Wo ist Sven? Schnitzeljagd digital

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Kann man in digitalen Zeiten einfach abtauchen? Das will Kerner-Reporter Sven Jachmann drei Wochen lang ergründen - die Zuschauer sollen ihn jagen. Das TV-Experiment bietet 10.000 Euro Kopfgeld und soll Antworten liefern auf unser aller Qualifikationsgrad als Spitzel.

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SAT.1 / Boris Laewen

Sven Jachmann: Ab 22.25 Uhr bundesweit gesucht

Privatsphäre, Datenschutz und allgegenwärtige Beobachtung sind derzeit heiße Themen. Seit Monaten läuft die Debatte darüber, in welchem Maße, warum und wozu sich Menschen überhaupt in Social Networks bis ins Intime hinein selbst veröffentlichen und was die Firmen dann mit diesem Datenmaterial anfangen. Der Handel mit persönlichen Daten boomt wie nie. Auch der Staat lässt seit Jahren einen Versuchsballon nach dem anderen steigen, seine Bürger noch ein wenig transparenter zu bekommen.

Er schafft faktisch das Bankgeheimnis ab, lässt private Finanzangelegenheiten seiner Bürger an US-Geheimdienste übermitteln und scheitert dann nur knapp mit dem Versuch, Krankenstände, Streikzeiten und andere für Arbeitgeber interessante Arbeitnehmerdaten bequem zentral zugänglich zu machen. Amtliche Lauschangriffe sind Routine, und auch hierzulande wächst der Kamerawald. Zum Glück führt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner derweil eisern den Kampf gegen den Datenkraken Google, der doch tatsächlich unser aller Vorgarten fotografieren möchte: Der wackere Widerstand definiert den Begriff der schützenswerten Privatsphäre neu und lenkt unser aller Blick auf das Wesentliche.

Oder nicht? Kerner, dessen Sendung von SPIEGEL TV produziert wird, beginnt am Donnerstagabend ab 22.25 Uhr mit der Aktion "Wo ist Sven?". Für drei Wochen soll Kerner-Redakteur Sven Jachmann irgendwo in Deutschland abtauchen, sich verstecken, aber digitale Spuren hinterlassen - und sich von den Zuschauern jagen und nach Möglichkeit (nicht) erwischen lassen. Dem Häscher winken 10.000 Euro Kopfgeld.

Vorbilder: Alte Frage, neue Möglichkeiten

Die Idee ist nicht neu - und nicht schlecht. Im vergangenen Jahr schilderte die US-Zeitschrift "Wired" ein weitgehend identisches Szenario. 2002 lief das ProSieben-Format "Mission Germany" - und scheiterte. Und in "Reality Run" sollte im Sommer 2000 ein Mensch namens Roger 24 Tage lang in Berlin abtauchen und sich von der Internet-Community jagen lassen. Die Hatz endete nach acht Tagen (SPIEGEL ONLINE berichtete).

Nun stellt also Kerner die Kernfrage: Kann man in Zeiten, in denen fast jeder eine Ausrüstung mit sich herumschleppt, die ihn zum digitalen Echtzeit-Denunzianten qualifiziert, abtauchen? Wenn zudem auch noch der Abgetauchte ständig Wasserstandsmeldungen überträgt und digitale Spuren legt?

Denn das ist der Aspekt, der Sven von den rund 5500 Menschen unterscheidet, die derzeit in Deutschland als vermisst gelten: Die meisten tauchen zwar wieder auf, aber etliche von ihnen verschwinden durchaus permanent, Digitaltechnik hin oder her. Ede Zimmermann und seine Nachfolger bei "Aktenzeichen xy ... ungelöst" können ein Lied davon singen, dass auch mediale Präsenz kein Garant dafür ist, Gesuchte dingfest zu machen - sie erhöht allerdings die Zahl der falschen Hinweise in erheblichem Maße.

Dass zugleich aber Verbrecher weltweit Schlagzeilen machen, die per oder dank Facebook gefasst werden, hat weniger mit dem Entdeckungsrisiko durch Digitaltechnik zu tun, als mit deren Dämlichkeit - sie veröffentlichen selbst Geständnisse oder Ortsangaben im Social Network. Was zumindest zeigt, wie sehr sich viele Menschen daran gewöhnt haben, permanent Daten abzusondern, ohne darüber in irgendeiner Weise nachzudenken.

