Wohnungslos online Schauen wir mal, wie's Uwe geht

Ein Blogger trifft einen Obdachlosen, richtet ihm eine Seite ein - und sammelt Hilfsgeld per PayPal ein: Die "Aktion Uwe" ist ein Paradebeispiel dafür, wie man im Web Spenden mobilisiert. Das Experiment eines Studenten funktionierte so gut, dass jetzt Hilfsorganisationen daraus lernen wollen.


Uwe humpelt. Schuld daran ist das Internet. Oder sein "Manager", wie der Wohnungslose den weit jüngeren Blogger Ole Seidenberg spaßhaft nennt. Nur wegen der "Aktion Uwe" wollte sich der 44-Jährige in der Bücherei über Vereinsgründungen informieren - und rutschte danach auf den winterlich glatten Stufen aus.

Spendenseite "Aktion Uwe": Vorteilhafter Deal zum guten Zweck

Spendenseite "Aktion Uwe": Vorteilhafter Deal zum guten Zweck

So wie Uwe jetzt in einem Coffeeshop in der Hamburger Innenstadt sitzt, sieht man ihm höchstens an den Händen an, dass er seit 20 Jahren auf der Straße lebt, davon die vergangenen sieben Jahre ohne Unterbrechung.

Seit er der Mittelpunkt einer Spendenaktion geworden ist, finanzierten private Spender ihm zunächst über das Online-Bezahl-Tool Paypal eine schlichte Unterkunft in einer Pension für Montagearbeiter. Jetzt zieht er um in die Obdachlosen-Unterkunft "Pik As". Auch sein Winterparka und die Schuhe sind gespendet, beide gebraucht zwar, aber intakt.

Die neueste Spende: ein Handy, das er immer wieder aus der Innentasche seines Winterparkas zieht und mit dem Ärmel vorsichtig abwischt. Sich erreichbar zu machen war vor dreieinhalb Wochen noch unvorstellbar für den HIV-positiven ehemaligen Drogenabhängigen, der seit einem halben Jahr das Heroin-Substitut Polamedon einnimmt. Sogar einen Terminkalender hat er sich angeschafft. "Ein bisschen stolz bin ich schon auf mich", sagt Uwe und lächelt Ole an: "Auf dich aber auch."

Modernes Märchen

Bisher klingt alles wie ein modernes Märchen: Obdachloser bettelt an seinem Geburtstag einen jungen Mann in der Fußgängerzone an, der ihn spontan zum Essen einlädt. Beim Gespräch erzählt Uwe von einem geheimen Traum. In Hamburg gibt es kein Nachtcafé für Obdachlose. Dabei bräuchte man dringend eine gemütliche, alkoholfreie Alternative zu den überfüllten und verlausten Obdachlosenheimen der Stadt. Einen Gastronomiebetrieb mit sozialem Anspruch, der auch auf das Thema Obdachlosigkeit und Armut aufmerksam machen soll.

Für den Studenten Seidenberg, der gerade seine Diplomarbeit über Online-Fundraising schreibt, ist das eine Steilvorlage: Für jemanden, der studiert, wie sich online Spendengelder locker machen lassen, liegt die Blog-Idee nahe. Zumal Seidenberg sich bereits in der sozial engagierten Bloggerszene betätigt und nach sinnvollen Möglichkeiten sucht, über soziale Online-Netzwerke gesellschaftlich aktiv zu werden. Spontan zückt er seine Digitalkamera und nimmt eine Videobotschaft von Uwe auf, veröffentlicht sie auf YouTube und startet in seinem Blog Socialblogger die "Aktion Uwe". So erzählen das der Spendensammler und der Begünstigte.

Abstrakt heißt das alles "Mikrofundraising"

Auch auf seinen Profilen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Xing wirbt Ole seither um Gelder, Sachspenden und Unterstützer für Uwes Traum. Der Erfolg keimt zuerst im eigenen Umfeld: Sein Bekanntenkreis springt auf die Idee an. Uwe ist ein sympathischer Obdachloser, außerdem teilt Oles Umfeld dessen Utopien von einer neuen, per Internet organisierten Zivilgesellschaft - oder honoriert schlicht sein Engagement. Bald interessieren sich erste Journalisten für das Thema, eine Regionalzeitung und die "taz" berichten. Dadurch erweitert sich der Kreis der Menschen, die auf die "Aktion Uwe" aufmerksam werden. Seidenbergs Plan beginnt aufzugehen.

