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Online-Enzyklopädie: Chefin der Wikipedia-Stiftung tritt zurück

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Corbis

Lila Tretikov: Tiefe Spaltung des Projekts

Die ehrenamtlichen Autoren der Wikipedia und der Führungszirkel des Projekts liegen im Clinch. Jetzt muss die Chefin gehen - wegen verheimlichter Pläne für eine Suchmaschine.

In der Wikipedia-Führungsebene gibt es einen Abgang: Streitigkeiten um Pläne für eine Suchmaschine haben sich so verschärft, dass die Chefin der Wikimedia Foundation, Lila Tretikov, zurückgetreten ist. Das gab die Stiftung in einem Blogeintrag bekannt. Tretikovs letzter Arbeitstag bei der Wikimedia Foundation, der gemeinnützigen Stiftung hinter der Wikipedia, wird demnach der 31. März sein.

Tretikovs Abgang ist der vorläufige Höhepunkt des Streits um die sogenannte "Wikimedia Knowledge Engine". Im September hatte die Wikimedia Foundation ein Stipendium der Knight Foundation über 250.000 Dollar gewonnen. Der Auftrag: ein System zu bauen, "um verlässliche und vertrauenswürdige öffentliche Informationen im Netz zu entdecken". Das las sich, als solle das Wikimedia-Projekt als Konkurrenz zu Google ins Rennen geschickt werden - eine Annahme, die Tretikov bestritt.

Radikale Transparenz als Ziel

Viel schwerwiegender: Die Community, die ehrenamtlichen Schreiber, wussten lange nichts von diesen Plänen der Stiftung und bekamen nur häppchenweise Informationen geliefert. Dabei ist radikale Transparenz die wichtigste Leitlinie des Wikipedia-Projekts. Die Dokumente zu der Suchmaschine, mittlerweile auch unter dem Titel "Wikimedia Discovery" geführt, wurden von Tretikov erst spät vorgelegt, als der Unmut schon groß war.

Entscheidend zu Tretikovs Abgang dürfte nun beigetragen haben, dass Tretikov auch innerhalb der Stiftung selbst umstritten war, nicht nur wegen des Umgangs mit der "Knowledge Engine". Angestellte hatten sich schon länger über ihren Führungsstil beschwert.

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Online-Lexikon: Sieben Wikipedia-Anekdoten
Wikimedia wurde 2003 in den USA gegründet, quasi als Verwaltungsarm des Projekts Wikipedia. Die Stiftung betreibt die Seite, bezahlt die Server und hält die Markenrechte an der Wikipedia-Weltkugel. Es gibt außerdem verschiedene Regionalableger, zum Beispiel Wikimedia Deutschland.

Das Projekt ist tief gespalten

Der Streit um die Suchmaschine und nun Tretikovs Abgang lassen auf eine tiefe Spaltung innerhalb des Projekts schließen. Zwischen dem Stiftungs-Konstrukt und der Heerschar an freiwilligen Wikipedia-Autoren gärt es schon seit Langem.

Die Basis der Wikipedia ist traditionell selbstbewusst und pocht auf Mitbestimmung. Die Stiftung hat es dementsprechend nicht leicht: Viele Autoren sehen in der straff organisierten und finanziell dick gepolsterten Stiftung einen Wasserkopf oder schlimmer noch: eine Verletzung des egalitären Grundgedankens der Wikipedia.

Welches Produkt die mittlerweile zusammengestutzten Pläne für die "Knowledge Engine" letztlich ergeben sollen, ist immer noch unklar. Wikimedia-Äußerungen stehen im Widerspruch zu den Inhalten der mittlerweile veröffentlichten Dokumente. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales nannte die Gerüchte um einen Suchmaschinen-Konkurrenten für Google "eine absolute Lüge". Es gehe vielmehr darum, das Online-Lexikon und seine Ableger besser durchsuchbar zu machen.

