Wikipedia-Gründer Jimmy Wales "Ich bin die Königin von England"

Im Januar 2001 veröffentlichte Jimmy Wales die Wikipedia-Software. Vier Jahre später ist das kostenlose Web-Lexikon dabei, sämtliche kommerziellen Konkurrenten zu überholen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Wales über die Perspektiven des Projektes.


Jimmy Wales: "Nur doppelt so groß wie die Britannica"

Jimmy Wales: "Nur doppelt so groß wie die Britannica"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Wales, ihr Wikipedia-Projekt startete als belächeltes Hobby-Lexikon von und für Laien, inzwischen soll es quantitativ größer sein als die Britannica Online und die Encarta zusammen.

Jimmy Wales: Ja, aber die Zahl der Artikel ist keine faire Vergleichsgröße. Viele Wiki-Artikel sind sehr kurz, die Zahl der Wörter gibt das Bild besser wieder. Dann sind wir nur noch doppelt so groß wie die Britannica. Allerdings wachsen unsere englischen Seiten um sieben Prozent im Monat, in Deutschland sind es neun. Bei diesem exponentiellen Wachstum verdoppelt sich das Wiki-Wissen alle zehn Monate.

SPIEGEL ONLINE:Wann überholt Wiki den Brockhaus?

Wales:Definitiv noch dieses Jahr. Im Moment sind die großen Lexika allerdings noch unser Qualitätsmaßstab, wir haben noch nicht in allen Gebieten dasselbe Niveau. Aber wir holen auf und versuchen redaktionelle Mechanismen einzubauen, die die Qualität der Artikel garantieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Qualität der Wikipedia findet in der Tat Kritiker. Hinter Wikipedia stehen Laien, keine anerkannten Fachleute. Jeder kann alles jederzeit ändern. Das ist die Stärke von Wikipedia, aber auch ihre größte Schwäche: Wie wollen Sie das lösen?

Wales: Ein Weg ist der "featured article", im Deutschen sind das die "Exzellenten Artikel". Wikipedianer mit gutem Ruf in der Community haben die Fakten überprüft und schaffen so verlässliche Einträge. Aber das ist ein langsamer Prozess, in Deutschland kommt nur ein Artikel am Tag dazu. Darum versuchen wir jetzt, viele Wikipedianer den Text bewerten zu lassen und diese Bewertung gibt dann Auskunft über die Qualität. Das wäre schneller. Diese geprüften Artikel werden einen stabilen, verlässlichen Kern bilden. Wir sind aber noch in der Testphase.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer Vorwurf lautet, Wikipedia mache die Preise kaputt: Ein Berliner Verlag verkaufte zusammen mit der Wikipedia-Gemeinde gerade 40.000 Wiki-Lexika auf CD für nur 3 Euro und verteilte zusätzlich über 50.000 CDs kostenlos. Im Frühjahr soll zur Leipziger Buchmesse eine DVD mit Multimedia-Inhalten erscheinen - für 10 Euro. Außerdem bereiten Wikipedianer rund 50 Bücher vor. Haben die klassischen Wissens-Verlage da überhaupt eine Chance?

Wales: Die Frage ist, ob sie einen Weg finden, sich anzupassen. Mit dem alten Modell klappt das sicher nicht. Verlagen wie Brockhaus und Britannica rate ich, unsere kostenlosen Bilder zu übernehmen und so Kosten zu sparen. Das würde ihnen zumindest ein paar zusätzliche Jahre geben.

SPIEGEL ONLINE: Aber wirklich dagegen halten können sie nicht?

Wales: Ich glaube kaum. Die Welt hat sich verändert, die Menschen sind bereit, über das Internet zusammenzuarbeiten, gute Qualität zu produzieren und die Ergebnisse kostenlos abzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Was steuern Sie persönlich bei?

Wales: Ich schreibe kaum etwas. Ich bin gefragt, wenn über Konflikte zu entscheiden ist, die die Autoren unter sich nicht lösen können. In der englischen Version gab es zum Beispiel einen langen Krieg darüber, wie man die Namen polnischer Orte schreibt. In der aus dem Deutschen übernommenen Fassung? Oder in der heutigen, polnischen? Persönlich interessiert mich die Frage nicht. Ich bin eine Art konstitutioneller Monarch: Die Königin von England. Wenn sich die Community nicht einigen kann, bittet man mich zu entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: ...und Sie werden entsprechend ehrfürchtig behandelt in der Community. Halten Sie sich für eine Art Guru der Bewegung?

Wales: Das Wort Guru mag ich nicht. Aber ein Grund, warum Wikipedia so erfolgreich ist, besteht darin, dass ich von Anfang an einen gewissen Ton gesetzt habe: Intelligente Leute arbeiten nicht freiwillig in einer Atmosphäre von Missachtung und Beschimpfungen. Ich bin recht gut darin, den Leuten zu erklären, wie man fair und nicht zu einseitig schreibt. Ich sehe mich als Trainer: Ich kümmere mich um die Technik und halte die Leute motiviert.

SPIEGEL ONLINE: Der Wiki-Gedanke hat etwas utopisches, weltverbesserisches. Auf viele Menschen wirkt das naiv.

Wales: Für die Gesellschaft kann man nur etwas Gutes erreichen, wenn es freiwillig erreicht wird. Das ganze Wiki-Projekt ist ziemlich naiv. Ich bin ziemlich naiv, weil ich daran glaube, dass Leute ohne Geld zusammenarbeiten. Wenn nur der Umgang miteinander stimmt: Argumente zählen, Freiheit ist entscheidend und man muss andere Leute respektieren.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir über das Geld. Wenn man die Inhalte von Wikipedia erst mal vermarktet, kann man sehr viel Geld verdienen. Haben Sie sich schon ein Schweizer Nummernkonto zugelegt?

Wales: Die Wikimedia Foundation, deren Vorsitzender ich bin, ist eine gemeinnützige Stiftung. Sie besitzt heute rund 40 Server und gibt im Jahr 200.000 Dollar aus. Ich bin zwar im Vorstand, aber rechtlich gehört mir nichts. Wikimedia kann sein Geld nur an andere gemeinnützige Stiftungen abgeben. Es ist schon möglich, dass wir Geld einnehmen, wenn wir größer werden. Dann könnte es im Prinzip auch Missmanagement geben. Aber das kann auch beim Roten Kreuz passieren.

SPIEGEL ONLINE: Am 15. Januar 2011 wird Wikipedia zehn Jahre alt werden. Wie wird es dann aussehen?

Wales: Wikipedia wird ganz sicher die größte Enzyklopädie der Welt sein. Auch in Sprachen wie Hindi, wo das Wachstum im Moment langsam ist. Oder Suaheli, da gibt es im Moment nur 500 Artikel. Arabisch existiert bisher auch kaum, dabei könnte die Region wirklich eine objektive Enzyklopädie gebrauchen.
Wir werden Wikipedia auf Handys sehen, es werden immer mehr Multimedia-Inhalte zu finden sein. Es wird alle möglichen kreativen Spin-Offs geben. Ich wüsste wirklich auch gerne, was da noch kommt. Meine Vision ist, dass Wikipedia eine entscheidende kulturelle Rolle spielt. Die Menschen sollen sich an die jetzigen Gründerjahre so erinnern, wie man heute an die Gründung der Bibliothek von Alexandria denkt.

Die Fragen stellte Marcus Franken

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