Wikipedia-Betrüger Falscher Professor narrt den "New Yorker"

Es gibt neuen Ärger für Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Ein geschätztes Mitglied des inneren Community-Kreises wurde als Betrüger entlarvt: Im Onlinelexikon selbst und auch im Gespräch mit dem US-Magazin "The New Yorker" gab er sich als hochqualifizierter Professor aus - fälschlicherweise.


Wikipedia, schrieb die Pulitzer-Preisträgerin Stacy Schiff vergangenen Sommer in einem langen Essay im "New Yorker", "verkörpert unsere neue, lässige Beziehung zur Wahrheit". Wenn die Lexikongemeinde auf einen Fehler hingewiesen werde, heiße es stets: "Schaut doch mal, wie oft die Mainstream-Medien und traditionelle Enzyklopädien falsch liegen!" Das entspreche in etwa der Kinder-Argumentation: "Aber Johnny ist zuerst von der Brücke gesprungen!", schrieb Schiff.

Jimmy Wales: "Leidenschaft für Qualität und Integrität"
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Jimmy Wales: "Leidenschaft für Qualität und Integrität"

Nun ist das Traditionsmagazin "New Yorker" definitiv den Mainstream-Medien zuzurechnen, und stand bislang nicht im Verdacht, eine lässige Beziehung zur Wahrheit zu haben. Schiff aber saß bei der Recherche für ihren Wikipedia-Artikel einem Betrüger auf – nun sieht sich das Intellektuellenblatt in der Kritik. Ausgerechnet weil sich seine renommierte Autorin auf Informationen aus der Wikipedia-Gemeinde verlassen hat, ohne sie zu prüfen.

Schiff sprach für ihren Text unter anderem mit einem hochrangigen Wikipedia-Funktionär mit dem Benutzernamen Essjay. Der sei im wahren Leben ein "festangestellter Professor der Theologie an einer Privatuniversität", der einen Doktortitel in Theologie und einen weiteren Akademischen Grad in kanonischem Recht halte. Das hatte Essjay selbst mitgeteilt, und Schiff hatte ihm geglaubt. In Wahrheit, das ist jetzt herausgekommen, ist Essjay erst 24, heißt Ryan Jordan und hat überhaupt keine akademischen Titel, geschweige denn eine Lehrbefugnis.

Dem "New Yorker" ist das Ganze ein bisschen peinlich, aber nicht allzu sehr. Unter Schiffs Artikel steht nun eine Korrektur, die über die wahren Umständen aufklärt. Eine Entschuldigung oder gar eine plausible Erklärung dafür, warum man die Identität eines Kronzeugen im eigenen Bericht rein gar nicht geprüft hatte, bleibt das Blatt schuldig. Noch peinlicher als für das Magazin ist der Fall für Wikipedia selbst – denn Gründer Jimmy Wales hatte "Essjay" zuvor einen bezahlten Job als "Community Manager" für das neue, profitorientierte Projekt Wikia engagiert.

Ironischerweise wurde Wales selbst in Schiffs Text mit den Worten zitiert, ihm sei es egal, ob einer der Wikipedia-Autoren "ein Highschool-Kid oder ein Harvard-Professor" sei. Der "New Yorker" zitiert Wales in der Korrektur auf der eigenen Webseite mit den Worten, er betrachte Essjays erfundenes Professoren-Alter-Ego als "Pseudonym": "Ich habe eigentlich kein Problem damit." Noch Ende vergangener Woche ließ Wales laut der "New York Times" verkünden, er habe eine Entschuldigung Jordans akzeptiert, "weil er ein hervorragender Redakteur mit einer beispielhaften Erfolgsgeschichte ist und immer war".

Inzwischen ist Wales wohl klar geworden, dass es für Wikia und Wikipedia keine gute PR wäre, es dabei zu belassen. Diskussionsseiten über umstrittene Artikel belegen, dass Jordan seine erfundenen Qualifikationen auch benutzte, um seiner Privatmeinung zu strittigen Themen Gewicht zu verleihen – genau die Art von dünkelhafter Manipulation, die zu bekämpfen Wikipedia eigentlich angetreten ist.

Die Gemeinde ist wütend. Wikipedia-kritische Blogger gießen mit Vergnügen Hohn und Spott über den Enzyklopädie-Evangelisten Wales. Die britische Seite "The Register" nutzt die Gelegenheit für eine Frontalattacke: "Stalin hat Hitler vielleicht besiegen können, indem er den Armeen des Reiches 20 Millionen menschliche Körper entgegenwarf, aber keine Menge freiwilliger Wikipedianer wird das Web auch nur einen Deut 'besser' machen als vor 10 Jahren, als es noch keiner benutzte". Wales selbst wird im gleichen Text als der "Duce" des Internet-Lexikons bezeichnet, also mit Mussolini verglichen.

Der so Beschimpfte hat Jordan inzwischen fallengelassen. "Ich habe Essjay aufgefordert, seine Vertrauenspositionen innerhalb der Gemeinschaft aufzugeben", teilt er in einer Botschaft auf einer Wikipedia-internen Diskussionsseite mit. Er sei momentan in Indien und habe eben erst erfahren, dass Jordan seine gefälschten Qualifikationen auch in Streitigkeiten um Lexikon-Einträge als Argument ins Spiel gebracht habe.

Der Tonfall des Eintrags hat etwas Flehendes: "Die Integrität des Projekts hängt davon ab, dass die Kern-Community Leidenschaft für Qualität und Integrität besitzt, so dass wir einander vertrauen können", schreibt Wales. "Die Harmonie unserer Arbeit hängt von menschlichem Verständnis und der Bereitschaft ab, Fehler zu vergeben."

Laut der "New York Times" arbeitet Jordan bereits nicht mehr für Wikia. Seine Nutzerseite innerhalb des Wikipedia-Angebotes ziert ein schwarzes Rechteck mit der Aufschrift "Retired", darunter steht ein kurzer Abschiedsbrief an die Community, unter anderem mit diesem Satz: "Ich habe meine Zeit hier genossen und viel gute Arbeit geleistet; meine Zeit hier ist aber nun vorbei, und wegzugehen ist für mich und für Wikipedia das beste."

cis

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