WM-Tickethandel bei eBay Beckenbauer sieht kaum Chancen für Auktionsverbot

Das WM-Organisationskomitee sucht zwar nach Wegen, den Weiterverkauf von WM-Tickets zu stoppen, glaubt jedoch nicht so recht an einen Erfolg. Das Auktionshaus eBay will am Handel mit den begehrten Eintrittskarten festhalten.


WM-Organisationschef Beckenbauer: "Entwicklung ausgesprochen traurig"
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WM-Organisationschef Beckenbauer: "Entwicklung ausgesprochen traurig"

Frankfurt/Main - Der Streit um den Handel mit personalisierten Eintrittskarten für die Fußball-WM 2006 bekommt eine überraschende Wendung. Inzwischen scheint sich selbst beim Organisationskomitee (OK) die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Weiterverkauf von Tickets sich wohl kaum verbieten lassen wird. Schon kurz nach Bekanntgabe der Gewinner der 812.000 Karten vor einer Woche begannen erste Auktionen bei eBay. Die Karten sind personengebunden und dürfen nur mit Zustimmung des OK an andere Personen weitergegeben werden. Dadurch soll angeblich der Schwarzhandel erschwert werden.

OK-Chef Franz Beckenbauer räumte inzwischen ein, dass er kaum eine Chance für ein juristisches Verbot des Tickethandels bei eBay sieht. "Wir prüfen zwar rechtliche Schritte, aber ich glaube, das geht negativ aus", sagte er der "Rheinischen Post". Das OK hatte eBay in einem Brief vergeblich darum gebeten, den Handel im Internet zu unterbinden.

Das Auktionshaus lehnte ein Verbot des Handels mit WM-Tickets ab: "Es gibt keine rechtliche Grundlage für uns, den Handel zu unterbinden", sagte eBay-Sprecher Nerses Chopurian der Nachrichtenagentur AP. Auch moralische Gründe sehe er nicht. Gleichzeitig wehrte er sich gegen eine "Kriminalisierung von eBay". Es gebe "kein Gesetz, dass den Weiterverkauf von Tickets in Deutschland verbietet".

Gleichzeitig signalisierte Chopurian Bereitschaft, mit den WM-Organisatoren zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, und regte diesem Zusammenhang die Schaffung eines "gemeinsamen Systems" an, bei dem die Daten der Ticketkäufer - sofern diese zustimmten - an die Organisatoren weitergeleitet werden könnten. Bislang hätte das OK auf den Vorschlag jedoch nicht reagiert, erklärte er.

Die Vehemenz, mit der eBay den Tickethandel verteidigt, überrascht. Schließlich stoppt das Auktionshaus ansonsten Auktionen sehr schnell, etwa wenn es um angebliche Markenpiraterie oder illegale Software geht. Vor dem WM-Organisationskomitee fürchten sich die eBay-Manager offenbar viel weniger als vor Microsoft, Rolex oder der Musikindustrie.

Da man sich auch im OK am kürzeren Hebel wähnt, spielt man dort nun erst einmal die moralische Karte. "Ich finde diese Entwicklung ausgesprochen traurig", sagte Beckenbauer. "Wir haben extra günstige Kategorien für normale Fans geschaffen, aber leider ist die Geschäftemacherei nicht aufzuhalten."

Die Bundesregierung bekräftigte, dass sie sich nicht in den Streit um die Internet-Versteigerung von Tickets einmischen will. Auf die Frage, ob die Regelungen für die Weitergabe der Eintrittskarten gelockert werden sollten, sagte der Sprecher von Bundesinnenminister Otto Schily: "Das regelt der Sport selbst." Zudem sei durch die Personalisierung der Tickets der Sicherheitsaspekt unverändert gewahrt.

Die Regelungen für den Ticketverkauf wurden maßgeblich vom Innenministerium mitgestaltet. Die Besteller mussten nicht nur Namen und Anschrift, sondern auch ihre Pass- beziehungsweise Personalausweisnummer angeben. Begründet wurde dies mit Sicherheitsanforderungen.

Die Tickets werden zudem mit einen RFID-Funkchip ausgestattet, mit dessen Hilfe der rechtmäßige Karteninhaber ermittelt werden kann. Durch Ausweiskontrollen an den Stadioneingängen will das OK so illegal weitergegebene Tickets herausfischen.

