YouTube Nur falsch ist wirklich echt

Über Monate war lonelygirl15 ein Darling der YouTube-Nutzer und der Medien. Jetzt entpuppt sie sich als Marketing-Gag - und entzaubert den Mythos der YouTube-Community. Die Eroberung des Web 2.0 durch die Kommerzwelt stellt alles in Frage.

Von


Das Märchen von lonelygirl15 geht so: Irgendwo in diesem großen, großen Land namens USA lebte und lebt ein einsames Mädchen von 15, 16 Jahren. Ihre Eltern gehören einer gestrengen Religion an - weshalb sie keine Schule besucht, kaum Freunde hat, nicht zu Partys geht. Sie wird daheim unterrichtet und verlässt das Haus nur selten. Kontakte darf sie nur zu wenigen Menschen halten.

lonelygirl15 alias Bree: Web-Beichte eines Teenagers - oder Massenverführung durch eine bezahlte Schauspielerin?

lonelygirl15 alias Bree: Web-Beichte eines Teenagers - oder Massenverführung durch eine bezahlte Schauspielerin?

Dann kam YouTube, und das einsame Mädchen begann, die Schicksale der anderen Menschen zu verfolgen. Im Mai antwortete sie zum ersten Mal auf ein YouTube-Video, stellte einen eigenen Film ins Netz. Damit fing eine Geschichte an, die in den kommenden Monaten YouTube und zunehmend auch die Medien beschäftigen sollte. Sie begann als Liebesgeschichte der Community mit der einsamen Schönen - trug aber rasch Untertöne, die in Richtung Drama wiesen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Fragen aufkamen.

Erster Akt: Bree verführt YouTube

Lonelygirl15 rückte in den Fokus der YouTube-Gemeinde, weil sie in ihren Postings Bezug nahm auf prominente YouTuber - so macht man das. Es verging nicht viel Zeit, bis sie selbst prominent wurde: Wer war dieses hübsche, stets adrette und nahezu perfekt geschminkte Mädchen? Was hatten ihre seltsamen Andeutungen über ihre "Religion" zu bedeuten? Lebte sie ein privilegiertes Leben in einem goldenen Käfig - oder wurde sie regelrecht gefangen gehalten, eingebettet in das Leben einer seltsamen, vielleicht sinistren Sekte?

Bree, so sollte lonelygirl15 wirklich heißen, drängte ihren virtuellen Freunden solche Theorien nicht auf. Bald gab es passend zum YouTube-Auftritt auch ein MySpace-Profil. Ein lockerer, netter Teenager, schien es. Ein Mädchen, das nicht unbedingt Andeutungen machte, sondern sich hier und da vielleicht verquatschte - und stets schüchtern einen Rückzieher machte, wenn man sie zu Erklärungen drängte.

Im Frühsommer 2006 entstanden erste Foren, in denen über Bree diskutiert wurde. Aus ihrer Stamm-Zuschauerschaft, die sich rapide der Halbmillionen-Grenze näherte, entstand der Kern einer kleinen Fanbewegung. Auf dem Höhepunkt des lonelygirl15-Hypes wurde sie zur zweitpopulärsten, aber meistgesehenen Person bei YouTube.

Zweiter Akt: Die Zeit der Fragen

Spätestens im Juli aber nahmen die drängenden Fragen überhand. Auf der Wand hinter lonelygirl/Bree erschien, stets sichtbar, ein Porträt von Aleister Crowley. Das Bild eines Okkultisten (eines Satanisten für viele Christen) mitten im Zimmer eines behüteten Mädchens - das in einem Land lebt, in dem man "Religion", die "nicht Mainstream" ist, fast sofort mit Fundamentalchristentum verbindet? Was ging da vor sich?

"Daniel": Kumpel, Killer?

"Daniel": Kumpel, Killer?

Auch Bree veränderte ihr Verhalten. Sie nahm kaum noch Bezug zu anderen Dingen, die auf YouTube vorgingen. Bis Ende August wirkte sie wie aus der Zeit genommen: Sie kommentierte nichts mehr im Zeitgeschehen, beantwortete keine Fragen mehr, gab stattdessen ihren Fans immer neue auf.

Bald schon, verriet sie in einem Posting, müsse oder dürfe sie an einer äußerst geheimen religiösen Zeremonie teilnehmen: "Noch nicht einmal meine Eltern dürfen dabei sein." So eine Art Konfirmation oder Bar Mitzwa sei das, sagte sie. Nur dass sie dafür auf Diät gehen müsse, nerve sie doch. Bree ist ein pubertierender Hungerhaken, die man ihren Webcam-Bildern nach zu urteilen auf nicht mehr als 50 Kilo schätzen würde.

Was passierte da?

Dritter Akt: Die Zeit der Skeptiker

Längst hatten lonelygirls Postings auch für ihre Zuschauer so etwas wie einen Seriencharakter gewonnen. Immer tiefer gerieten die Einblicke in ihre Lebens- und Denkwelt. Mit "Daniel" war eine Figur eingeführt worden, die für zusätzliche Spannung sorgte. Der stoische Junge, machte Bree klar, sei in sie vernarrt. Dass man den Eindruck bekam, er sei zudem etwas seltsam - dafür sorgten die beiden gemeinsam.

Schon im Juni war in Diskussionsrunden erstmals das Stichwort "Blair Witch Project" gefallen. Sollte es möglich sein, dass das alles eine riesige Fälschung war? Dass da jemand ganz gezielt die YouTube-Community aufs Glatteis führte? Dass Bree nichts anderes sei als eine Marketing-Aktion für irgendein abgefahrenes Horrorstück?