Schnitzeljagd: Ein Spiel bleibt ein Spiel

Allein darauf hinzuweisen ist aller Ehren wert. So reklamiert Kerner dann auch einen journalistischen Anspruch für seine mediale Schnitzeljagd: Flankiert werden sollen die Meldungen aus der laufenden Hatz, die im Sat.1-Frühstücksfernsehen ab 5.30 Uhr, später dann ab 19 Uhr im Sat.1-Magazin, in Kerners Show am Donnerstag und täglich ab 22.25 Uhr auf der eigens eingerichteten Webseite präsentiert werden, durch Hintergrundberichte zu den datenschutzrechtlichen Grundfragen.

Wie das aussehen mag, lässt die Ankündigung der Aktion erahnen. Auf der Sat.1-Promoseite zur Sendung heißt es:

"Jeden Tag hinterlassen wir unzählige elektronische Spuren", erklärt Johannes B. Kerner den Hintergrund des Experiments. "Was geschieht eigentlich mit den vielen Aufzeichnungen von öffentlichen Überwachungskameras? Weiß ich, wer alles an meine EC-Kartendaten kommt, wenn ich an der Tankstelle bezahle? Wer kann mich orten, wenn ich das Handy anmache? Wir wollen wissen: Ist es einem Verfolger möglich, unseren Kollegen Sven aufzuspüren, wenn wir mitteilen, wann und wo er elektronisch aktiv war?"

Das mag durchaus spaßig werden und weit weniger doof als der ganze andere Reality-Müll von Schuldenfallen, Helfern mit Herz oder - ja, auch das - vermissten Menschen, mit dem man uns sonst medial malträtiert - auch wenn der potentielle Erkenntnisgewinn der Aktion Sven eher durchwachsen sein mag. Wir wagen schon jetzt einmal eine Antwort auf Kerners drängende Fragen: Der Abgetauchte hat auf jeden Fall weniger Chancen, "wenn wir mitteilen, wann und wo er elektronisch aktiv war", als wenn er wirklich abgetaucht wäre. So bleibt die Sache vornehmlich ein Spiel, ein Stück Entertainment, bei dem man 10.000 Euro gewinnen kann.

Denn natürlich kann man abtauchen, man kann illegal einwandern, man kann unter falscher Identität leben und mitunter sogar unter seiner echten Identität einfach durch Umzug verschwinden. Zehntausende Menschen tun dies wahrscheinlich in diesem Augenblick in Deutschland. Auch Social Networks vermögen oft nicht, die Spuren von durch Heirat namentlich veränderten Ex-Freunden oder Freundinnen wieder aufzunehmen. Übrigens auch deshalb nicht, weil es noch immer eine Minderheit ist, die da im Web tatsächlich mitmacht und sich entblößt: Die anderen, oft glücklich "analoge" Leben führende Menschen, sind weitgehend unsichtbar.

Es geht nicht um Sven, sondern um seine Jäger

Deshalb ist eine ganz andere Frage viel interessanter. Kerners Aktion ruft - wie damals "Reality Run" und "Mission:Deutschland" - die digital aufgerüsteten Bewohner des Landes dazu auf, einen Menschen zu jagen, zu finden und zu melden. Nur, dass Otto Normaldigitalist heute erheblich besser bewaffnet ist als im Jahr 2000.

Man könnte die Sven-Aktion also als riesiges soziologisches Experiment darüber verstehen, wieweit digitale Vernetzung, Kommunikation und Datenübertragung unsere Effektivität als Denunzianten eigentlich erhöht haben. Schafft es der Spaß an der Technik, unsere Jagdlust zu steigern? Wird es zur systematischen digitalen Hatz auf fälschlich als Sven identifizierte Zeitgenossen kommen? Liebe schlecht rasierten, langhaarigen, blonden Mitmenschen Anfang 40: Schnell noch zum Friseur, bevor die Paparazzi-Belagerung beginnt!

