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Wir haben kopiert: Ab in den Online-Knast

Von Sonja Pohlmann

Wer Filme oder Musik privat kopiert, handelt häufig illegal. Verbraucherschützer und Cyberaktivisten wollen das nicht länger hinnehmen und haben jetzt die Kampagne "Privat kopieren ist kein Verbrechen" gestartet. Unterstützer können sich in ein Internet-Gefängnis stecken lassen.

Berlin - Ingmar sitzt jetzt im Gefängnis. Er hat sich selbst angezeigt. Weil er ein Lied oder Video aus dem Internet kopiert hat - ohne dafür zu bezahlen. Laut Urheberrecht ist das verboten und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. Aber Ingmar hat Glück. Bisher ist er nur virtuell hinter Gittern. Genau wie ibot aus Hamburg und Gregor aus Köln, die in den Zellen neben ihm sitzen - im weltweit ersten Internet-Gefängnis. Das wurde heute eröffnet - unter der Adresse wir-haben-privat-kopiert.de.

Online-Gefängnis: Ich habe privat kopiert!
REUTERS

Online-Gefängnis: Ich habe privat kopiert!

Die Idee zu dieser Kampagne stammt von der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sowie den Netzwerken Campact, Freies Wissen und Fairsharing. Sie wollen sich damit für einen besseren Verbraucherschutz im Rahmen des Kopierschutzes digitaler Medien einsetzen.

Das Motto erinnert an die Titelgeschichte des Magazins "Der Stern" von 1971, in der sich prominente Frauen zu ihrer Abtreibung bekannten. Die Aktion ist jedoch nicht ganz so provokativ. Wer sein Bild auf die Internetseite des Online-Gefängnisses stellt, sagt keineswegs, was er wo kopiert hat. Zudem kann er sich hinter einem Pseudonym und einem fremden Bild verstecken. Vor strafrechtlichen Verfolgungen muss sich deshalb hier keiner der anfangs rund 30 "Insassen" ängstigen. Und prominente Kopier-Bekenner gibt es auch nicht.

"Bürger werden mit Produktpiraten gleichgesetzt"

Trotzdem hoffen die Initiatoren, mit ihrer Kampagne "Privat kopieren ist kein Verbrechen", Aufmerksamkeit zu bekommen. "Schließlich geht es um die Rechte von mehr als zehn Millionen Bürgern", sagt Oliver Moldenhauer von Fairsharing-Netzwerk. So viele Menschen, schätzt er, laden sich Musik, Filme und andere digitalisierte Daten aus dem Internet herunter.

Viele von ihnen handeln dabei illegal, denn wer ohne Erlaubnis des Rechteinhabers kopiert, verletzt das Urheberrecht, auch, wenn die Kopien nur privat genutzt werden. "Die normalen Bürger werden damit in eklatanter Weise gegenüber der Musikindustrie vernachlässigt", sagt Patrick von Braunmühl, Leiter des Fachbereichs Wirtschaftsfragen bei der vzbv.

Mit der Kampagne soll nun ein besserer Verbraucherschutz durchgesetzt werden. Hintergrund ist die geplante Novellierung des Urheberrechts, das auch Regelungen zu Privatkopien und zum Download aus dem Internet enthält. Der Rechtsausschuss des Bundestages wird darüber am 24. Oktober verhandeln.

Die Gründer der Kampagne hoffen darauf, dass die sogenannte Bagatellklausel wieder eingeführt wird. Damit würde das Herunterladen einer geringen Anzahl von Dateien zu privatem Gebrauch wieder legal werden. "Es ist absurd, dass bisher Millionen von Bürger mit kommerziellen Produktpiraten auf eine Stufe gestellt werden", sagt Moldenhauer.

Verbraucherschützer befürchten massive Klagewelle

Außerdem fordert er, dass Kopierschutzmechanismen der Industrie beschränkt werden. "Sie dürfen auf keinen Fall die Sicherheit von Rechnern beeinträchtigten oder in den Datenschutz des Nutzers eingreifen", stimmt ihm von Braunmühl zu. Vor allem, so plädiert er, muss in dem Gesetzesentwurf der geplante Auskunftsanspruch von Medienunternehmen gegenüber Internet-Service-Providern gestrichen werden.

Schon jetzt ist es möglich, dass zum Beispiel das Unternehmen Sony beim Provider T-Online die Daten eines Nutzers erfragen kann, wenn er ein Lied von Britney Spears bei einer Tauschbörse illegal herunter geladen hat. Will das Unternehmen deshalb klagen, muss es zurzeit aber noch den Weg über die Staatsanwaltschaft gehen. "Das wäre nach dem neuen Gesetz nicht mehr notwendig", sagt von Braunmühl.

Die Folge, so befürchtet er, könnte eine massive Abmahnungswelle gegenüber den Verbrauchern sein. Sie müssten dann mit Unterlassungserklärungen, Schadensersatzklagen und Anwaltskosten um die 2000 Euro rechnen. "Das wollen wir mit unserer Kampagne unbedingt verhindern", sagt der Vebraucherschützer.

Das Fairsharing-Netzwerk, hinter dem unter anderem Attac steht, bringt zudem noch einen weiteren Vorschlag ein. Es wünscht sich eine Kulturflatrate - eine Pauschalgebühr, die auf Internetzugänge, privat genutzte Rechner und MP3-Player erhoben wird, um die Rechteinhaber der Dateien zu entlohnen. Dadurch könne das Kopieren von Filmen und Musik zu privaten Zwecken unbegrenzt legalisiert werden.

Die Verbraucherzentrale hat hier jedoch bedenken. "Für weniger bekannte Künstler mag das ein Vorteil sein, aber bekanntere Künstler fühlen sich womöglich benachteiligt", gibt von Braunmühl zu bedenken.

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