten, auf die Wikipedia momentan keinen Zugriff hat", schwärmt Mathias Schindler, der in der Zusammenarbeit auch einen Testballon sieht, "um zu schauen, ob nicht mit anderen Bereichen des Bundesarchivs ebenfalls kooperiert werden kann".

Die Wikipedianer mögen sich bei dieser Arbeit vielleicht sogar zu neuen Einträgen in die Online-Enzyklopädie inspiriert fühlen. Die Wasaramo-Krieger fehlen noch.

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