Wikipedia für Fundamentalchristen: Das Lexikon des Herrn

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In den USA haben sich fundamentalchristliche Gruppen zusammengeschlossen, um dem Internetlexikon Wikipedia Konkurrenz zu machen. Gleich zwei Alternativangebote erklären die Welt aus der Sicht der Kreationisten - und sorgen damit für eine Menge unfreiwilligen Humor.

"Wie alle modernen Tiere stammen Känguruhs aus dem mittleren Osten und sind die Abkömmlinge der zwei Angehörigen der modernen Känguruh-Baramin, die vor der Sintflut auf der Arche Noah aufgenommen wurden." Dieser Satz stammt aus einem Internet-Lexikon. Und er ist durchaus ernst gemeint.

Darwin-Karikatur aus der "CreationWiki": Bar jeden Erkenntnisgewinns

Darwin-Karikatur aus der "CreationWiki": Bar jeden Erkenntnisgewinns

Das Lexikon heißt nicht Wiki- sondern Conservapedia. Es ist einer der jüngeren Streiche derer, die vor allem in den USA dafür arbeiten, doch endlich den unsinnigen Wissenschaftsglauben aus den Schulen zu verbannen und der Bibel ihren gerechten Platz als all-erklärendes Geschichts- und Lehrbuch zurückzugeben.

Conservapedia ist gewissermaßen eine fundamentalchristliche Antwort auf Wikipedia, der Versuch, die Deutungshoheit im Netz über den Ursprung der Menschheit und der Arten den Vertretern der Evolutionstheorie zu entreißen. Das Projekt hat sogar eine große Schwester: Das Alternativangebot CreationWiki lockt mit Weisheiten wie "Gott erschuf die Menschen getrennt von den Tieren vor weniger als 10.000 Jahren." Obwohl 45 Prozent der US-Amerikaner dies glaubten, werde die Evolutionstheorie "als Faktum in Schulen gelehrt, die mit Steuern von Menschen finanziert werden, die dieser Sichtweise nicht zustimmen", ereifert sich der Autor des Beitrages "Creation vs. Evolution".

Für Menschen, die der Vorstellung, die Bibel sei wörtlich zu verstehen, skeptisch gegenüberstehen, ist vor allem Conservapedia ein Born der Heiterkeit. Die "Zufällige Seite"-Funktion, die bei Wikipedia ein ziemlich überflüssiges Gimmick darstellt, macht Conservapedia, die dem großen Vorbild äußerlich ähnelt, zu einer Quelle des unfreiwilligen Humors für zwischendurch. Großartig sind auch die "Debattenthemen", zu denen eifrige Nutzer Stellung nehmen können ("Kreuzzüge - gut oder schlecht?").

"Bitter nötige Alternative zu Wikipedia"

Leider sind viele Einträge extrem kurz. So erfährt man über den Berg Sinai in der Conservapedia nur dass er "ein Berg" sei, und dass Moses dort die Zehn Gebote bekommen habe.

CreationWiki teilt immerhin noch die Höhe des Berges mit - und serviert einen Link zu den beiden Sinai-Einträgen der englischsprachigen Wikipedia (Sinai und biblischer Sinai). CreationWiki betrachtet sich dennoch als "bitter nötige Alternative" zur "zunehmend anti-christlichen und anti-amerikanischen Wikipedia". In der Conservapedia gibt es sogar eine eigene Seite mit "Beispielen für die Verzerrungen in Wikipedia". Sie enthält unter anderem eine köstliche Berechnung, derzufolge die freie Enzyklopädie "sechsmal liberaler ist als die amerikanische Öffentlichkeit" - und deshalb zu verdammen.

