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27. Februar 2013, 16:37 Uhr

YotaPhone

Dieses Smartphone spart Strom mit zwei Bildschirmen

Aus Barcelona berichtet

Auf der Handymesse in Barcelona zeigt ein Unternehmen aus St. Petersburg eine der spannendsten Mobilfunk-Neuheiten des Jahres. Das Smartphone soll länger durchhalten als jedes andere. Der Trick: Das YotaPhone hat ein zweites Display.

Die Idee ist eigentlich offensichtlich. Dass da noch niemand drauf gekommen ist: Das russische Unternehmen Yota Devices hat ein Smartphone entwickelt, das zur Abwechselung keine geringe Akkulaufzeit hat. Der Trick scheint auf den ersten Blick absurd. Statt eines größeren Akkus haben sie ein zweites Display eingesetzt.

Das allerdings ist ganz anders als normale Smartphone-Bildschirme. Strahlt vorne noch ein 4,3-Zoll-LCD-Bildschirm mit 1280 x 720 Punkten, ist auf der Rückseite des Handys ein E-Ink-Display eingebaut, wie man es von E-Book-Readern kennt. Es ist genauso groß wie der vordere Bildschirm, nur in schwarzweiß. Und es verbraucht nur einen Bruchteil des Stroms, den das vordere Display benötigt. Das zuletzt angezeigte Bild kann es sogar weiter darstellen, nachdem der Akku komplett leergesaugt wurde.

Eben diese Eigenheit will Yota nutzen, um Strom zu sparen: Bildschirminhalte, die nur selten oder gar nicht aktualisiert werden, sollen beim YotaPhone auf dem E-Book-Bildschirm angezeigt werden. Der vordere Bildschirm kann dann abgeschaltet werden. Da das Farbdisplay bei einem Handy meist für zwei Drittel bis drei Viertel des Stromverbrauchs verantwortlich ist, dürfte der Einspareffekt beachtlich sein. Wie groß er am Ende wirklich ist, lässt sich noch nicht sagen. Das Gerät, das wir uns angeschaut haben, war noch ein Prototyp.

Der Wimax-Pionier aus Russland

Aber das soll es nicht mehr all zu lange bleiben. Noch in diesem Jahr könnte es soweit sein. Der Zeitplan scheint realistisch zu sein. Nicht nur, weil der Prototyp schon recht zuverlässig läuft, sondern weil Yota schon einige Erfahrungen in der Entwicklung neuer Geräte hat - wenn auch auf anderem Gebiet. Bisher hat das Unternehmen in erster Linie Mobilfunkmodems hergestellt.

Yota wurde vor etwa fünf Jahren gegründet. Damals noch mit dem Ziel, Russland mit einem Mobilfunk-Netz auf Basis der Wimax-Technik zu überziehen. Wimax war damals als UMTS-Nachfolger angetreten, sollte große Bereiche mit schnellem Datenfunk versorgen. Am Ende blieb es aber bei Insellösungen. So wie jenen, die Yota 2008 in St. Petersburg und Moskau installierte. Hunderttausende Russen ließen sich für die Technik begeistern. Doch Wimax setzte sich nicht durch und wurde von LTE verdrängt.

Die Niederlage war so deutlich, dass Yota schließlich den Stecker zog und sämtliche Wimax-Geräte seiner Kunden von einem Tag zum anderen gegen LTE-Geräte austauschte. Das sei schon eine logistische Leistung gewesen, sagt der aus Dänemark stammende Geschäftsführer der Firma, Lau Geckler, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Trotz Hunderttausender Kunden und hochtrabender Ziele kann man Yota Devices immer noch als Start-up bezeichnen, bestenfalls als mittelständisches Unternehmen. 55 Mitarbeiter sind für die Firma tätig. Viele davon arbeiten im finnischen Oulu und waren früher für Nokia als Entwickler tätig. Andere bereiten in Singapur die Fertigung des neuen Mobiltelefons vor. Und wieder andere, wie der Deutsche Jens-Uwe Theumer, planen die Einführung des neuen Mobiltelefons in Europa.

Ein Bildschirm für die Einkaufsliste

Für das Spar-Display will Yota auch eigene Apps mitliefern, die die neue Technik besonders gut nutzen. Grundsätzlich aber lassen sich sehr viele bestehende Apps mit dem Elektrotinte-Bildschirm nutzen. RSS-Reader und Twitter sind perfekte Beispiele dafür: Sie werden zwar regelmäßig aktualisiert, aber eben doch nicht so oft, dass die gemächliche Geschwindigkeit des Bildschirms störend auffallen würde.

Und es gibt noch eine ganz besonders einfache Methode, Inhalte des Frontbildschirms auf den Rückbildschirm zu bringen. Dazu streicht man einfach mit zwei Fingern über das gerade angezeigte Bildschirmbild, und schon erscheint genau dieses Bild auf dem Schwarzweiß-Bildschirm. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Vom Aktienkurs bis zur Einkaufsliste oder dem Familienfoto lässt sich Vieles auf diese Weise dauerhaft und Strom sparend darstellen.

Den gewohnten Bedienkomfort bietet der sparsame E-Ink-Bildschirm aber nicht, ihm fehlt der Touchscreen. Als Ersatz dafür gibt es unter dem Display eine berührungsempfindliche Fläche, ähnlich dem Touchpad bei einem Notebook. Damit lassen sich einfache Gesten ausführen wie etwa das Umblättern in einem Buch. Man kann aber beispielsweise nicht Menüpunkte auswählen oder Symbole antippen. Ein wenig wird man sich also umgewöhnen müssen.

Wenn das YotaPhone gegen Ende des Jahres in den Handel kommt, soll es in Ausführungen mit 32 oder 64 GB Speicher zu haben sein und von einem Qualcomm-Snapdragon-S4-Prozessor angetrieben werden. Das entspricht der Ausstattung gehobener Smartphones. Der Preis soll dann auch auf dem Niveau solcher Geräte liegen, also irgendwo um oder über 500 Euro. Für das sparsame E-Ink-Display will das Unternehmen keinen Aufpreis verlangen. "Das gibt es kostenlos dazu", sagt Lau Geckler.

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