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John Kerry, 28.04.2005
1. Tickets und eBay
Hallo zusammen, viel verwerflicher als die Personen die ihre Tickets einstellen, sind meines Erachtens die Personen, die diese Preistreiberei mitmachen und horrende Summen für die Tickets zu zahlen bereit sind. Ich will nicht verhehlen, dass ich kein Fussballfan bin, aber mal ganz objektiv betrachtet bekomme ich von meinen Bekannten zu mindestens 90% zu hören, dass das Spiel, welches sie zuletzt gesehen haben schlecht war. Dadurch schließt sich mir, dass Fussball an sich ein äußerst langweiliger Sport ist, und nur auf Grund der früher gewonnenen Popularität und der Einfachheit des Spiels weiterhin einen derartigen Zuspruch erhält. Aber zurück zum Thema: Mir war noch vor Beginn der ersten Verkaufsphase nicht klar, wie sich Massen an Menschen für Tickets D3 - D4 interessieren können. Scheinbar sind aber alle angebotenen Karten weggegangen, selbst für ein zu erwartendes Spiel Iran - Mexico. Jetzt stelle man sich vor man hat für dieses Spiel in der Kategorie 4 Tickets für 35 € pro Stück erhalten, und bekommt Plätze in der hintersten Ecke zugewiesen. Na Prost Mahlzeit. Und jetzt werden diese Karten noch in eBay oder sonstwo versteigert und für ein vielfaches an den Mann gebracht. Erstaunlicherweise scheint der Markt dafür ja da zu sein. Zum Finale: Selbst in Anbetracht der Rarität des Ereignisses wüsste ich mit 600 € viele andere Dinge anzufangen, als mir 90 Minuten mit einem 1:0-Ergebnis anzusehen. Die Fans die Verlierer? Sehe ich nicht so. Jeder der Tickets haben wollte hat dieselbe Chance gehabt, und hat ja auch noch weitere Chancen... Aber in Anbetracht dessen, dass die Fussball-WM das aktuell einzige Thema in Deutschland ist, was nicht schlecht geredet wird, möchte ich hier auch schließen, und allen Fußball-Fans eine schöne WM und ein dickes Portmonee (ist das die korrekte neue Schreibweise?) wünschen. Gruss JFK PS: Worauf ich mich freue, sind die hoffentlich stimmungsvollen friedlichen Abenden im "Brasilianischen Dorf" in Köln
Zeugma, 28.04.2005
2. Verwerfliche Kriminalisierung
"Wird die restriktive Verteilungspolitik zum Eigentor? Oder sind die Reglementierungen angesichts einer anspruchsvolleren Sicherheitslage gerechtfertigt?" Von gerechtfertigt kann bei einem Wiederverkaufsverbot sicher nicht die Rede sein. Handelt denn der Gemüsehändler verwerflich, der sich auf dem Großmarkt mit 100 Kisten Tomaten à 10 Euro eindeckt und jede einzelne dann für 30 Euro an den Endkunden verkauft? Das und ähnliche Vorgänge passieren jeden Tag millionenfach! Man darf nicht der FIFA-Propaganda (die Automobilindustrie macht es genauso - Stichwort "Grauimporte") auf den Leim gehen und den ganz normalen Weiterverkauf eines Wirtschaftsgutes als verboten ansehen, nur weil es in den AGB so steht. Diese AGB sind (nicht nur) meines Erachtens schlichtweg rechtswidrig und damit nichtig. Leider werden Begriffe wie "Graumarkt" und "Schwarzmarkt" auch in den Medien nur allzu oft unkritisch und unreflektiert übernommen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst oder anders: Wer sich zeitig mehrere Karten sichert und auch noch das Glück auf seiner Seite hatte, der hat doch das gute Recht, daraus Profit zu schlagen. Und es wird niemand gezwungen, "horrende" Preise für ein Spiel zu zahlen. Am meisten ärgern hohe "Schwarzmarkt"-Preise schließlich die Veranstalter, weil sie dann sehen, was sie tatsächlich hätten verlangen können. That's business!
Wilfried H. Becker, 28.04.2005
3.
---Zitat von John Kerry--- Aber zurück zum Thema: Mir war noch vor Beginn der ersten Verkaufsphase nicht klar, wie sich Massen an Menschen für Tickets D3 - D4 interessieren können. Scheinbar sind aber alle angebotenen Karten weggegangen, selbst für ein zu erwartendes Spiel Iran - Mexico. Jetzt stelle man sich vor man hat für dieses Spiel in der Kategorie 4 Tickets für 35 € pro Stück erhalten, und bekommt Plätze in der hintersten Ecke zugewiesen. Na Prost Mahlzeit. Und jetzt werden diese Karten noch in eBay oder sonstwo versteigert und für ein vielfaches an den Mann gebracht. Erstaunlicherweise scheint der Markt dafür ja da zu sein. Zum Finale: Selbst in Anbetracht der Rarität des Ereignisses wüsste ich mit 600 € viele andere Dinge anzufangen, als mir 90 Minuten mit einem 1:0-Ergebnis anzusehen. Die Fans die Verlierer? Sehe ich nicht so. Jeder der Tickets haben wollte hat dieselbe Chance gehabt, und hat ja auch noch weitere Chancen... ---Zitatende--- Geht es denn noch um die Fans?? Ich denke nicht. Es ist doch mittlerweile der FIFA, UEFA, DFB und selbst dem Rumenigge sch...egal wie und wo das Geld herkommt....Hauptsache es kommt. Da werden Spieler mit 5 oder 6 mil.Euro im Jahr entlohnt die einmal den Ball treffen...und der "FAN" macht das mit. Ich habe mich schon vor einigen vom Fußball verabschiedet, naja ich lese die Ergebnisse noch. Wildried