Während CreationWiki sich aber ostentativ bemüht, zumindest den Anschein von Objektivität zu wahren - auch wenn das Selbstverständnis klar als "kreationistisch" benannt wird - ist die Conservapedia in erster Linie ein relativ dürres Agitationsprojekt bar jeden Erkenntnisgewinns. Der konservative Rechtsanwalt Andy Schlafly hat sie im November 2006 mit 58 High-School-Schülern aus dem Boden gestampft, weil er der Meinung war, dass die Welt eine "Wissensquelle für ein allgemeines Publikum ohne die Defekte von Wikipedia braucht", wie er "Wired" sagte. Denn die sei in der Hand der Liberalen, vulgo der Gott- und Vaterlandslosen.

"Dazu braucht man einen intelligenten Schöpfer"

Die CreationWiki dagegen ist ganz offenkundig durchaus als ernsthaftes Projekt gedacht, zur Förderung der "Schöpfungswissenschaft" - ein Versuch der Fundamentalchristen, die Schöpfungslehre auf eine argumentative Stufe mit der Evolutionsbiologie zu hieven. In der CreationWiki, die schon seit 2004 existiert, gibt es sogar über Gene einiges zu lesen, auch eine Doppelhelix-Abbildung der DNA findet man dort. Evolutions-Bashing findet in dem Eintrag nicht statt.

In der Conservapedia dagegen stehen nur drei Sätze zum Thema: "Ein Abschnitt DNA, der die Produktion eines Proteins oder eines Anteils eines Proteins kodiert. Obwohl das Gen die elementare Einheit der Vererbung ist, können Veränderung in den Genen (sogenannte "Evolution") die Unterschiede zwischen den Spezies nicht erklären, dazu braucht man einen intelligenten Schöpfer."

An der Intelligenz der Schöpfer der Conservapedia muss man allerdings beim Herumstöbern gelegentlich zweifeln, etwa, wenn man die schiere Länge des Eintrags über die Bibel (gut 1300 Anschläge) mit der des Artikels über Dan Browns Katholizismus-kritischem Roman "Sakrileg" (gut 47.000 Anschläge) vergleicht.

CreationWiki erfreut den Leser dafür mit einer Tabelle, anhand derer der Leser überzeugt werden soll, dass Kreationismus zwar reif für den Schulunterricht ist, das "Flying Spaghetti Monster" aber nicht: "Am obigen Vergleich kann man sehen, dass es keine Grundlage dafür gibt, Schülern etwas über das Flying Spaghetti Monster beizubringen, aber dass man das Gleiche von Intelligent Design oder Kreationismus nicht sagen kann."

"Auch Konservative haben Humor"

Die fiesen atheistischen Spaßmacher da draußen haben die Jesus-Wikis natürlich längst entdeckt. Conservapedia musste laut einer Reporterin des "New Scientist" schon über 60 IP-Adressen blockieren, wegen eines "schockierenden Ausmaßes an Vandalismus und Obszönität". Der wunderbare Eintrag über einen in Nadelbäumen lebenden aber leider vom Aussterben bedrohten Octopus ist aber immer noch online. "Auch Konservative haben Sinn für Humor", sagte Schlafly "Wired".

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat übrigens gar keine Probleme mit den fundamentalchristlichen Gegenentwürfen. "Eine freie Kultur kennt keine Grenzen", sagte er der Dame vom "New Scientist", man begrüße "die Verwendung unserer Arbeit, um Varianten zu bauen. Das passt genau zu unserer Mission."

Das haben sich auch die dem Christentum eher nicht zugeneigten Netznutzer inzwischen überlegt: Auf Deutsch gibt es seit kurzem auch eine "Athpedia" für Atheisten - die sich allerdings ganz explizit nicht "als Konkurrenz zu Wikipedia" versteht, sondern als "ergänzendes Angebot für den interessierten Internetuser".

Der findet dort ausführliche Einträge über Begriffe wie "Religion", "Weltanschauung", oder über den Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Der hat übrigens mal etwas gesagt, das man auch den Conservapedia-Dichtern ins Stammbuch schreiben könnte: "Ich bin gegen Religion, weil sie uns lehrt, damit zufrieden zu sein, die Welt nicht zu verstehen."

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