Goldene Kamera Senioren räumen YouTuber-Preis ab

Die Schokoladenseite von YouTube-Deutschland: In Berlin wurde jungen, aber auch schon etwas älteren Webstars Goldene Kameras verliehen. Ein Gala-Abend mit Freudentränen - und einem Beigeschmack.

Webstars von "Senioren zocken", links steht Evelyn Gundlach
CLEMENS BILAN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Webstars von "Senioren zocken", links steht Evelyn Gundlach

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YouTube in Deutschland, das wirkt oft wie ein außer Kontrolle geratenes RTL2: Kilian Heinrich alias "Tanzverbot" schimpft im Bademantel über das Klopapier auf der McDonald's-Toilette, der selbsternannte "King of Prank" Leon Machère führt vor der Kamera Menschen vor, die ohnehin kein leichtes Leben haben. Dazwischen erzählt Kelly MissesVlog von ihrem 400-Euro-Pullover. Und auf Clickbait-Titel und Halbnackt-Vorschaubilder folgen irgendwann Fernsehreportagen aus den Neunzigerjahren, oder, wenn es schlecht läuft, rechte Verschwörungstheorien. Auf YouTube hängt alles mit allem zusammen.

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Doch die Webvideoszene bietet auch viel Vorzeigbares. Das bewies am Donnerstag eine Gala in Berlin, der YouTube Goldene Kamera Digital Award. In Kooperation mit YouTube zeichnete die Funke Mediengruppe hier in acht Kategorien Netz-Kreative aus. Fast alle Nominierten liefen in schicker Abendgarderobe über den roten Teppich zum Digitalwelt-Ableger des angeblich "wichtigsten Medienpreises" Deutschlands.

Gekommen war allerdings nicht jeder: Die zwei namentlich bekanntesten nominierten YouTuber Gronkh und Julien Bam hatten offenbar andere Pläne und rührten auch bei ihren Millionen Fans nicht die Werbetrommel für den Funke-Award.

Was machen die Laras hier?

Goldene Kameras für YouTuber gab es schon 2017, damals jedoch ohne Gala. Dieses Jahr wurde für die tausend Zuschauer im Kraftwerk Berlin so ziemlich alles aufgefahren, was man von Fernsehpreisen kennt, von riesigen Videoleinwänden über Live-Acts wie Revolverheld bis hin zum Bühnenfeuerwerk.

Gezeigt wurde die Verleihung ausschließlich online, dabei hätte sie auch ins Fernsehen gepasst. YouTube-Assoziationen weckte letztlich nur ein Überraschungsauftritt von zehn Lara-Croft-Doubles, garniert mit "Tomb Raider"-Spielszenen, der zur Gaming-Kategorie hinführte: Bei einem normalen Onlinevideo wäre er als plumpe Produktplatzierung kritisiert worden, schließlich ist zufällig gerade das neueste Croft-Spiel erschienen.

Sympathische Senioren

Haben YouTube-Fans oder -Kritiker etwas verpasst, wenn sie die hundert Minuten nicht gesehen haben? Jein. Eine Preisübergabe war tatsächlich rührend: In der Kategorie "Let's Play & Gaming" entschied sich die Jury für den Kanal "Senioren zocken", auf dem sich ältere Menschen beim Videospielen filmen lassen - und das für mittlerweile 370.000 Abonnenten. Die Spiele-Späteinsteiger sind oft schon mit der Steuerung überfordert, aber immer sympathisch.

Im Saal gab es spontan stehende Ovationen für das Senioren-Quartett, das den Preis stellvertretend auch für weitere Mitspieler entgegennahm, auf der Bühne flossen Freudentränen. Und es wurde ausgeplaudert, dass beim Dreh schon mal eine Wärmflasche gereicht wird.

Eins der Kanal-Gesichter, die 87-jährige Evelyn Gundlach, sagte dem SPIEGEL später, sie fasse es kaum, ausgerechnet mit den Spieleclips eine Goldene Kamera gewonnen zu haben: "Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt 'Das kann nicht sein'." Gefragt, ob sie vor der Videoreihe etwas mit Games zu tun hatte, sagt Gundlach, die sich auch gern ohne Gamepad filmen lässt: "nüscht".

