World Digital Library Weltgeschichte in 1170 Bildern

Weisheiten von Konfuzius, brasilianische Prinzessinnen und eine alte Deutschlandkarte - im Dienste der Völkerverständigung hat die Unesco Exponate für ihr Online-Museum gesammelt. Weil man dabei nicht einem Scan-Wahn à la Google erlag, wirkt die neue Galerie noch leer.

Von Timo Kotowski


Kulturschätze sind bedroht - nicht zuletzt durch Katastrophen wie dem Brand in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek und dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Noch so strenge Sicherheitsvorschriften für Lagerstätten mit Dokumenten der Geschichte können diese Exponate offenbar nicht vor einem unglücksvollen Verschwinden bewahren. Das Internet liefert immerhin eine Alternative, Dokumente, Schriften und Gemälde zu zeigen - zwar nur in Kopie, dafür aber einem großen Beobachterkreis.

An der digitalen Kulturkonservierung beteiligt sich nun auch die Uno-Bildungsorganisation Unesco. In Paris eröffneten Unesco-Generaldirektor Koichiro Matsuura und James H. Billington, der Leiter der US-Kongressbibliothek, die World Digital Library. Von Alaska bis Neuseeland sollen Kultur- und Geschichtsinteressierte kostenlos einen Streifzug durch die Weltgeschichte unternehmen können.

Schätze der Antike bestaunen, Dokumente des Imperialismus einsehen, historische Karten betrachten - und dabei mehr über andere Völker und deren Historie lernen, so der Auftrag der World Digital Library. Zudem will die Unesco die bislang herrschende Dominanz westlicher Kultur im Internet brechen. Ein Schwerpunkt soll auf Inhalten aus dem Nahen Osten und Asien liegen. Ideegeber Billington stammt allerdings aus den Vereinigten Staaten. Der Leiter der US-Kongressbibliothek, auf deren Servern nun die digitalisierte Weltgeschichte liegt, entwickelte schon 2005 den Plan.

Bei der Umsetzung sind die Verantwortlichen von der Unesco nun nicht die ersten. Das europäische Projekt Europeana ging bereits im vergangenen Herbst online. Und der US-Suchmaschinen-Gigant Google hat schon Millionen von Büchern in seine digitale Bibliothek gestellt - sehr zum Ärger vieler Autoren, die ihre Werke ungern zum Nulltarif im World Wide Web sehen.

Klasse statt Masse

Die World Digital Library unterscheidet sich aber von den Vorreitern der Kulturkonservierung. Beim Zusammenstellen der Sammlung verfielen die Verantwortlichen nicht einem Einscan-Wahn wie Google. Denn was in die Weltbibliothek der Uno-Organisation gelangt, soll historischen Wert haben. Einen Roman in Taschenbuchausführung - zweifelsohne eine zeitgenössische Momentaufnahme, aber halt auch nicht mehr - werden Besucher der digitalen Galerie vergeblich suchen. Allerdings ist die Zahl der Exponate mit 1170 gering - wirkt bei einem abgedeckten Zeitraum von 8000 vor Christus bis in die Gegenwart geradezu kümmerlich.

Ein 23 Zentimeter hohes Steinfragment mit eingravierten konfuzianischen Weisheiten ist darunter zu finden, ebenso arabische Wissenschaftsmanuskripte, die in ägyptischen Archiven liegen, und frühe Fotografien aus Brasilien. Wer allerdings nach Dokumenten zu Deutschland sucht, erhält bloß 15 Treffer - dabei ein hierzulande gefertigter Druck eines Motivs aus der Offenbarung des Johannes von 1470, eine Reichskarte von 1782 und das britische Mandat über die Ex-Kolonie Nauru. Die Navigation ist in sieben Sprachen nutzbar, deutsch ist nicht dabei.

Dass die Sammlung noch klein ist, ist das größte Manko des Unesco-Geschichtsarchivs. Ansonsten haben die Verantwortlichen vieles richtig gemacht. Die World Digital Library ist webgerecht und bildlastig, Textdokumente sind in der Minderzahl. Und was anzuschauen ist, soll leicht zu finden sein. Auf der Startseite lässt sich durch einen Klick auf Kontinente einer Weltkarte die Suche eingrenzen, ebenso durch das Verschieben von Reglern einer Zeitleiste. In der Sammlung sind alle Exponate mit Tags zu Herkunftsregion, Standort, Urheber, Entstehungszeitraum und anderem versehen.

Museum zum Herunterladen

Dicht vor dem Monitor hocken, um Details zu erkennen, müssen die Nutzer der World Digital Library nicht. Bilder lassen sich heranzoomen und sind hochauflösend gespeichert. Während die Europeana Kulturschätze nur wie in einem digitalen Zettelkatalog listet und auf die Seiten ihrer Kooperationspartner verlinkt, sind in der World Digital Library Gemälde und Schriften direkt abgelegt. Nützlich sind auch Funktionen, die Exponate über Bookmark-Dienste wie Delicious mit anderen zu teilen und in Twitter-Feeds oder Facebook-Accounts einzubinden. Viele Dateien gibt es auch zum Download - Bilder meist in mehrere Megabyte großen Tiff-Dateien, Texte auch als PDF.

Der geistige Vater des Projekts, Billington, dachte vor Jahren an eine Online-Bibliothek, in der Schüler, Lehrer und Studenten alles finden, was für die Kultur anderen Staaten wichtig war und ist. Die Unesco strebt nun an, das in Nationalgalerien und Archiven lagernde historische Gut der Menschheit ins Internet zu bringen.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Zu den bislang 32 kooperierenden Institutionen von Amerika bis Saudi-Arabien sollen und müssen dringend weitere dazukommen. Auch Rekord-Scanner Google unterstützt die digitale Geschichtssammlung. Für die Entwicklung der World Digital Library steuerte der Suchmaschinenbetreiber aus Mountain View drei Millionen Dollar bei.



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