"Wired"-Chef Anderson "Wir stehen erst am Anfang der digitalen Revolution"

"Die Zeit der megadicken Hefte ist vorbei", sagt der neue "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson, 40, im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die digitale Revolution dagegen noch lange nicht: Anderson hat dabei "Broadband-at-home", lokale "WiFi"-Netze und die Biotechnologie im Blick. Steht das Kultblatt vor seinem zweiten Frühling?

Von Jochen A. Siegle


"Wired"-Chef Chris Andersen: Künftig "noch bedeutender"?
Jochen A. Siegle

"Wired"-Chef Chris Andersen: Künftig "noch bedeutender"?

SPIEGEL ONLINE:

Sie sind vor einem Jahr vom konservativen "The Economist" als Chefredakteur zum schrillbunten Tech-Magazin "Wired" gewechselt. Wie haben Sie denn diesen Kulturschock überwunden?

Chris Anderson: Das Jobangebot des Condé-Nast-Verlags kam auch für mich sehr überraschend. Ich brauchte aber genau zwei Sekunden, um mich zu entscheiden. Schließlich bin ich seit der zweiten Ausgabe "Wired"-Abonnent und -Fan. Außerdem habe ich schon Anfang der neunziger Jahre, als ich noch als Physiker in der Wissenschaft tätig war, begeistert das Internet genutzt. Damals war immer wieder von der "digitalen Revolution" zu lesen, obwohl eigentlich niemand wusste, was damit gemeint war. Als ich dann wenig später "Wired" entdeckte, machte das plötzlich alles Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem liegen doch Welten zwischen dem kultigen "Wired" und dem steifen Wirtschaftsblatt.

Anderson: Ich denke, "Wired" hat zwei Seiten. Auf der einen steht die designlastige "funky" Aufmachung. Auf der anderen Seite ist der redaktionelle Teil analytisch, informierend, zukunftsweisend und vor allen Dingen gut und seriös gemacht - wie eben auch der "Economist".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Wired" zur Juni-Ausgabe ein neues Gesicht verpasst. Warum der Relaunch?

Anderson: Die Welt hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren mächtig verändert. Das hat mit dem Platzen der Dotcom-Seifenblase begonnen. Dann der 11. September und nun Skandale wie Enron oder WorldCom. Damit ist auch für "Wired" die erste Dekade zu Ende gegangen. Außerdem erwartet man von neuen Leuten eben frischen Wind und neue Ideen. Mit dem Relaunch wollen wir "Wired" noch weiter verbessern und vereinfachen den Zugang zum Heft. Dafür haben wir die Textfeatures gekürzt und dem Magazin eine neue inhaltliche Architektur sowie visuelle Sprache verpasst.

SPIEGEL ONLINE: Sprich, die Leser sollen endlich Anzeigen von Inhalten unterscheiden können?

Anderson: In der Tat musste in der Vergangenheit der redaktionelle Teil regelmäßig mit den Anzeigen konkurrieren. Durch das Redesign, das wir übrigens in einer Rekordzeit von sechs Monaten umgesetzt haben, ist "Wired" nun weitaus konsistenter und übersichtlicher strukturiert.

SPIEGEL ONLINE: Und prompt wurden die ersten beiden neuen "Wired"-Nummern von eingefleischten Cyberbewegten als langweilig kritisiert.

Anderson: Den Vorwurf höre ich öfter. Schaut man sich jedoch mal ältere Hefte genauer an, wird deutlich, dass wir gar nicht so viel wilder waren. Und ein Relaunch lässt sich nicht mit ein oder zwei Ausgaben verwirklichen, das ist ein fließender Prozess.

"Wired"-Loft im San Franciscoer "South of Market"-Distrikt: Seit 1993 unscheinbares Headquarter der Cyberbewegten
Jochen A. Siegle

"Wired"-Loft im San Franciscoer "South of Market"-Distrikt: Seit 1993 unscheinbares Headquarter der Cyberbewegten

SPIEGEL ONLINE: Kritiker spotten, das "Wired" seine wichtige Rolle, die das Blatt im Boom spielte, eingebüßt habe.

Anderson: Ganz im Gegenteil hoffe ich, dass "Wired" künftig noch bedeutender sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl viele Analysten und Tech-Gurus die "digitale Revolution" am Ende wähnen?

Anderson: Ich sehe das anders. Wir stehen erst am Anfang dieser Revolution. Nehmen wir zum Beispiel Technologien wie "WiFi" (W-LAN) auf Basis des 802.11b-Standards oder Breitband-Internet für Privathaushalte. Diese Techniken erreichen erst so langsam einen Massenmarkt und werden unser Leben künftig deutlich verändern.

SPIEGEL ONLINE: Was für Szenarien haben Sie dabei denn im Kopf?

Anderson: Denken wir doch mal an das "Last Room"-Problem: Highspeed-Netzleitungen enden bislang in den Computern. Dabei gäbe es in jedem Haushalt vom Fernseher über das Telefon bis zum Videorekorder, der Spielekonsole oder Stereoanlage jede Menge andere Geräte, die geradezu danach flehen, vernetzt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie hier entsprechend auch das von der schwächelnden Hightech-Industrie herbeigesehnte "Next Big Thing"?

Anderson: Diese Frage wird mir häufig gestellt - und sie beschäftigt uns natürlich ebenfalls. Aber ich denke nicht, dass es das eine "große nächste Ding" gibt. Wireless Internet und WiFi werden mit Sicherheit ganz groß werden - ganz egal welcher Standard sich bei den lokalen "WiFi"-Netzen durchsetzen wird. Das 3G-Modell halte ich dagegen aus verschiedenen Gründen für gescheitert. Längerfristig werden aber auch die Bio- und die

Nanotechnologie immer bedeutender. Und diese Wissenschaften wären ohne die digitale Revolution und die Entwicklung leistungsfähiger Computer ja gar nicht möglich. Die digitale Revolution, die bislang vom Dotcom-Goldrausch und -Spekulationsblasen umgeben und irritiert war, hat mittlerweile einfach ein neues Level erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Auch "Wired" hat ordentlich von der Internet-Mania profitiert. Zur Hochphase wurden 350 Seiten starke Ausgaben verlegt. Inzwischen ist man auf Grund stagnierender Anzeigenbuchungen auf 150 Seiten zurückgefahren. Wann geht es wieder aufwärts?

Anderson: Die Zeit der megadicken Hefte ist vorbei. Das war nur in den "Bubble"-Jahren möglich. Momentan läuft der Anzeigenverkauf für die Ausgaben September, Oktober und November, und wir befinden uns auf einem recht guten Kurs: Wir haben mehr Seiten als vor der Seifenblase.



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