Chef des Videoportals "Kinder unter 13 Jahren sollten YouNow nicht nutzen"

YouNow steht seit Wochen in der Kritik, Jugendschützer und Politiker warnen vor dem Dienst. Im Interview erzählt Firmenchef Adi Sideman, dass ihn die Debatte in Deutschland überrascht hat.

Ein Smartphone genügt: Öffentlicher Videostream mit YouNow
DPA

Ein Smartphone genügt: Öffentlicher Videostream mit YouNow


Livestream aus dem Kinderzimmer: Auf der Videoplattform YouNow präsentieren sich vor allem Minderjährige. Dabei beantworten sie die Fragen ihrer Zuschauer, die sich per Chat zu Wort melden. Einige Kinder geben dabei Privates preis, andere werden sexuell belästigt.

Dennoch steigen die Nutzerzahlen: 700.000 Deutsche sind bereits bei YouNow angemeldet, weltweit nutzen laut Unternehmensangaben täglich zwei Millionen Menschen den Dienst. Adi Sideman ist der Chef der Videoplattform.

Frage: Herr Sideman, haben Sie Kinder?

Sideman: Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet. Aber nein, ich habe keine Kinder. Warum?

Frage: Angenommen, Sie hätten welche: Was würden Sie tun, um sie fit für den Umgang mit Ihrer Plattform zu machen?

Sideman: Ganz einfach: Ich würde ihnen sagen, dass sie im Internet nichts preisgeben sollen, das sie nicht auch im echten Leben preisgeben würden. Dabei geht es nicht nur um YouNow. Das gilt ganz generell. Das Internet ist ein öffentlicher Platz, das kann gefährlich sein.

Frage: In Deutschland gibt es eine hitzige Debatte um YouNow. Hat Sie die Schärfe der Diskussion überrascht?

Sideman: Ehrlich gesagt schon. Wir waren darauf nicht vorbereitet. Das ist der Grund, warum es einige Zeit gedauert hat, bis wir reagieren konnten. Natürlich gab es auch in anderen Ländern kritische Stimmen, aber in Deutschland waren die Reaktionen schärfer.

Frage: Politiker empfehlen Eltern, ihren Kindern den Umgang mit YouNow zu verbieten.

Sideman: Ich stimme vollkommen zu. Kinder unter 13 Jahren sollten YouNow nicht nutzen. Aber dieses Problem ist ja nicht neu. Wir haben das Internet nicht erfunden, sondern halten uns an die Spielregeln. Facebook, Twitter und all die anderen sind von 13 Jahren an zugelassen.

Frage: Dort werden Minderjährige aber nicht live vor einer Kamera zum Strippen animiert.

Sideman: Solche Dinge kommen nur selten vor. Wenn Sie jetzt auf YouNow gehen würden, würden Sie keine nackten Menschen sehen, niemand würde strippen. Nur weil irgendwer, irgendwo, mitten in der Nacht eine nackte Person findet, nachdem er tagelang danach gesucht hat, heißt das nicht, dass wir einen schlechten Job machen.

Frage: Wie wollen Sie für Jugendschutz auf der Seite sorgen?

Sideman: Wir haben Moderatoren, die überall auf der Welt sicherstellen, dass keine Regelvorstöße vorkommen. Allein in Deutschland sind es mehr als ein Dutzend. Wir möchten eine sichere Gemeinschaft schaffen. Das kann aber nur funktionieren, wenn auch die Nutzer dazu beitragen und auffällige Aktivitäten melden.

Frage: Trotz aller Kritik wächst YouNow schnell. Warum?

Sideman: Richtig, unsere Nutzerzahlen wachsen stetig und das Nutzerspektrum ist weit: Es geht von Menschen, die nicht einsam sein wollen und jemanden zum Chatten suchen, bis hin zu Künstlern, die über unsere Plattform finanziellen Gewinn erzielen. Klar gibt es aber auch bei vielen den Wunsch, berühmt zu werden.

Zur Person
Adi Sideman ist in Israel geboren und gilt als Pionier auf dem Gebiet von nutzergenerierten Web-Inhalten. Vor YouNow war der 44-Jährige an der Gründung von drei anderen erfolgreichen Internet-Start-ups beteiligt. Sideman hat interaktive Kommunikation an der New York University studiert und ist seit 2011 YouNow-Geschäftsführer. 2014 hat er das Unternehmen vor der Pleite bewahrt, indem er eine Investorengruppe beteiligt hat, die bereits Apple und Twitter in deren Gründungsphase unterstützt hatte.

Das Interview führte Markus Ehrlich, dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.