Reaktionen auf den Tod von Aaron Swartz: "Wir haben einen Weisen verloren"

Angehörige und Freunde trauern um den Internetaktivisten Aaron Swartz, Internetprominenz und Wissenschaftler gedenken des 26-Jährigen. Dem verstorbenen Vorkämpfer der Open-Access-Bewegung stand ein Prozess bevor. Nun gerät die Staatsanwaltschaft in die Kritik.

Aaron Swartz (im Februar 2008): Internetaktivisten gedenken ihres Freundes Zur Großansicht
REUTERS

Aaron Swartz (im Februar 2008): Internetaktivisten gedenken ihres Freundes

Boston - Harvard-Professor Lawrence Lessig kannte Aaron Swartz gut. Gemeinsam hatten die beiden beispielsweise an der Entwicklung von Creative Commons gearbeitet, einem alternativen Modell zur Lizenzierung von Inhalten. Swartz und Lessig teilten das Streben nach frei zugänglichem Wissen, allgemein verfügbarer Information. Nun ist Swartz tot, und Lessig ist wütend.

Dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) macht Lessig schwere Vorwürfe. Von "Schande" spricht er in einem emotionalen Nachruf auf Swartz und von "absurdem" Verhalten der Staatsanwaltschaft, die gegen den 26-Jährigen ermittelt hatte. Tausende trauern öffentlich um Swartz, darunter viele Wissenschaftler und Tech-Prominente. Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, klagte in einem Tweet: "Aaron ist tot. Weltenwanderer, wir haben einen Weisen verloren. Hacker für das Recht, wir sind einer weniger. All ihr Eltern, wir haben ein Kind verloren. Lasst uns weinen."

Am 11. Januar hat Swartz, dem ein Prozess und womöglich eine lange Haftstrafe drohte, sich das Leben genommen. Swartz litt offenbar an Depressionen. Lessig ist einer von vielen, die nun in eigenen Texten des Verstorbenen gedenken und ihrer Wut darüber Ausdruck verleihen, dass sie die US-Regierung für mitschuldig am Tod des 26-Jährigen halten. Swartz wurde im Juli 2011 von der Staatsanwaltschaft Massachusetts angeklagt, weil er über das Netzwerk des MIT rund vier Millionen wissenschaftliche Fachartikel von einer kostenpflichtigen Datenbank heruntergeladen hatte.

"Entweder ein Idiot oder ein Lügner"

Lessig nennt die Anschuldigungen in seinem Nachruf unverhältnismäßig: Die Regierung sei gegen Swartz vorgegangen, als hätte sie einen der Terroristen des 11. September 2001 auf frischer Tat ertappt. "Das 'Eigentum', das Aaron gestohlen hatte, so wurde uns erzählt, war Millionen Dollar wert", schrieb Lessig, "mit der Andeutung, dass er das Ziel verfolgt habe, von seinem Verbrechen zu profitieren". Doch jeder, der behaupte, "dass man einen Stapel AKADEMISCHER ARTIKEL zu Geld machen kann, ist entweder ein Idiot oder ein Lügner", so der Harvard-Professor. Auch Swartz' Familie beklagt in einer Mitteilung die Rolle der Staatsanwaltschaft und des MIT.

Andere reagierten aggressiver. So legten Unbekannte den Webauftritt des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeitweise lahm und ersetzten zwei Seiten durch eine Trauerbotschaft.

Zuvor hatte der Präsident des MIT eine interne Untersuchung zur Rolle der Universität bei dem Verfahren angekündigt. Die Betreiber der JSTOR-Datenbank, aus der Swartz die Artikel kopiert hatte, hatten öffentlich klargemacht, dass sie keine rechtlichen Schritte einleiten würden. Das MIT aber hatte sich zu dem Verfahren nicht öffentlich geäußert.

Freunde und Bekannte werfen der Universität nun vor, die Anklage erst ermöglicht zu haben. Wäre Swartz wegen der ihm vorgeworfenen 13 Straftaten verurteilt worden, hätten ihm bis zu 35 Jahre Gefängnis und eine Millionenstrafe gedroht. Das Verfahren sollte im April beginnen. Während nun auf archive.org der digitale Nachlass von Swartz aufbereitet wird, füllt sich eine Seite mit Trauerbotschaften seiner Freunde und Bekannten immer weiter.

Guerilla Open Access

Von der Verteidigung war der Internetentwickler Alex Stamos als Sachverständiger benannt worden. In einem Blogeintrag hat er nun offengelegt, wie er vor Gericht ausgesagt hätte. Er halte Swartz nicht für den "Super-Hacker", als den ihn die Anklage darstelle, schreibt er. Swarz habe ein offenes Netzwerk genutzt und Dokumente heruntergeladen - das sei unbedacht gewesen, aber nicht unrecht. Auch habe Swartz nicht versucht, Spuren zu verwischen.

Swartz hatte im Jahr 2008 ein "Guerilla Open Access"-Manifest verfasst und dazu aufgerufen, akademische Papiere frei verfügbar zu machen - ohne Rücksicht auf das Copyright. Er gehörte damit zum radikalen Flügel der Open-Access-Bewegung, die sich für den freien Zugang zur Wissenschaft einsetzt. Im Gedenken an Swartz verlinken nun Hunderte Twitter-Nutzer unter dem Hashtag #pdftribute Links auf Forschungsartikel. Darunter sind viele Wissenschaftler, die auf frei zugängliche PDF-Versionen ihrer eigenen Fachartikel verweisen, oft im Widerspruch zu den Reglements der wissenschaftlichen Fachzeitschriften.

Weitere Nachrufe auf Aaron Swartz

Hilfe bei Depressionen
Wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern 0800/1110111 oder 0800/1110222.

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