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Wo Eko Fresh über Heimat spricht

Stehend applaudiert wurde im Berliner Saal sonst nur noch für Bastian Asdonk, der für seine Idee zum bereits mit einem Grimme-Preis ausgezeichneten Videoprojekt "Germania" hier nun einen "Special Award" bekam. Auf dem YouTube-Kanal reflektieren Menschen verschiedenster Hintergründe über Themen wie Deutschland und Heimat, darunter Prominente wie der Rapper Eko Fresh.

Weitere Preise gingen an die Berliner Verkehrsbetriebe ("Brand Channel"), die Fußball-YouTuber von Freekickerz ("Sports"), die Erklärvideo-Macher von "Kurzgesagt - In a Nutshell" ("Education & Coaching"), den für seine Selbstversuche bekannten Tomatolix ("Review & Information") und die Filmexperten Jay & Arya ("Comedy & Entertainment"), die allen dankten, die ihren "Shit" schauen.

In der Kategorie "Music Act" wurde der Sänger Moritz Garth ausgezeichnet. Ihn, in Kapuzenpulli und Lederjacke auf Bühne, wähnte die Regie schon auf dem Weg zurück ins Publikum, als ihm im Anschluss an seine Dankesrede noch die Idee kam, nach allerlei anderen Personen auch seine Fans zu erwähnen. Die Musik wurde gestoppt, er holte das sinnvollerweise nach, denn ausschließlich in seiner Kategorie gab es ein Onlinevoting, das ihn zu einem der drei Nominierten gemacht hatte.

Preise für Jurymitglieder

Alle in Berlin vergebenen Preise gehen in Ordnung: Die Ausgezeichneten stehen für die kreative, positive Seite von YouTube oder wie Tomatolix, "Germania" und "Kurzgesagt" sogar für eine ernsthafte, bildende. Trotzdem hat die Auswahl einen Beigeschmack. Denn zu den 20 Jurymitgliedern zählten neun im engeren Sinne Videokünstler - von ihnen wurden sechs selbst nominiert, zwei Projekte mit Jury-Vertretung gewannen letztlich einen Preis. Eine ungewöhnliche Konstellation.

Auf SPIEGEL-Nachfrage erklärte die Funke Mediengruppe, die Jury habe sich in Hamburg persönlich getroffen, Produktionen von Jurymitgliedern seien in der Vorauswahl nicht ausgeschlossen worden, "das wäre unter fachlichen Aspekten ebenso unglücklich wie nicht sachgerecht". Habe sich ein Jury-Mitglied nach der ersten Abstimmungsrunde unter den drei Nominierten wiedergefunden, habe er bei der Wahl zum Kategorie-Gewinner allerdings nicht mitwirken dürfen, heißt es.

So richtig überzeugt diese Erklärung nicht, denn zumindest in der Kategorie "Education & Coaching" hätte es wohl keinen Unterschied gemacht, wenn jeder auch für sich selbst hätte stimmen dürfen: Hier waren ausschließlich Kanäle nominiert, deren Macher in der Jury saßen.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
geotie 28.09.2018
1.
Fernsehen ist professionell gemacht mit viel blabla. Web Clips sind unprofessionell mit viel blabla. Ich schau nach Möglichkeit kaum etwas, das Leben ist für so was viel zu schade!
NauMax 28.09.2018
2.
Zitat von geotieFernsehen ist professionell gemacht mit viel blabla. Web Clips sind unprofessionell mit viel blabla. Ich schau nach Möglichkeit kaum etwas, das Leben ist für so was viel zu schade!
Aber Kolumnen und Berichte darüber kommentieren Sie dennoch? Ist Ihnen Ihre Zeit dafür nicht zu Schade? Kann man doch viel sinnvoller im Hamsterrad, ähh ich meine natürlich mit dem Ausbau der Karriere und sonstigen Selbstoptimierungen verbringen...
geotie 28.09.2018
3.
Schau gerne mal rein um was Neues zu sehen. Katzen- und Hundevideos und was es noch so gibt, das ist wirklich Hamsterrad. Und um hier zu schreiben ist nur Mitteilung, etwas um darüber (hoffe ich doch) nachzudenken. Hoffe, Ihnen passiert das auch!
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