Sicherheits-Updates: Wettrennen der Software-Flicker

Von Uli Ries

Jeden zweiten Dienstag im Monat: Wenn Microsoft seine Windows-Aktualisierungen weltweit auf Millionen Rechner schiebt, waren die vielleicht schon Monate in Arbeit. Warum dauert es so lang, bis Sicherheitslücken gestopft sind? Ein Blick hinter die Kulissen der Software-Flicker.

Update-Schalter: Mit diesem Spielzeug feiern Microsoft-Entwickler Windows-Updates Zur Großansicht
Microsoft

Update-Schalter: Mit diesem Spielzeug feiern Microsoft-Entwickler Windows-Updates

Es ist der zweite Dienstag im Monat, kurz vor 10.00 Uhr am Morgen. Im Gebäude 27 auf Microsofts kleinstadtgroßem Firmengelände versammeln sich etliche Mitarbeiter um eine der Bürozellen im Erdgeschoss. Der Mitarbeiter, um den sich die Kollegen scharen, wird gleich auf einen roten Knopf drücken und so die monatlichen Sicherheitsupdates auf einige hundert Millionen PCs weltweit loslassen.

Der Knopf leuchtet nach dem Drücken zwar rot auf, hat sonst aber keine Funktion. Die Windows-Updates werden automatisch verteilt, die Knöpfchendrückerei ist ein Ritual der Entwickler, um die abgeschlossenen Zwischenschritte einer nie vollendeten Aufgabe zu feiern. Seit Jahren sind Software-Aktualisierungen ein wichtiges Element der IT-Sicherheit und daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern.

Die automatischen Updates schaffen ein Problem aus der Welt, das in der Zwischenzeit dringlicher denn je wurde: Müssen Anwender ihre Applikationen und Betriebssysteme von Hand auf den neuesten Stand bringen, verschlafen sie es regelmäßig. Die Folge: Abermillionen PC, die durch den Missbrauch längst geschlossener Sicherheitslücken vollautomatisch aus der Ferne mit Schadsoftware infiziert werden.

Adobe will Flash über Windows Update aktualisieren

Microsofts automatische Flickenverteilung geht manchen Experten nicht weit genug: "Ich wünschte, dass Microsoft das Verteilen von Softwareupdates anderer Hersteller über Windows Update zulassen würde", sagt Brad Arkin, beim Flash-Produzenten Adobe für die Produktsicherheit verantwortlich. Bislang können nur Großkunden Adobe-Updates über Microsoft-Tools verteilen. Privatkunden haben davon nichts, bei ihnen kommen Flash-Updates nicht mit der Windows-Aktualisierung an.

Lücken in Adobe-Anwendungen wie Flash oder Acrobat dürften inzwischen für den Großteil aller Neuinfektionen von Windows-Maschinen verantwortlich sein. Rasche Updates sind notwendiger denn je. Adobe veröffentlicht inzwischen regelmäßig Updates und nur bei besonderer Gefahr, wie sie etwa von einer automatischen, massenhaften Attacke ausgeht, wird ein Flicken außer der Reihe verteilt (Out of Band). Außerdem versorgt sich Adobe Flash seit kurzem automatisiert selbst mit Flicken.

Firefox und Chrome aktualisieren automatisiert

Auch die beliebten Browser Google Chrome und Mozilla Firefox beherrschen das Autoupdate. Mozilla ist beim Umgang mit Schwachstellen vorbildlich: Lücken werden nicht verheimlicht. Die Firefox-Entwickler veröffentlichen Informationen über Bugs sofort nach deren Auftauchen - und nicht erst, wenn es ein Update gibt. Dabei gehen die Firefox- und Thunderbird-Macher sogar noch einen Schritt weiter als Adobe und Microsoft: Nicht nur von außen gemeldete Sicherheitslücken werden bekanntgegeben, sondern auch die, die von der eigenen Entwicklergemeinde entdeckt werden.

Adobe, Google, Microsoft und andere Unternehmen geben so gut wie keine Details über die Schwachstellen bekannt. Sie wollen bösartigen Hackern so die Arbeit erschweren. Firmenvertreter argumentieren, zu viel Transparenz könnte der Sicherheit schaden. 2005 hätten Angreifer ein Microsoft-Update als Steilvorlage genutzt, berichtet ein Manager des Softwarekonzerns: "Cyber-Gauner nahmen eines unserer gerade veröffentlichen Sicherheitsupdates auseinander und entdeckten so die Schwachstelle in Windows. Die Folge war der Zotob-Virus. Er verbreitete sich, weil längst nicht alle Windows-Nutzer das Update installiert hatten."

