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10. Mai 2012, 10:30 Uhr

Windows 8

Mozilla warnt vor Microsofts Zweiklassen-System

Microsoft will die Mobilversion von Windows 8 sicherer machen - und nur seinen eigenen Browser an Systemfunktionen heranlassen. Firefox-Hersteller Mozilla findet das unfair und fühlt sich an die Browser-Kriege erinnert, als Microsoft sich mit allen Mitteln gegen Konkurrenz wehrte.

Software-Hersteller Mozilla warnt vor einem neuen Browser-Krieg. Microsoft, schreibt Mozilla-Justitiar Harvey Anderson in einem Blog-Eintrag, wolle anderen Browser-Herstellern den vollen Zugriff auf Windows RT - eine angepasste Version von Windows 8 Metro für ARM-Mobilrechner - verbieten. Nur Microsofts Haus-Browser, der Internet Explorer, werde vollen Zugriff auf die sogenannte "Classic"-Umgebung von Windows RT bekommen, Drittanbieter-Browser müssten mit der "Metro"-Umgebung für Apps vorliebnehmen - einem besonders abgesicherten Modus des Betriebssystems.

"Windows RT ist kein Windows mehr," schrieb Microsofts-Vizejustitiar David Heiner dazu in einer Stellungnahme an Mozilla. Die ARM-Prozessoren unterschieden sich grundlegend von den x86-Chips, die modernen PCs zugrunde lägen. Die neuen ARM-Chips hätten neue Anforderungen an die Sicherheit und die Energieverwaltung - und Microsoft sei der einzige Hersteller, der beide Anforderungen erfüllen könne.

Starke Worte, die Mozillas Justitiar Anderson nicht gelten lassen will: "Das bedeutet, dass nur der Internet Explorer viele der fortschrittlicheren Rechenfunktionen nutzen kann, mit denen moderne Browser so schnell, stabil und sicher laufen, wie sich das die Nutzer wünschen." Dafür gebe es aber keinen technischen Grund. Vielmehr deute das Microsoft-Gebaren eine "Rückfall ins digitale Mittelalter an, in dem Nutzer und Entwickler keine freie Browser-Wahl hatten."

Soll heißen: Microsoft versuche mal wieder, andere Browser-Hersteller mit unfairen Mitteln zu benachteiligen - zum Wohle des Internet Explorer, Windows RT, der Medien-Infrastruktur und letztlich natürlich Microsofts. Sollte Microsoft das Browser-Verbot durchsetzen können, könnte das die Wahlfreiheit der Nutzer einschränken, den Wettbewerb behindern und den Fortschritt bremsen.

Andersons Blog-Eintrag ist ein Aufruf an die Wettbewerbshüter, die zuvor schon Microsofts Monopol-Ansinnen mit Gegenmaßnahmen dämpfen mussten. Doch Microsoft hat - neben dem Wettbewerb - auch gute Gründe für ein Zweiklassen-System auf Windows RT, analysiert Cnet.com. Die wichtigsten seien Qualität und Sicherheit. Browser sind komplexe Software-Produkte, in Wirklichkeit kleine Betriebssysteme - und bieten damit eine große Angriffsfläche für Malware und andere Sicherheitsrisiken. Durch die Beschränkung auf einen Browser könnte Microsoft tatsächlich die Sicherheit von Windows-RT-Käufern verbessern. Wie gut das funktioniert, zeigt Apple, wo seit Anbeginn des App Stores jeder Drittanbieter-Browser verboten ist, der nicht auf der von Apple mitentwickelten Browser-Infrastruktur WebKit aufbaut.

Und auch zu den Vorwürfen, Microsoft wolle den Wettbewerb behindern, gebe es gute Gegenargumente: Im Gegensatz zu Desktop-Computern werde Microsoft auf Mobilrechnern nicht automatisch eine Marktführerschaft haben. Die Zeiten, in denen Microsoft den Browser-Markt beherrschte, sind lange vorbei - genau genommen, seitdem sich die Marktschützer den Software-Giganten vorgenommen hatten.

Eine Stellungnahme Microsoft Deutschlands zu den Mozilla-Vorwürfen für SPIEGEL ONLINE steht noch aus.

fko

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