Von Jochen A. Siegle

Uuuups: Bill Gates Lieblings-Software Windows XP zeigte gefährliche Schwächen
Windows XP: Es kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass dieses lang erwartete Microsoft-Produkt unangefochten den Titel "Software des Jahres" für sich verbuchen konnte. Eine gute Nachricht für Mr. Gates und Co. ist das trotzdem nicht, denn "XP" geriet ebenso unangefochten zum Flop des Jahres.
Ende Oktober unter großem Medientamtam samt opulenter Launch-Party mit Pop-, Wirtschafts- und Politprominenz in New York präsentiert, geriet das neueste Microsoft-Betriebssystem erst vor wenigen Tagen in die Negativschlagzeilen: Wie kurz vor Weihnachten bekannt wurde, entdeckte eine Gruppe junger Kalifornier nur wenige Wochen nach Verkaufsstart fatale Sicherheitslöcher in XP.
Oh, wie peinlich das doch für die Redmonder ist, stand dieses Jahr doch ganz im Zeichen der Cybersicherheit: Kaum eine Branchenmesse ohne Online-Security-Schwerpunkt, kaum ein Monat ohne Hackerattacken, DoS-Angriffe oder Virenwarnungen - man denke nur an Anna Kurnikowa, BadTrans oder Goner. Microsoft schaffte es dennoch, sein von Bill Gates mal wieder als "Meilenstein der Computergeschichte" gepriesenes Fensterprogramm mit einem Megabug auszuliefern, der Hackern den Zugriff auf XP-Systeme erlaubt.
Die Microsofties bemühten sich prompt um Schadensbegrenzung: Schließlich sei dies die einzige kritische Warnung, die die Redmonder in diesem Jahr aussprechen mussten, so ein Produktmanager. Außerdem sei bislang kein großer Hack bekannt geworden. Wie beruhigend für die Microsoft-Oberen - ganz im Gegensatz zur User-Community, die zur Freude von Apple, Linux und Lindows dem bislang so absatzstarken Microsoft-OS künftig wohl weit weniger Vertrauen entgegenbringen wird. Gegen ein ramponiertes Image und die angeknackste Nutzer-Psyche hilft so schnell auch kein Software-Patch.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass Microsoft die Panne erst wenige Tage vor Weihnachten eingestand. Dabei waren die Sicherheitslücken den Redmondern schon fünf Wochen vorher bekannt geworden. Sollte die Skandalmeldung vielleicht im Vorweihnachtstrubel untergehen? Sorry, Mr. Gates, auch wenn man einige XP-Features wohl loben kann, hat Microsoft allein dafür die Flop-Krone verdient. +++
Highlight des Jahres: Die Web-Zeitmaschine "Wayback"
Natürlich gab es 2001 auch echte Highlights in der Cyberwelt. Eines der interessantesten initiierte das Internet Archive mit der "Wayback Machine", die die Evolution des Netzes ab 1996 dokumentiert.
"Die durchschnittliche Lebensdauer einer Website liegt bei gerade mal 100 Tagen", erklärt Brewster Kahle, Gründer der San Franciscoer Non-Profit-Initiative. Massenweise pionierhafte Internet-Angebote der ersten Online-Stunden sind leider für immer im digitalen Nirwana verschollen. Niemand hatte sich zuvor die Mühe gemacht, die Abermilliarden von Dokumenten für die Nachwelt zu konservieren. Tim Berners-Lee, der Vater des World Wide Web, musste für einen Film sogar die erste von ihm erstellte WWW-Seite nachprogrammieren.
"Bislang war das Netz ein flüchtiges Medium ohne Gedächtnis, daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, eine sich ständig erweiternde Bibliothek von Internetseiten aufzubauen", sagt Kahle. Seit fünf Jahren durchkämmen daher Software-Roboter für die Digi-Bibliothek regelmäßig das Internet und archivieren Web-Schnappschüsse in einer Datenbank. Mittlerweile umfasst diese über zehn Milliarden Cyberartefakte, die ein Datenvolumen von mehr als 100 Terrabyte aufweisen - das Internet Archive hat damit die größte Datenbank der Welt angelegt.
Nicht nur Archivare und Historiker auf der ganzen Welt bejubelten die "Wayback Machine" als "phänomenales Geschenk für die Web-Community". Christopher Lee, Vorsitzender der Electronic Records Section der Society of American Archivists, schwärmte gar vom "coolest thing around". Wie Recht Lee doch hat: Allein die SPIEGEL-ONLINE-Websitekonserven von 1996 sind eine Digi-Zeitreise wert. +++
Bitter: Die Zeichen der Dot.com-Boom-Endzeit
Die Pleite des Jahres - insgesamt hat sich Webmergers zufolge die Zahl der Dot.com-Insolvenzen mit 537 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt - ist wohl beim "Industry Standard" zu beklagen. Das renommierteste amerikanische New-Economy-Magazin musste im August seine On- wie Offline-Pforten schließen, nachdem Hauptfinanzier IDG Publishing ("PC World", "Macworld") den Stecker gezogen hatte.

Untergang: Als die Boom-Branche zusammenbrach, riss sie auch ihren prominentesten Boten mit hinab
Mit dem Zerplatzen der E-Commerce-Seifenblase verdüsterten sich jedoch auch die Schlagzeilen in der Netz-Postille - die Werbungstreibenden reagierten mit dem Abzug ihrer Etats. Den drastischen Anzeigenrückgang dokumentierte der beständig schwindende Umfang: Im Februar 2000 zählte das Internet-Zentralorgan aus San Francisco noch stolze 228 Seiten. Im Mai 2001 kam das Magazin gerade noch auf 80.
Der "Standard" ist alles andere als ein Einzelfall. Diesseits wie jenseits des Atlantiks führte das Jahr 2001 zu einem heftigen Aderlass bei Web-Medien. "Red Herring" verschlankte sich etwa von 350 Seiten Umfang auf 120. Die Kult-IT-Bibel "Wired" konnte zu ihren besten Zeiten allein vor dem Inhaltsverzeichnis 72 Anzeigenseiten platzieren. Die aktuelle Ausgabe bringt es gerade mal auf 132 Seiten.
In Deutschland mussten neben dem Milchstraßen-Titel "Net-Business" etwa die zwei Münchner Objekte "Business 2.0" und "Net-Investor" sowie die Handelsblatt-Publikation "E-Business" aufgeben. "Tomorrow" und "E-Market" halbierten ihren Veröffentlichungsrhythmus.
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