Bis zu 120 Tage Update-Tests vor Veröffentlichung

Kein Softwarehersteller ist überrascht, wenn sich wieder irgendwo eine gefährliche Lücke in den eigenen Produkten auftut. Entsprechend professionell sind die Abläufe, die zum Erstellen der Flicken geschaffen wurden. Es liegt auch nicht an der Unfähigkeit der Unternehmen, dass Schwachstellen nicht über Nacht behoben werden können, sondern oft an aufwendigen Tests. Mehrere Wochen bis zu 120 Tage kann sich das Überprüfen der Updates bei Microsoft hinziehen. Auch Adobe testet vorab reichlich: Alleine der PDF-Betrachter Acrobat Reader existiert in etwa 30 Varianten und in jeweils 80 Sprachversionen. Für jede Kombination wird die Aktualisierung auf mögliche Probleme hin überprüft.

Der prominente Hacker Dan Kaminsky hat für die Verzögerungen Verständnis: "Komplexe Produkte wie Windows oder Acrobat lassen sich unmöglich innerhalb weniger Tage updaten. Zumindest nicht, wenn getestet wird." Und Tests verlangen die Kunden, sagt Kaminsky. Sie verlangen Sicherheit, aber auch, dass ihr Rechner nach Installation des Patches noch startet. Kaminsky: "Baut ein Hersteller Mist, weil das Update nicht ordentlich geprüft wurde, werden die Kunden künftig auf die Updates verzichten."

Auf Windows-Maschinen sind neben Anwendungen der genannten Branchengrößen noch viele andere Programme installiert. Auch diese sollten immer auf dem neuesten Stand sein. Damit PC-Nutzer nun nicht ständig die Webseiten der Hersteller bei der Suche nach Aktualisierungen abklappern müssen, empfiehlt sich die Installation des kostenlosen Werkzeugs Secunia PSI. PSI prüft regelmäßig den Stand aller installierten Anwendungen und meldet veraltete - und demnach angreifbare - Versionen. Wahlweise lädt das Programm das Update auch gleich herunter und installiert es.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Viren
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Viren und Trojaner - Informationen im Netz
Vireninfos von der Behörde
bsi-fuer-buerger.de: Wer sich im Internet über Viren und andere schädliche Programme informieren will, ist auf der Seite des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) richtig. Die Behörde mit Sitz in Bonn untersucht Risiken bei der Anwendung moderner Informationstechnik wie dem Internet und entwickelt Sicherheitsvorkehrungen. Für Bürger wurde die Infoseite eingerichtet, die über Gefahren im Netz informiert. Auch für Laien verständlich ist dort erklärt, wie Cyberkriminelle agieren, was Viren, Würmer und Trojaner sind. Außerdem bekommen Bürger Tipps, wie sie sich vor Gefahren aus dem Netz schützen können.
Mittel gegen Schädlinge auf dem Rechner
trojaner-info.de: Die Seite beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema Trojaner. Nutzer können nachlesen, wie diese Computer-Schädlinge generell funktionieren, wie man sich am besten vor ihnen schützt und wie man sie entfernen kann. In der Rubrik Downloads gibt es kostenlos Programme, um Schädlinge von der heimischen Festplatte zu tilgen. Ein zuverlässiges Anti-Viren-Programm ersetzen diese Gratis-Downloads aber nicht.
Welche Würmer durchs Netz kriechen
viren-ticker.de:Sober, Bagle, Mytob - welche Schadprogramme aktuell im Netz kursieren, listet der Viren-Ticker des Bonner Fachverlags für Computerwissen auf. In kurzen Viren-Steckbriefen wird beschrieben, auf welchem Weg der Eindringling auf einen Rechner gelangt, woran er zu erkennen ist und wie er auf der Festplatte wütet, wenn er sich erst mal eingenistet hat.
Echte und unechte Viren
hoax-info.de: Mehr über Viren, die derzeit im Internet die Runde machen, liefert diese im Kooperation mit der Technischen Universität Berlin betriebene Seite. Ein Weblog bietet einen Überblick über Artikel in der Fachpresse, die sich mit der Internet-Sicherheit beschäftigen. Dazu gibt es Informationen über Hoaxes - vermeintliche Virenwarnungen per Mail - die Empfänger oft grundlos verunsichern.

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.