gru

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. hier geht es um die Wurst
syracusa 26.02.2016
Auch die deutsche Wikipedia stinkt vom Kopf her. Hier dürfte der Widerspruch zwischen freien Autoren und dem "Apparat" sogar am schärfsten ausgeprägt sein. Symptomatisch für die deutsche Wikipedia ist der Artikel über "Pfälzer Bauernseufzer", in dem eine weder dem Namen, der Herkunft, der Zusammensetzung und der Form nach existierende Wurstsorte beschrieben wird. Selbst offensichtlichste Fehler wie die Verwechslung der Pfalz mit der Oberpfalz können nicht behoben werden, weil der Fehler in einem Fachbuch steht, das den WP-Richtlinien zufolge als verbindliche Quelle anzusehen ist.
2.
sowasnettes 26.02.2016
Ich kenne nur Universitätsprofessoren, die sich selbst Profile/"Informationsseiten" anlegen und ihre eigenen Beiträge editieren. Und die frz Regierung schreibt auch immer wieder gerne Beiträge über sich selbst. Eine Suchmaschine fände ich klasse. Opensource. Ohne Speicherung der Sucheinträge der Nutzer (wie bei Google).
3. Die deutsche Wikipedia...
Korken 26.02.2016
Wie syrcusa schon schrieb, die dt. Wiki stinkt vom Kopf her. Hart ausgedrückt aber die Lösch- und Verweigerungsadmins sind hier eine Katastrophe. Selbst offensichtliche Kleinigkeiten darf man nicht ohne Quelle korrigieren, da bleibt lieber 1+1=3 stehen, weil es früher mal so jemand reingeschrieben hat. Auch empfehlenswert "Die dunkle Seite der Wikipedia" sich mal anzuschauen um zu sehen, welche Auswüchse das nehmen kann.
4.
Ambermoon 26.02.2016
Zitat von syracusaAuch die deutsche Wikipedia stinkt vom Kopf her. Hier dürfte der Widerspruch zwischen freien Autoren und dem "Apparat" sogar am schärfsten ausgeprägt sein. Symptomatisch für die deutsche Wikipedia ist der Artikel über "Pfälzer Bauernseufzer", in dem eine weder dem Namen, der Herkunft, der Zusammensetzung und der Form nach existierende Wurstsorte beschrieben wird. Selbst offensichtlichste Fehler wie die Verwechslung der Pfalz mit der Oberpfalz können nicht behoben werden, weil der Fehler in einem Fachbuch steht, das den WP-Richtlinien zufolge als verbindliche Quelle anzusehen ist.
Ach, sind Sie die IP 188.107.*.*, die mehrfach versucht hat, ihre Privatmeinung in den Artikel zu schreiben? Tja, so funktioniert Wikipedia zum Glück: Der Schwarm passt auf, dass niemand vandaliert, und Artikel werden anhand von Literatur geschrieben, nicht anhand von Wunschdenken.
5. Vergeßt wikipedia
Palmstroem 26.02.2016
wikipedia ist längst ein Opfer politischer Interessen geworden. So hat im deutschen Ableger die Putin-Fraktion bei aktuellen politischen Themen die Oberhand und mißbraucht Administratorenrechte zur Zensur anderer wissentschaftlicher Meinungen.
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Wikipedia-Richtlinien: "Schädige niemanden"
Schreibstil
Du solltest in neutraler, unzweideutiger Weise dokumentieren, welche verlässlichen unparteiischen Quellen über den Betroffenen veröffentlicht haben und gegebenenfalls auch, was die Person über sich selbst veröffentlicht hat. Der Schreibstil soll neutral, faktenorientiert und zurückhaltend sein. Es sollten weder hagiografische noch sensationsheischende Töne vorkommen. (…) Wenn du über ein negatives Ereignis schreibst, berücksichtige auch entlastende Informationen, bemühe dich immer um Ausgewogenheit.

Verlässliche Belege
Ohne glaubwürdige Belegangaben ist die Biografie wahrscheinlich Theoriefindung. Im Artikel angegebene Informationen müssen daher unbedingt für jeden einfach zu verifizieren sein. Informationen, die nur auf parteiischen Web-Seiten oder in obskuren Zeitschriften veröffentlicht sind, sollten mit Vorsicht behandelt und nicht verwendet werden, wenn sie tendenziös sind. Informationen aus Büchern und Zeitungen im Selbstverlag, oder von privaten Web-Seiten/Blogs sollten nie benutzt werden, außer sie stammen vom Betroffenen selbst.

Personen des öffentlichen Lebens
Über öffentlich bekannte Personen gibt es in der Regel eine Vielzahl von verlässlichen Quellen, und die Wikipedia-Biografie sollte einfach wiedergeben, was dort steht. Andererseits haben auch diese Personen ein Recht auf Privatsphäre. Nur wenn ein Vorwurf oder Zwischenfall bedeutsam, und in solchen angesehenen Veröffentlichungen dokumentiert ist, gehört er in den Artikel, und zwar auch, wenn der Betroffene die Erwähnung ablehnt. (…) Grundsätzlich ist – wie bei jedem anderen in einem Artikel erwähnten Faktum – eine Prüfung der enzyklopädischen Relevanz notwendig. In Grenzfällen sollte die Daumenregel lauten "schädige niemanden".

Umgang mit Artikeln über sich selbst
Wir raten zwar davon ab, Artikel über sich selbst zu verfassen (siehe Wikipedia: Eigendarstellung), aber die Betroffenen sind eingeladen, Fehler zu verbessern und ungenaues oder unbelegtes Material zu entfernen. Wenn Sie eine Frage oder ein Problem mit einem Artikel über sich selbst haben, kontaktieren Sie uns bitte über einen der auf Wikipedia: Kontakt angegebenen Wege oder schreiben Sie auf die Diskussionsseite des Artikels. Angaben zum verantwortlichen Betreiber im juristischen Sinn finden Sie im Wikipedia: Impressum.


