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Wikipedia: Der Sünder sagt "sorry"

Mit einem blöden Scherz entzauberte Brian Chase die Legende von den Selbstkontrollmechanismen der Wikipedia und diffamierte einen bekannten Journalisten als Mittäter bei den Kennedy-Morden. Jetzt leistet er Abbitte. Weh tut das alles vor allem der Wikipedia.

Kein "Wikipedianer", der ehrenamtlich mitschreibt am ohne jeden Zweifel inzwischen größten Lexikon der Welt, würde je bestreiten, dass das System seine Schwächen hat. Die größte davon ist zugleich Wikipedias größte Stärke: Zwar durfte prinzipiell jedermann mitschreiben an der Mega-Enzyklopädie, und dabei kam zugegebenermaßen manchmal inkompetenter Unsinn heraus. Zugleich aber wurde sowas immer auch schnell entdeckt und sogleich korrigiert - schließlich ist bei Wikipedia auch jeder Leser ein potenzieller Korrektor.

Wikipedia: Eine weltweit verbreitete publizistische Macht
DPA

Wikipedia: Eine weltweit verbreitete publizistische Macht

Soweit die Theorie, die Legende. Denn oben hieß es "durfte", "wurde": Letzte Woche wurden die Regeln für die Mitarbeit verschärft, und das aus gutem Grund.

Denn John Seigenthaler machte andere Erfahrungen mit den Selbstkontrollmechanismen der Wikipedia und publizierte sie letzten Monat in "USA Today". Das ist vielleicht nicht Amerikas beste, immerhin aber reichweitenstärkste Zeitung - und wurde von Seigenthaler mitbegründet. Er sei, erfuhren die Zeitungsleser, vier lange Monate in einem Wikipedia-Artikel sowohl mit dem Mord an Robert, als auch John F. Kennedy in Verbindung gebracht worden. Zudem sei ihm dort unterstellt worden, nach den Morden über Jahre in der Sowjetunion gelebt zu haben.

All das ist zwar Blödsinn, könnte für unbedarfte Leser aber plausibel gewirkt haben und ist für Seigenthaler besonders schmerzlich: Der spätere Journalist gehörte einst wirklich zum Team von Robert Kennedy, gehört bis heute zu den bekannten Gesichtern der amerikanischen Mediengesellschaft.

Entsprechend "not amused" zeigte sich Seigenthaler, obwohl sich der Schuldige bald schon anonym zu Wort meldete: Leid täte ihm der doofe Eintrag, der doch nur ein Scherz gewesen sei.

Inzwischen wurde der Name des Mannes bekannt, nachdem es einem findigen Internet-Kenner gelungen war, den anononymen Schreiber zurück zu verfolgen: Brian Chase, 38 Jahre alt, entschuldigte sich öffentlich für den dummen Scherz und bei Seigenthaler selbst erst brieflich, dann persönlich.

Er habe mit dem Wikipedia-Eintrag nur einen Kollegen ins Bockshorn jagen wollen, was auch ganz toll funktioniert habe. Dass bei Wikipedia jeder im "Lexikon" herum fuhrwerken durfte, habe ihn damals in seinem Eindruck bestärkt, dass es sich bei diesem Online-Lexikon nur um eine "Gag-Webseite" handele. Er habe keine Ahnung gehabt, dass dieses Ding von irgend jemandem als "ernst zu nehmendes Nachschlagewerk" genutzt würde.

Für Seigenthaler, Chase wie die Wikipedia ist all das schmerzlich.

Der unglückliche Scherzkeks, der wie Millionen von Internetnutzern verkannte, dass Publikationen im Web halt immer weltweite Veröffentlichungen sind und darum einiges an justiziablen Risiken bergen, kündigte am Freitag freiwillig seinen Job, um Schaden von seiner Firma abzuwenden. Zugleich suchte er das Gespräch mit dem von ihm diffamierten Seigenthaler, der nachher so öffentlich wie erfolglos dazu aufrief, Chase zu verzeihen und ihm seinen Job zurück zu geben.

