YouTube-Kult: Polen-Borat im Proll-Pulli

Von Sandra Voglreiter

Er stammelt, guckt hilflos, ist völlig überfordert - und dann auch noch dieser Pullover! Die Welt amüsiert sich auf YouTube über einen verstörten Junggesellen, den polnische Rechtsradikale ernsthaft als Bürgermeisterkandidaten aufgestellt hatten. Er scheiterte. Aber jetzt ist er Kult.

Krzysztof Kononowicz sitzt an seinem Küchentisch mit der rot-weiß-karierten Decke und erklärt mit ausufernden Gesten einer Schar von Journalisten seine politischen Ziele. Die Kamera des polnischen Fernsehens schwenkt kurz nach rechts auf seine Mutter, eine bucklige, alte Frau mit Kopftuch und tiefen Furchen im Gesicht. Sie lebt auch in dem Holzhaus in Bialystok. Kononowicz ist binnen einer Woche eine Berühmtheit geworden.

Diese Fernsehansprache machte Krzysztof Kononowicz berühmt - der Pullover wurde sein Markenzeichen
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Diese Fernsehansprache machte Krzysztof Kononowicz berühmt - der Pullover wurde sein Markenzeichen

Viel Aufmerksamkeit für einen Mann, der am vergangenen Wochenende irgendwo im äußersten Nordosten Polens als Bürgermeisterkandidat antrat. Er verdankt sie einem Fernsehauftritt, dem Internet und nicht zuletzt seinem Pullover.

Fast dreieinhalb Millionen Menschen weltweit haben sich bisher über das Wahlkampf-Video von Kononowicz lustig gemacht, geärgert oder einfach nur gestaunt. Zu sehen: Ein kurzatmiger, dicklicher Mann, der in sehr ländlichem Polnisch erklärt, er wolle "Autofahrer bestrafen für Trinken, Rauchen und� für alles". Er stammelt, guckt hilflos, ist völlig überfordert. Nach ein paar Tagen gab es eine neue Version, mit englischen Untertiteln. Was gar nicht nötig war, denn die ungewollte Komik des Auftritts war auch ohne Polnisch-Kenntnisse offensichtlich.

Kononowicz-Fanartikel sind der Renner

Bei einigen YouTube-Nutzern weckte Kononowicz Erinnerungen an den Film "Borat". So bezeichnet ihn emopope als "Borats dicken Vater". hiker 64 wünschte sich: "Bitte... Ich will diesen Pullover kaufen."

Den Pullover gibt es mittlerweile bei Allegro, einer polnischen Online-Auktionsplattform - sogar in verschiedenen Größen und farblichen Varianten. Dort wurde im Übrigen auch ein Ölgemälde mit Kononowiczs Abbild versteigert. Mehr Fanartikel bietet die neu eingerichtete Kononowicz-Fanseite im Internet an. Dort kann man für 29 Zloty (umgerechnet gut sieben Euro) eine Tasse mit Kononowicz-Konterfei bestellen. Und alle Fernsehauftritte immer wieder ansehen.

Kononowicz, 43, Junggeselle, ist ein schlichter Mann. Er redet schlicht, er kleidet sich schlicht, er sagt schlichte Dinge. Die polnische Zeitung "Rzeczpospolita" berichtet von Nachbarn, die Kononowicz für "zurückgeblieben" halten: Er mache immer, was man ihm sage. Ihm würden gern mal Streiche gespielt. Auch auf YouTube vermuteten einige Kommentatoren einen gemeinen Streich hinter Kononowicz' Aufstellung.

"Die Demokratie lässt alle ran, sie ist wie eine Nutte"

In Wahrheit steckt mehr dahinter. Adam Stanislaw Czeczetkowicz hat sich Kononowicz ausgeguckt, um ihn für das Komitee "Podlachia für das 21. Jahrhundert" antreten zu lassen. Podlachia ist der Bezirk, in dem Bialystok liegt, etwa 180 Kilometer nordöstlich von Warschau nahe der Grenze zu Weißrussland. Czeczetkowicz ist Vorsitzender dieses Komitees.

Der 30-Jährige mit den langen Haaren gehört zur polnischen Nationalistenszene, laut "Rzeczpospolita" ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung gegen ihn. Czeczetkowicz sagte der Zeitung, er habe Kononowicz zur Kandidatur überredet und dann das Video ins Internet gestellt. "Das Fernsehen hat uns boykottiert, das Radio hat uns ignoriert - das Internet ist demokratisch. Und das wollten wir ausnutzen." Wobei er zur Demokratie ein besonderes Verhältnis hat: "Die Demokratie lässt alle ran, sie ist wie eine Nutte."

Der Plan des Nationalisten war: Wenn Kononowicz gewinnt, zieht er die Fäden. In der Stadt nennen die Leute Kononowicz den "Frankenstein der Nationalisten". Um festzustellen, dass er kein politischer Mann ist, muss man nur die Videos ansehen.

Zwei Prozent für den Popstar aus dem Internet

Der Fall ist ein besonders bizarres Beispiel für die Hype-Kultur im Internet. Innerhalb kurzer Zeit wurde Kononowicz ein unfreiwillig komischer Held mit Fanclub und Memorabilien - innerhalb kurzer Zeit wird der Zauber wohl wieder vorbei sein. Dazwischen ergötzen sich die Zuschauer am Nicht-Fachmännischen, Unperfekten. "Es gibt so was wie einen Bonus für unpolitisches Auftreten, nach dem Motto 'Einer von uns'", sagt Professor Karl-Siegbert Rehberg, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Je größer die Politikverdrossenheit, umso eher bekämen Witz-Kandidaten Stimmen - zum "Abreagieren".

Czeczetkowiczs Plan, mit Hilfe seines Maskottchens Kononowicz die Macht zu übernehmen, ist allerdings nicht aufgegangen. Der komische Kandidat brachte es am Wochenende auf zwei Prozent der Stimmen. So leicht es ist, im Netz mit Trash-Propaganda ein Millionenpublikum zu erreichen - so wirkungslos verpufft sie, wenn die Lacher verhallen. Krzysztof Kononowicz dürfte bald wieder sein altes, schlichtes Leben führen.

Falls er nicht Gefallen gefunden hat an der großen Politik.

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