Nach vier Wochen Laufzeit kommen die meisten Spenden inzwischen von Unbekannten. 500 Euro hat Ole, bislang über sein Privatkonto, eingenommen und Uwe in Tagesraten ausgezahlt. "Die Aktion profitiert von der Medienlogik des Web 2.0", sagt Ole. "Das Netz bietet eine gewisse Distanz für diejenigen, die Obdachlose sonst meiden und erleichtert ihnen, sich an das Thema heranzutasten."

Im Schnitt hätten die Spender bisher zwölf Euro gegeben. Das ist viel, findet Seidenberg, denn: "Wer würde im echten Leben einem Obdachlosen zwölf Euro in den Becher werfen?" Außerdem eigneten sich Blogs optimal für das im Fundraising immer wichtiger werdende "Storytelling". Gerade die erste Phase der "Aktion Uwe" ist dafür ein Paradebeispiel, ruft sie doch mit authentisch-emotionalen Geschichten zu Spenden auf.

Kopierbares Konzept?

Spender konnten in seinem Blog Uwes kleine Fortschritte verfolgen - genauso wie seine Rückschläge. Wenn Uwe einen Tag nicht zum vereinbarten Termin auftauchte, dann stand das ebenso im Netz wie Seidenbergs Sorgen, dass ihm das Ganze über den Kopf wachse. Kritikern antwortete Ole stets direkt.

Die Obdachlosenzeitung "Hinz & Kunzt" lud Ole und Uwe inzwischen zu einem Treffen ein. Die Macher überlegen, auch ihren obdachlosen Zeitungsverkäufern über das Web 2.0 ein Gesicht zu geben. Was aber, wenn alle Obdachlosen im Netz nach Spendern suchen würden?

"Das Ganze hat natürlich Neuheitswert und funktioniert auch deswegen gut", weiß Seidenberg. "Um zu verhindern, dass nur die sympathischen Obdachlosen Gelder bekommen, braucht es Experten, die dafür sorgen, dass Gelder innerhalb einer bedürftigen Gruppe umverteilt werden." Das erinnert an die Spenden-Strategien von Organisationen, die beispielsweise mit Patenschaften arbeiten: Man gibt der Not ein Gesicht und macht die helfende Handlung so zu einer Art sozialer Interaktion - wenn auch nur symbolisch.

Auch als Aktion einer engagierten Einzelperson stößt die "Aktion Uwe" nun an ihre Grenzen, gibt Seidenberg zu: "Ich bin Blogger, kein Sozialarbeiter, Psychologe und Unternehmensberater in einem." Allein die Pflege des Blogs kostet Zeit, dazu mehrfach pro Woche Treffen mit Uwe und neuerdings auch mit NGOs, die ebenfalls ins Internet wollen und dafür Seidenbergs Hilfe suchen.

Blog zur "Aktion Uwe": Publikumswirksame Einzelaktion oder Konzept für eine andere Form des Fundraising?

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Aus diesem Grund suchen Ole und Uwe nun einen gemeinnützigen Träger, der die Kapazitäten zur Verwirklichung eines Nachtcafés für Obdachlose besitzt. Für Phase zwei der Aktion Uwe hat Seidenberg ein Profil auf dem Spendenportal helpedia.de eingerichtet - die Spenden sollen in Zukunft zweckgebunden und gegen Spendenquittung in das geplante Café fließen. Nächste Woche trifft Uwe sich mit einem Existenzgründungsberater, der ihn über Rechte und Möglichkeiten zur Umsetzung des Nachtcafés beraten will. Ausgang ungewiss.

Doch zumindest auf der persönlichen Ebene sind erste Erfolge bereits sichtbar. Seit er in der Pension schlafe, falle Uwe das Sprechen und Denken wieder leichter, sagt Ole. Uwe nickt: "Ich denke seit langem mal wieder darüber nach, was ich mit meinem Leben machen will."

Er will sich jetzt selbst um eine Sozialwohnung kümmern und einen Ein-Euro-Job suchen. Ihm helfe auch die moralische Unterstützung von Spendern, die ihm über Netz Grüße senden. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man jemanden im Rücken hat", sagt Uwe noch. "Aber ich will nicht zu doll auf die Tränendrüse drücken."



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