Um Verzeihung bat schon in der letzten Woche Jimmy Wale, Gründer der Wikipedia, gestand das Versagen der Kontrollmechanismen ein und verkündete eine Änderung der Regeln, die der Wikipedia ein kleines Stückchen ihrer Freiheit nimmt. Ab sofort durfen nur noch registrierte Mitglieder neue Artikel aufnehmen in die "Enzyklopädie von unten". Ändern und korrigieren darf dagegen weiter, wer sich berufen fühlt.

Munition für Wiki-Gegner

Wieder auf dem Tablett ist damit die Debatte darüber, ob dem "demokratischen Lexikon" zu trauen ist - und darüber, wie es aussieht mit der Haftung bei solchen verteilten "Graswurzel"-Projekten. Darf man auch dem User vertrauen, sich an aufgestellte Regeln, die dieser vielleicht gar nicht als bindend wahrnimmt, zu halten? Und wenn: Nimmt das die Betreiber aus der Haftung?

Bekanntheit allein ist dafür auf jeden Fall kein Gradmesser. Brian Chase gab an, die Wikipedia nicht gekannt zu haben: Das ist natürlich denkbar. Bekanntheit ist in den Medien immer eine innerhalb von Zielgruppen. Wer keine Seifenopern sieht, wird deren so genannte Darsteller für Teppichhändler oder Friseurinnen halten, wenn man ihm deren Fotos vorlegt (nichts gegen die genannten Berufsgruppen!). Ein Großteil der Bevölkerung wäre bis heute davon verschont geblieben, Oliver Pocher zu kennen, wenn Media Markt ihm keinen Vertrag gegeben hätte, in der Werbung zu zeigen, was er kann oder auch nicht. Die Mehrzahl der Deutschen dürfte Wikipedia nicht kennen (und auch von denen sind viele im Netz unterwegs).

Dass es auch noch ausgerechnet Daniel Brandt sein musste, der Brian Chase aus seiner Anonymität trieb, wird die Wiki-Gemeinde doppelt schmerzen: Brandt betreibt eine Anti-Wikipedia-Webseite, auf der er Fehler des Online-Lexikons brandmarkt. Das sind in Anbetracht der Zehntausenden von Einträgen noch immer beeindruckend wenige, was Kritikern wie Brandt normalerweise den Wind aus den Segeln nimmt. Jetzt aber hat er Rückenwind: Seigenthaler bezeichnete Brandt wegen seiner akribischen Rückverfolgung von Brian Chase als "Genie" - eine Ehre, die dem bisher als laut gegen Google, Wikipedia und andere Web-Unternehmenden pöbelnden "Netz-Aktivisten" bisher eher selten zuteil wurde.

Jimmy Wales dagegen sah sich in den letzten Wochen in der Defensive, eine für ihn ungewohnte Rolle. "Wir müssen ständig darauf achten, ob unsere Kontrollen genügen", zitierte ihn die "New York Times".

Daniel Brandt, der sich seit Oktober ein zumeist sehr einseitiges, auch Tiefschläge nicht scheuendes Gefecht mit dem Wikipedia-Gründer leistet, hat auf diese Frage längst eine Antwort: Alles, was Wikipedia tut, ist schlecht, schlimm, böse. Nach einem über Wochen laufenden Gefecht von Artikel-Löschungen und -Neueinstellungen setzte ihn die Wikipedia am 9. November endgültig vor die Tür und verbot ihm jedes weitere Löschen oder Schreiben von Wikipedia-Artikeln.

Doch wie auch immer man dazu steht: Wikipedia mag fehlbar sein, aber sie ist auch außergewöhnlich ehrlich und transparent. So wurde die Wikipedia selbst in den letzten Tagen zur vielleicht besten Quelle über diesen ihren bisher schlimmsten Skandal.

Klar auch, dass es längst über alle Involvierten eigene biografische Seiten gibt. So gießt der unerschöpfliche Vollständigkeitshunger der Wiki-Gemeinde Informationen in Schrift. Wer wissen will, wie es dem derzeit arbeitslosen "Wikipedia-Prankster" Brian Chase weiter ergehen wird, wenn der Skandal um ihn längst vergessen ist, wird das wohl nicht in den Medien erfahren, sondern allenfalls hier. Und das ist - Relevanz hin oder her, mit allen Schwächen, Haken und Ösen - tatsächlich mehr, als je ein Lexikon zuvor geleistet hat.

Frank Patalong

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