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Echtzeit-Animation Chillen mit Wikipedia

Screenshot von "Listen to Wikipedia": Sehen und hören, wie das Online-Lexikon wächst
Hatnote

Screenshot von "Listen to Wikipedia": Sehen und hören, wie das Online-Lexikon wächst

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Tausende Nutzer beteiligen sich an der Wikipedia. Eine Website macht die Lexikon-Updates sicht- und hörbar, sie übersetzt die Änderungen in Klänge. Aus einer Flut an Wissen entsteht so ein endloses Musikstück.

Papier ist geduldig, Wikipedia nicht. Alle drei bis fünf Sekunden verändert sich die deutsche Version der Enzyklopädie. Die Änderungsrate lässt sich in Echtzeit auf der Website "Listen to Wikipedia" ablesen, die das Online-Lexikon zum Klingen bringt.

Wenn bei "Listen to Wikipedia" ein Glockenspiel erklingt, hat ein Nutzer das Lexikon erweitert. Bei Kürzungen ist der Klang einer gezupften Saite zu hören. Je umfangreicher die Änderung, desto tiefer der erzeugte Ton. Das Ergebnis klingt nach Ambient Music - und ist verblüffend angenehm.

"Viele nutzen die Seite zur Entspannung", erklärt Entwickler Mahmoud Hashemi auf Anfrage. Dabei ist "Listen to Wikipedia" mehr als ein Musikgenerator. "Mit der Seite lässt sich das kollektive Gedächtnis des Internets beobachten", sagt Co-Entwickler Stephen LaPorte. Wann auch immer ein Nutzer einen neuen Artikel hinzufügt oder auch nur ein Komma verändert, wird das auf "Listen to Wikipedia" verzeichnet.

Unermüdliche Korrektoren

Farbige Kreise machen die Veränderungen im Browserfenster sichtbar, zusätzlich zu den erzeugten Tönen. Die Kreise ähneln Regentropfen auf einer glatten Wasseroberfläche. Per Klick auf einen Kreis öffnet sich ein Vorher-Nachher-Vergleich des bearbeiteten Eintrags. Die dafür nötigen Daten stellt Wikipedia im Netz frei zur Verfügung.

Vorbild für die Website war den Entwicklern zufolge das Projekt "Listen to Bitcoin", das Transaktionen der Digitalwährung in Echtzeit mit Tönen hinterlegt. Wer "Listen to Wikipedia" weiterentwickeln möchte, kann den Quellcode kostenlos via Github abrufen. Noch mehr sehenswerte Animationen der Wikipedia haben die Entwickler auf einer gesonderten Website gesammelt. Eine Auswahl der Tipps finden Sie hier zum Durchklicken:

"Ich hoffe, 'Listen to Wikipedia' ermutigt Nutzer, bei Wikipedia mitzumachen", sagt LaPorte, der als Rechtsberater für die Wikimedia Foundation arbeitet. Ob die Website aber eine gute Methode ist, neue Autoren zu gewinnen, sei dahingestellt. Eher gibt die Seite schon nach wenigen Sekunden Anlass zum Schmunzeln: Der Blick ins "kulturelle Gedächtnis des Internets" ist nämlich auch ein Blick in die Arbeit unermüdlicher Korrektoren.

Trolle auf frischer Tat ertappbar

Mal korrigiert ein Nutzer die lateinische Bezeichnung der Unterart eines Schmetterlings, genauer gesagt: des Alpen-Wiesenvögelchens. Mal macht ein Nutzer in der "Liste der Baudenkmäler in Weiskirchen" aus einem falschen Dativ einen Genitiv.

Auch Trolle und Trickser lassen sich bei "Listen to Wikipedia" schnell entlarven - vor allem, wenn sie unvorsichtig sind. Während unseres Besuchs löschte zum Beispiel ein Nutzer ganze Abschnitte aus dem Lexikon-Eintrag über einen deutschen Politiker, um ihn als "Essigfresse" zu bezeichnen. Der Eingriff sorgte für einen auffällig tiefen Ton und für einen riesigen Fleck im Browserfenster. Nach wenigen Sekunden war die alte Version des Artikels wiederhergestellt und ein tiefer Glockenspielton erklang.

Wer die Arbeit an der deutschen oder englischen Wikipedia zu hektisch findet, kann "Listen to Wikipedia" per Mausklick auch auf andere Sprachen umstellen. In kleineren Ausgaben des Lexikons, beispielsweise der finnischen oder bulgarischen, erklingt das Glockenspiel nur zaghaft.



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3 Leserkommentare
taglöhner 11.01.2016
wittchen2000 11.01.2016
master-of-davinci 11.01.2016

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