YouTube-Netzwerke Y-Tittys heimliche Strippenzieher

YouTube-Künstler sind Einzelkämpfer? Das war einmal. Heute schließen sie sich zusammen, arbeiten zunehmend professionell, es geht um Reichweite und Einnahmen. Allein das größte deutsche Netzwerk ist für Hundert Millionen Abrufe pro Monat verantwortlich.

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Hamburg - Die Zukunft des Fernsehens entsteht in einem roten Backsteinhaus im Hamburger Bahnhofsviertel. In der Nachbarschaft von Callcentern und Fast-Food-Läden gelegen, beherbergt es seit Anfang des Jahres die Zentrale der TubeAgency.

Die Firma des Medienberaters Jan Rode möchte Stars der Onlineplattform YouTube noch bekannter machen. Die Kanäle von YouTube-Unterhaltern wie Alberto und DieAussenseiter sollen verknüpft werden, um einander Fans zuschieben zu können. Ein Verfahren, das Klicks generiert - und damit auch die Einnahmen der Web-Künstler steigert.

Seit vier Jahren können Nutzer auf YouTube hierzulande Geld verdienen. 2008 hat die Google-Tochter das Partnerprogramm für den deutschen Markt geöffnet. Künstler werden an den Werbeeinnahmen beteiligt. Je mehr Zuschauer (oder Follower) man hat, desto mehr Geld erhält man. Die genauen Gehälter sind Vertragsgeheimnis, doch mancher Künstler kann sich allein durch die Klicks finanzieren.

Produktionsfirmen und TV-Sender

Einige der erfolgreichsten Stars arbeiten für Jan Rode. Der Hamburger Komiker Albert Bruhn etwa, der im Internet als Alberto Berühmtheit erlangt hat. Seine Sketche über Ghetto-Rapper oder Chicken-Wings-vernarrte Gamer erreichen ein sechsstelliges Publikum. Oder das Duo DieAussenseiter, das eine Online-Show betreibt, in der es sich über Sänger wie Justin Bieber lustig macht.

Doch TubeAgency will mehr sein als reine Verbindungsstätte. Sie sucht Werbepartner für ihre Künstler. Außerdem ist die Zentrale mit einem Filmstudio ausgerüstet, in dem die Stars ihre Videos drehen können. Statt zu Hause zu filmen, erhalten sie professionelle Hilfe, teilen sich das Equipment und treten gegenseitig in den kurzen Clips auf.

YouTube-Netzwerke übernehmen somit immer häufiger die Aufgaben von Agenturen und Produktionsfirmen. Das Vorbild kommt wie bei fast allen Social-Media-Entwicklungen aus den USA. Dort beschäftigen die großen Netzwerke wie Machinima oder Maker Studios nicht nur Entertainer, sondern auch Kameramänner, Cutter, Drehbuchautoren.

Einen Global Player gibt es auch in Deutschland: das Kölner Unternehmen Mediakraft Networks. Gegründet wurde die Firma unter anderem vom Webvideo-Veteranen Christoph Krachten, der auf YouTube einen Interview-Kanal betreibt. Mittlerweile vereint Mediakraft Networks nach eigenen Angaben mehr als 200 Kanäle und kommt auf über hundert Millionen Views pro Monat. Außerdem investiert es Geld in neue Studios, damit seine Stars unter professionellen Bedingungen drehen können. Auf seiner Homepage wirbt Mediakraft Networks für sich als "Deutschlands größter TV-Sender im Internet", der 45 Prozent der Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren erreiche.

Erwachsene müssen draußen bleiben

Dass YouTube-Künstler ein U30-Fernsehen machen, wird deutlich, wenn man sich das erfolgreichste Zugpferd von Mediakraft ansieht: das Comedy-Trio Y-Titty. In ihren allwöchentlichen Beiträgen beschäftigen sich Phillipp Laude, Oguz Yilmaz und Matthias Roll mit Jugendkultur, parodieren bekannte Lieder, stellen Videospiele im Real Life nach oder bewerben Sinnlos-Produkte. Ihre Verballhornung "Opa Gandalf Style" wurde schon mehr als 8,9 Millionen Mal angeschaut.

Schräge Komik liegt auch der Internet-WG "Ponk" zugrunde, einem der ersten deutschen "Original Channels". So nennt YouTube Shows, die speziell für die Seite entwickelt und von der Videoplattform finanziert wurden. "Ponk" wird ebenfalls von Mediakraft Networks betrieben, Künstler wie Y-Titty haben Gastauftritte.

Ein typischer "Ponk"-Sketch beginnt mit einer Frage, die Fans im Internet gepostet haben. Zum Beispiel, wer von der Wohngemeinschaft die besten Skripte schreibt. Als Antwort sieht man, wie der WG-Kater Pikachu auf die PC-Tastatur gelegt wird. Der Text, der auf dem Bildschirm erscheint: "Jan hat'n kleinen..." Fertig ist der Penis-Witz. Der übrigens schon mehr als 337.000 Mal angeklickt wurde.