Wo Wikipedia in die Irre führte
Meist akkurat
Viele Wikipedia-Artikel sind genau so akkurat wie ihre Gegenstücke im Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica. Die Autorengemeinschaft pflegt aktuelle Ereignisse nicht selten binnen kürzester Zeit ein und bügelt Fehler meist schnell wieder aus. Wenn die "Weisheit der Vielen" versagt, kann es allerdings zu peinlichen Pannen kommen.
dpa
Falsche Namen
Der Freiherr zu Guttenberg hat viele Vornamen. Wilhelm gehört aber nicht dazu. Als der CSU-Politiker im Februar 2009 Wirtschaftsminister wurde, mogelte ein anonymer Scherzbold in dessen Wikipedia-Biografie neben den zahlreichen anderen Namen eben auch den Wilhelm rein. Dieser Fehler stand zwar nicht lange auf der Seite, zahlreiche Medien übernahmen ihn aber offenbar ungeprüft aus dem Online-Lexikon.
Falsche Verdächtigungen
Der amerikanische Journalist John Seigenthaler stellte im September 2005 schockiert fest, dass ihm in der Wikipedia eine Verwicklung in die Ermordung von John F. Kennedy und dessen Bruder Bobby unterstellt wurde. Die Behauptung stand monatelang unwidersprochen online. Der Fall führte zu heftigen Kontroversen unter den Wikipedianern, wie das Lexikon zuverlässiger werden kann.
Politische Grabenkämpfe
Die Parteizentralen messen Wikipedia große Bedeutung zu - und legen daher oft selbst Hand an. 2007 wurde von einem Rechner der hessischen CDU-Zentrale aus der Eintrag über den grünen Landespolitiker Tarek Al-Wazir bearbeitet. Die Union verwies auf einen Praktikanten. Ein Jahr später versuchte ein unbekannter Autor, die US-Politikerin Sarah Palin in ein besseres Licht zu rücken, indem er die wenig schmeichelhafte Passage über ihren Spitznamen "Sarah Barracuda" löschte. Die Community sperrte den Eintrag zwischenzeitlich für Bearbeitungen.
Geschöntes Image
Auch Unternehmen haben immer wieder versucht, die Einträge über sich oder ihre Produkte zu schönen. Microsoft etwa löschte eine kritische Passage über die Fehleranfälligkeit seiner Spielkonsole Xbox 360. Der Ölkonzern Chevron-Texaco ließ gleich einen ganzen Text über Biodiesel verschwinden. Die Manipulationen fielen aber auf - ein Instrument namens Wikiscanner konnte die Veränderungen auf die Anbieter zurückführen.
Die kleinen Geschwister der Wikipedia
Bildersammlung und Zitate
Wikipedia hat Weltruhm erlangt, doch im Schatten des Mitmachlexikons gibt es etliche Projekte, die sich ebenfalls dem Aufbau freien Wissens verschrieben haben. Freiwillige sammeln Fotos, Grafiken und Landkarten, arbeiten an einem Wörterbuch und einer Zitatesammlung. Wie auch bei der Online-Enzyklopädie steckt die Wikimedia-Stiftung dahinter.
dpa
Wikimedia Commons
Wikimedia Commons ist eine Datenbank für Mediendateien - vor allem Fotos, aber auch Videos, Landkarten und Grafiken. Privatleute und öffentliche Einrichtungen haben mehr als 7,8 Millionen Dokumente zusammengetragen. Das Bundesarchiv stellte beispielsweise 100.000 historische Fotos zur deutschen Geschichte zur Verfügung. Aus diesem Fundus bebildern die Autoren ihre Wikipedia-Artikel. Grundsätzlich darf aber jeder die Dateien herunterladen und benutzen, auch kommerziell: Die freie Verwendung ist Voraussetzung dafür, dass die Community die Bilder akzeptiert.
Wikiquote
In Wikiquote sammeln die Nutzer Zitate von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten. Mehr als 7500 Artikel gibt es dort mittlerweile, sortiert nach Personen, Themen oder auch Filmen - bekanntlich eine ergiebige Quelle für Bonmots. Zitate von Schriftstellern oder Buchautoren sind allerdings auf zehn pro Person beschränkt, aus urheberrechtlichen Gründen. Anders ist es bei Politikern und Sportlern. Franz Beckenbauer und Gerhard Schröder kommen ausführlich zu Wort.
Wiktionary
Das Wiktionary ist ein Lexikon, in dem die Nutzergemeinde Bedeutungen, Herkunft oder Aussprache von Wörtern zusammenträgt. Es gibt Einträge in 170 Sprachen, darunter Tibetisch und Rätoromanisch. Erwartungsgemäß am größten ist allerdings die englische Sektion mit mehr als zwei Millionen Einträgen. Das deutsche Wörterbuch hat mit 127.000 Einträgen locker Duden-Dicke erreicht. Das erste Wort auf Deutsch, eingetragen im April 2002: Metamorphose.
Wikiversity
Das jüngste Projekt der Wikimedia-Stiftung startete 2006 und heißt Wikiversity - eine Online-Plattform "zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen". Studenten und Wissenschaftler sollen damit zusammenarbeiten können, ohne eine eigene technische Infrastruktur aufbauen zu müssen. Die virtuelle Universität ist allerdings relativ leer: Bislang gibt es 27.000 Artikel in zwölf Sprachen, in der deutschsprachigen Sektion sind nur rund 200 Nutzer angemeldet.


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