#WomenBoycottTwitter Sperren und löschen - außer bei den Mächtigen?

Wegen eines Tweets zum Fall Weinstein sperrte Twitter den Account von Rose McGowan kurz. Eine Protestaktion soll nun die angebliche Doppelmoral des Konzerns entlarven - und ist selbst höchst umstritten.

Rose McGowan
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Im Fall des Missbrauchsskandals um Harvey Weinstein ist sie eine der lautesten Stimmen im Netz: Rose McGowan. Die Schauspielerin ist nach eigenen Aussagen ebenfalls eines von Weinsteins Opfern - und nutzte ihren Twitter-Account, um über den Fall Weinstein zu schreiben.

In der Nacht auf Freitag wurde McGowans Konto aber vorübergehend gesperrt. "Seid meine Stimme", bat die Schauspielerin ihre Unterstützer daraufhin auf Instagram. Ihr Hilferuf wurde erhört. Zahlreiche Nutzer äußerten ihr Missfallen, wie Twitter mit der Weinstein-Kritikerin umgegangen war. Der Unmut war so groß, dass sich daraus die Aktion #WomenBoycottTwitter entspann: Einen ganzen Tag lang, am Freitag, sollen Nutzer die Plattform boykottieren.

Twitter sah sich zu einem Statement genötigt. In der Darstellung des Unternehmens ist der Fall keineswegs eine David-gegen-Goliath-Geschichte. Vielmehr habe McGowan in einem ihrer Tweets die private Telefonnummer eines Dritten veröffentlicht. Dies sei ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen.

Der "New York Times" zufolge sei die Nummer einer prominenten Person in dem Screenshot einer E-Mail sichtbar gewesen, den McGowan getwittert hatte. Tatsächlich steht in den Twitter-AGB: "Sie dürfen keine privaten und vertraulichen Informationen anderer Leute veröffentlichen oder posten."

Die Beobachtung: Trump darf alles auf Twitter

Diese Erklärung stellt die Kritiker allerdings nicht zufrieden. Sie beschweren sich, dass der Konzern bei anderen Mitgliedern der Plattform längst nicht so genau hinschaue. Das prominenteste und in aktuellen Tweets wohl meistzitierte Beispiel: Donald Trump.

Der US-Präsident nutzt Twitter immer wieder, um Kritiker herabzuwürdigen und anzugreifen und seine Gemütslage, zum Beispiel im Nordkorea-Atomkonflikt, kundzutun. Schnell kam nach seinem Amtsantritt daher die Diskussion auf, ob er mit seinen Tweets nicht die Nutzungsregeln verletzte. Twitter argumentierte daraufhin mit dem "Nachrichtenwert" derartiger Tweets.

Twitter hat ein Problem mit Hassrede

Die öffentlichkeitswirksame Aktion wirft in jedem Fall ein Schlaglicht auf einen Konflikt, der schon lange auf Twitter schwelt und der viele Nutzer, gerade weibliche, mit der Plattform hadern lässt: Sie werfen Twitter vor, den Kampf gegen Hass und Beleidigungen auf der Plattform zu vernachlässigen und nicht konsequent genug gegen Vergewaltigungsdrohungen und andere Angriffe vorzugehen.

Nach rassistischen Hasstiraden hatte etwa US-Schauspielerin Leslie Jones die Plattform zeitweise verlassen. Doch Beleidigungen treffen auch normale Nutzer, die weniger prominent sind und nicht so öffentlichkeitswirksam agieren können. Immer wieder berichten Nutzer von offensichtlich beleidigenden Nachrichten, an denen das Meldeteam von Twitter aber nichts zu beanstanden hatte.

Vorwurf: Doppelmoral des Konzerns

Der Fall von McGowan zeigt nun aus Sicht ihrer Unterstützer eine entlarvende Doppelmoral: Greift eine Frau einen mächtigen Mann an, funktioniert der Sanktionsapparat von Twitter plötzlich einwandfrei und blitzschnell. Dieser Eindruck sorgte bei vielen Nutzern, die bei ihren Meldungen gegenteilige Erfahrungen mit dem Meldesystem von Twitter gemacht haben, offenbar für Verbitterung.

Auch eine Reihe von Prominenten hat sich der Aktion #WomenBoycottTwitter angeschlossen, darunter McGowans Kollegen Alyssa Milano, Mark Ruffalo, John Cusack, Anna Paquin und Model Chrissy Teigen. Andere Nutzer halten die Aktion für kontraproduktiv, weil Themen wie Sexismus und Frauenrechte durch den Boykott noch weniger sichtbar seien auf Twitter.

Manche Kommentatoren kramen nun auch den Fall hervor, als Trump in einem Streit die Telefonnummer von Republikaner Lindsey Graham öffentlich gemacht hatte. Das passierte aber - anders als derzeit häufig dargestellt - nicht direkt auf Twitter. Die Videoaufnahmen von dem Vorfall waren dennoch vielfach von anderen Nutzern auf Twitter geteilt worden, ohne dass Twitter in großem Stil aktiv geworden wäre. Hier schien der Schutz einer Telefonnummer weniger wichtig als im Fall von McGowan.

Auch die mittlerweile wieder freigeschaltete McGowan spielte in einem neuen Tweet auf die wahrgenommene Twitter-Doppelmoral an und zog eine Parallele zu Trump: "Wann wird der Atomkrieg eure Nutzungsregeln verletzen?", fragte sie.

Twitter-Chef Jack Dorsey tut indes das, was er bisher immer getan hat, wenn es Streit gab über die Auslegung der Twitter-Nutzungsregeln: Er wiegelt ab und verspricht Besserung für die Zukunft. Man wolle Sperr-Entscheidungen wie bei McGowan besser erklären, sagte er. Vielen anderen Nutzern ist Twitter eine solche Erklärung in der Vergangenheit schuldig geblieben.



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