"Es ist ein Humor, den viele Erwachsene nicht verstehen", sagt Medienfachmann Bertram Gugel. "Doch bei Teenagern kommen die Sketche an." Gugel hat sich auf seinem Blog verstärkt mit der Video-Plattform auseinandergesetzt. Er sieht in YouTube-Netzwerken die ideale Form, um junge Zuschauer anzusprechen.

Gleichzeitig verändert die Professionalisierung auf YouTube die Spielregeln für Filmemacher. Vor allem neue Talente haben es schwer, Fuß zu fassen, wenn sie keinem Netzwerk beitreten und so von erfolgreichen Künstlern gefördert werden. Dementsprechend viele Anfragen landen bei den Netzwerk-Betreibern. Für Let's-Play-Kanäle ist das Unternehmen IDG Communications Media AG Ansprechpartner, das Stars wie Gronkh und Sarazar vertritt. Bei Mediakraft Networks melden sich vor allem Komiker, Sportgurus oder Fashionistas, die im Stil der Berlinerin Nilam Farooq alias daaruum Styling-Tipps geben wollen.

Späte Einsicht der analogen Sender

Und die klassischen Fernsehanstalten? Sie haben - wenn auch spät - den Trend erkannt und versuchen, ins YouTube-Geschäft einzusteigen. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben ihre eigenen Kanäle, auf denen sie ausgewählte Beiträge hochladen. Doch das sei zu wenig, sagt Gugel: "Bei YouTube reicht es nicht, Filme reinzustellen und zu warten, dass sie entdeckt werden." Man müsse Werbung machen, bestenfalls während der Produktion erste Clips zeigen. Und vor allem die Community an der Entstehung teilhaben lassen. So wie Y-Titty, die ihre Fans befragen, welche Videos sie als nächstes drehen sollen.

Einen anderen Weg gehen die privaten Kanäle. RTL und ProSiebenSat.1 versuchen, auf ihren digitalen Plattformen mit YouTube-Stars zu arbeiten. Gerade ist TubeAgency-Gründer Jan Rode in Verhandlungen mit ProSiebenSat.1, um eine Comedy-WG mit Alberto und dessen Kollegen Simon Desue zu starten. Die Show trägt den Arbeitstitel "Desperate Housemen" und soll auf der zur Sendergruppe gehörenden Plattform MyVideo laufen, bevor sie ihren Weg zu YouTube findet. Beworben wird sie im Fernsehen.

Genau dort treten die YouTube-Stars immer häufiger auf. Die Jungs von Y-Titty zum Beispiel sind in diesem Jahr für den Echo nominiert - mit ihrem Musikvideo "Der letzte Sommer". Sie könnten dafür sorgen, dass am 21. März wieder mehr junge Zuschauer das TV-Gerät einschalten.



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
civpick 07.03.2013
1. ...
"Sie haben - wenn auch spät - den Trend erkannt und versuchen, ins YouTube-Geschäft einzusteigen". Wen wundert das? Was den Umgang mit "neuen" Medien angeht befinden sich die deutschen Fernsehanstalten noch im Mittelalter. Meine Vermutung is das Plattformen wie Netflix und Hulu irgendwan ihren Weg in unsere Lande finden und dann hat sich das eh mit den deutschen Privatsendern. Ard und ZDF koennen sich dank GEZ retten.
Putenbuch 07.03.2013
2. Wenigstens...
VERDIENEN die mit ihrer Arbeit Geld, während die ÖR nur Geld kostet, und sich sein Einkommen und fette Pensionen zur Not auch mit Gewalt vom Bürger holt.
Sidan 07.03.2013
3. optional
Ich bin 25 und habe sowohl den Y-Titti-Jungs als auch Alberto eine Chance gegeben, aber was da als Comedy verkauft wird, geht auf keine Kuhhaut. Mit U-30 ist die Zielgruppe viel zu hoch angesetzt, die ist wohl eher auf dem Schulpausenhof anzusiedeln. Was ja nichts Schlechtes an sich ist, denn die Jugend ist extrem Youtube-affin und generiert daher die meisten Klicks. Im Fernsehen wird so ein einfacher und kindischer Humor aber keine Chance haben, so platt wie die "Opa Gandalf Style" ist nicht einmal Mario Barth, und das will was heißen.
BlakesWort 07.03.2013
4.
Bitte nicht diesen Hype um Y-Titty. Die Jungs sind lustig, aber die Hälfte ihrer Arbeiten sind Plagiate anderer youtube-Hits. Sie haben die Gunst der Stunde genutzt, hypen muss man sie deswegen nicht.
Steuerzahler0815 07.03.2013
5.
Warum so negativ. Diese Kanäle haben Budgets in maximal 6-7 stelliger Höhe haben aber eine Reichweite die durchaus mit dem kleienrer TV-Sender mit 100 fachen Budget zu vergleichen sind
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