marktwain, 02.05.2005
4. Erst denken, dann handeln, liebe FIFA
Ein typisches Beispiel deutscher Regulierungswut, ohne dass dabei jedoch nur im Ansatz nachgedacht wurde. Auf jeden Fall steigen die Preise für die Tickets auf Grund der Verknappung des Angebots und auf jeden Fall ist es absolut legitim, Tickets weiterzuverkaufen. Es gibt kein Lex Fifa und die Tickets sind wie alle anderen Güter auch zu behandeln. Niemand kann mir verbieten, eine Münze oder mein Telefon zu verkaufen, warum sollte es also bei Tickets anders sein? Es ist schon überraschend, wie die Medien sich benutzen lassen, um den Weiterverkauf zu kriminalisieren. Krimineller ist meines Erachtens der Verkauf: Datenschutzgesetze werden missachtet. Man wird gezwungen, sich ein Jahr vorher festzulegen, mit wem man zu einem Spiel gehen möchte. Wie kann man das denn überhaupt jetzt schon wissen? Man wird genötigt, Karten für Spiele zu kaufen, ohne dass man weiß, wer spielen wird. Und obendrein soll man dann seine Karte nicht verkaufen dürfen, falls man es sich auf Grund der vielen Fragezeichen anders überlegt? Pech, wenn ich an dem Tag krank, auf Geschäftsreise bin oder einfach nur etwas anderes vorhabe als beispielsweise zwei Mannschaften zu sehen, die mich nicht die Bohne interessieren? Lächerlich. Oder die zweite Runde: Tickets für ein Team bestellen, das sich vielleicht nicht qualifizieren wird, diese bezahlen und falls es nicht klappt, das Geld abzüglich einer "Bearbeitungsgebühr" zurückerhalten. Das ist Halsabschneiderei und sonst nichts. Wie ein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen kann, derart knappe Güter auf First-come-first-serve-Basis zu vergeben, ist mir absolut schleierhaft. Wenn man es dann trotzdem macht, sollte man auf einen Ansturm vorbereitet sein und sich überlegt haben, wie man ihn bewältigt. Dies war nicht der Fall. Nichts aber auch gar nichts funktionierte. Man wurde in "Warteräume" umgeleitet und durfte es so oft erneut versuchen, bis es nicht mehr ging, die Tickets weg waren, obwohl sie es zuvor nicht waren oder einem die Galle platzte. Dass es auch außerhalb Deutschlands Fans gibt, wird bei einem solchen Verfahren komplett ignoriert. Ich beispielsweise durfte morgens um 4 Uhr aufstehen, um mir diesen Nonsens anzutun. Oder ein Chip in dem Ticket, um den Käufer abzugleichen! Warum nicht gleich ein Satelliten-Tracking-Device, damit mich Herr Beckenbauer aufspüren kann, wenn ich nicht pünktlich im Stadion erscheine?
sinned78, 06.05.2005
5.
---Zitat von John Kerry--- Hallo zusammen, viel verwerflicher als die Personen die ihre Tickets einstellen, sind meines Erachtens die Personen, die diese Preistreiberei mitmachen und horrende Summen für die Tickets zu zahlen bereit sind. ---Zitatende--- das sollte man wohl jedem selbst überlassen bleiben! zum generellen thema: auch ich kann nicht sehen oder erkennen, wieso es in irgend einer weise "verboten" (von wem auch immer) sein sollte, ein rechtmäßig erworbenes ticket, weiter zu veräußern. ganz platt gesagt: meine sachen gehören mir und wenn ich sie verkaufen will, dann tue ich das auch. rein praktisch gesehen können eine menge gründe, die heute noch nicht absehbar sind, mich an einem spieltag verhindern. diese bevormundung durch konzerne / agenturen o. ä. ist absolut nicht gerechtfertigt. um unfriedliche zuschauer aus den stadien fernzuhalten gibt es weitaus "benutzerfreundlichere" möglichkeiten. das jegliche ticketweitergabe sofort und unkritisiert als "verbotener schwarzmarkt" bezeichnet wird, ist sehr bedenklich. genauso wie "ticketweitergeber" von spd abgeordneten quasi kriminalisiert werden, nur weil sie gegen agbs --welche an sich schon sehr fraglich sind-- irgendwelcher kommerzieller unternehmen verstoßen. wo bitte ist die rechtsgrundlage für die von herrn dankert angesprochene "identifizierung" von verkäufern über das ticketvergabesystem? dennis
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