Andererseits: Das tut Jachmann vielleicht auch gerade. Schon, berichtet die "Süddeutsche Zeitung", gebe es eine wer-kennt-wen-Gruppe namens "Findet Sven Jachmann!". Klar, und eine bei Facebook und Twitter und weiß der Fuchs wo noch - im Kerner-Team säßen keine Profis, wenn das anders wäre. Denn natürlich - und auch das ist interessant - erleben wir hier auch einen lustigen Fall von Multimedialität, von der so viel beschworenen Interaktivität, bei der auch vermeintlich Authentisches im Web durchaus Teil der Inszenierung sein mag.

Im Interview mit der "Süddeutschen" verrät Jachmann allerdings, dass er selbst eigentlich gar nicht viel davon hält, im Internet zu viel über sich zu verraten.

Wir prüfen das nach und finden auf Anhieb seinen vollständigen Ausbildungsweg inklusive Schulzeit und beruflichen Lebenslauf. Dass seine Hobbys Skifahren, Fußball, Musik und Literatur sind, geht dagegen keinen etwas an. Dass er einst als Radioreporter den HSV und Sankt Pauli gecovert hat, wird er kaum unterschlagen wollen. Dass er vor einem Jahrzehnt in Forendiskussionen mit "ein einsamer Nachtmoderator" zeichnete, vielleicht schon eher. Doch der Mann hat sich respektabel hochgearbeitet: Vom Praktikanten bei der "Bergedorfer Zeitung" bis zum Mann, der bei Kerner die Promi-Vorgespräche führt.

An dem Punkt bremsen wir mal: Herausfinden lässt sich natürlich noch viel mehr.

Aber das überlassen wir mal dem Schwarm, den Kerner jetzt auf Jachmann loslässt.

Kerner: Wo ist Sven? Donnerstag, 22.25 Uhr, Sat.1

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Walter Sobchak 12.08.2010
Natuerlich kann man das. Einfach ICQ ausschalten. Aber was zum Teufel soll eine Antwort auf unser aller Qualifikation als Blockwart bringen? Wem nuetzt es? Dem ZDF?
2. -
langsamfahrstelle 12.08.2010
Hä? Ich verstehe das Prinzip nicht. Man will herausfinden, ob man allein über elektronische Spuren auffindbar ist - und dann veröffentlicht man ganz große Bilder der Person und lässt sie per Blog bereitwillig Auskunft über ihren Aufenthaltsort geben? Da sind ja wirklich hellseherische Fähigkeiten gefragt. Vor 30 Jahren hätte "Kerner" wohl herausfinden wollen, ob man seinen Redakteur aufspüren kann, wenn er morgens an der Litfassäule anschlägt, in welchem Hotel er übernachten wird.
3. Abtauchen? Nichts leichter als DAS...
Lady Wanda 12.08.2010
ganz einfach Handy abschalten und weglegen, nicht mehr ins Internet gehen, Telefon abmelden und wegziehen ohne Freunden und Bekannten Bescheid zu sagen... Hatte jetzt gerade so ein liebreizendes Beispiel im Familienkreis. Private Telefonnummer: Fehlanzeige Email-Adresse: nicht vorhanden Geschäftsnummer: nicht mehr existent.. und nun mach was....
4. Kerner hat sein Ziel schon erreicht!
Fettnäpfchen 12.08.2010
Es ist zum Lachen! Johannes B. Kerner benötigt dringend höhere Einschaltquoten und instrumentalisiert dafür den Zuschauer für ein "Trinkgeld" von Euro 10.000 (damit die Massen sich daran beteiligen). Die Verschaukelung des Publikums ist evident. Beschämend, dass SPON und andere Medien das entweder nicht durchschauen oder auf selbigem Niveau von Herrn Kerner sind und mitmachen.
5.
Motorpsycho 12.08.2010
Eine vollkommen sinnfreie Aktion. Diejenigen, die auf relevante Daten Zugriff hätten, würden im Gegenzug zu den 10.000 Euro ihren Job verlieren. Kaum ein lohnendes Geschäft. Alle anderen sind auf die Spuren angewiesen, die er freiwillig und wissentlich hinterlässt. Wo ist da der Mehrwert?
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