Hinweise in diese Richtung gab Bree in ihren Postings immer wieder. Zugleich schienen die Postings im Laufe der Zeit an Professionalität zuzunehmen. Als regelrechten Wink mit dem Zaunpfahl empfanden da viele das kontroverse "Swimming"-Video Ende August:

Konnte das noch Laienarbeit sein? Die skeptischen Fragen häuften sich. Kaum zufällig erschienen mit die ersten Artikel, die auf dieser Ebene argumentierten, auf der Webseite des "Alternative Reality Gaming Network". Bald schon schwappten sie hinüber in die klassischen Medien.

Im Juni hatte es erste Hinweise in der Presse gegeben, dass sich mit lonelygirl15 bei YouTube "der Hype der Saison" ankündige. Einen Monat später kamen dann auch die Zweifel in der Medienwelt an: Wie in der YouTube-Community ging die Diskussion nun zu dem Thema über, ob und wie der "Fall lonelygirl15" das Konzept von Identität in Frage stelle. Im August begannen findige Blogger und Journalisten gezielt, in der Filmszene nach einer Bree-Verbindung zu suchen.

Doch anders als die Medien, die sich vor allem für die Frage "Betrug oder nicht?" interessierten, gingen die YouTuber sehr ambivalent mit dem Thema um. Das liegt in der Natur der Sache.

"Broadcast yourself" lautet das Motto von YouTube, und natürlich ist alles in dieser Welt des Selbstmach-Fernsehens ein wenig artifiziell. Für die Community macht das einen Teil des ganzen Spaßes aus: Dass lonelygirls Videos viel zu professionell produziert schienen, all die Andeutungen, die Stringenz eines langsamen Story-Aufbaus - all das empfanden viele als ganz besonders cool. Wo würde das hinführen? Andere Teile der Community hielten dagegen: Für sie hatte sich Bree längst zum Idol entwickelt. Bree musste wahr sein.

Die meisten aber spielten selbstironisch mit. Anfang August schlug YouTube-Mitglied Daniel Gardner vor, ein von ihm gesungenes Liedchen zur offiziellen Titelmelodie der lonelygirl15-Videos zu machen:



Forum - Das Mitmach-Web: Medienrevolution oder Seifenblase?
insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Spiritogre, 13.04.2006
1.
Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. Aber es ist ein interessantes Modell. Statt sich eine Software zu kaufen kann man z.B. Bildbearbeitung online (kostenlos aber mit Werbebannern auf der Seite) machen. Wichtig für die Zukunft ist eine schnelle Internetverbindung sowohl beim Download als auch beim Upload (da haperts bei den deutschen Angeboten erheblich) sowie natürlich geringe Latenzzeiten. Was die Industrie am Ende daraus macht, sowohl die Anbieter solcher Dienste als auch irgendwann mal die deutschen Internetprovider steht allerdings auf einem anderen Blatt. Etwas Zurückhaltung ist angebracht da die Industrie gerne mal die Chancen überbewertet - falsche Ideen wie kostenpflichtige bzw. zu teure Angebote die keine konkurrenz zu normaler, stationärer Software sind etwa.
SirRobin 13.04.2006
2. Datenschleuder Web 2.0
Jaja, die Interaktivität... da wundert es einen doch, das das Mitmach-Fernsehen nie funktioniert hat... Was aber viel schwerer wiegt bei all der Web 2.0-Nummer: Datensicherheit. Die Idee hinter Ajax und Co. ist ja, dass Nutzer im Browser künftig Anwendungen laufen lassen, die bislang nur auf dem Desktop liefen jetzt online verfügbar sein solle/werden/können... egal. Die Mail Applikation von live.com von MS als Beispiel, die quasi ein Outlook ist oder werden soll. Soweit OK das mit den Mails, aber wer will seine Geschäftsbriefe oder seine Excel-Sachen ONLINE bearbeiten? Da muss die Verbindung schon recht sicher sein und der Server auch, damit solche Anwendungen genutzt werden können. Firmen werden sich nach web 2.0 Bookmarks von Usern die Finger lecken - welch wunderschönes persönliches Nutzerprofil... Perfekt für den nächsten SPAM-Anlauf. Web 2.0 ist keine Spielerei, oder ne "Ich klick mal mit"-Geschichte. Da stehen wichtigen Anwendungen dahinter die noch das eine oder andere zu diskutieren geben werden. Wird spannend werden...
jimKn0pfEnhanced, 13.04.2006
3. Welcome 2 teh future^^
Irgendwann beginnt Jeder selbstständig agierende Mensch sich vom alten TV Medium zu lösen. Statt wie gehabt sich ausschließlich berieseln zu lassen und ein Medium quasi nur Passiv zu nutzen. Ihm ausgeliefert zu sein, keinen Einfluß zu haben auf den Inhalt ist eine Einschränkung eine Verkrüppelung. Nach Informations erhalt möchte man darüber diskutieren sich mitteilen, daher schreiben auch immer mehr Gruppen Blogs. Der Effekt ist, das die Menschen sich intensiver mit Informationen auseinandersetzen und eigene Ideen miteinbringen. Jeder ist Produzent und Konsument - alle partizipieren so direkt oder indirekt voneinander. Dies ist eine Art exponentielles Wachstum des Wissens, der Gesellschaft - der Globalen Gesellschaft. Das einzige was dem noch entgegenwirkt: - vorsintflutliche Kapitalismus(Vorschlaghammer Copyrights) - Einzelne Personen welche um Machterhalt ringen und die Zeichen einer neuen Ära nicht sehen - das Potential nicht sehen. - Regierungen welche Ihre Bürger daran hindern sich selbständiger zu machen. Mit freundlichen Grüßen
schlinki, 13.04.2006
4. nachichten im web
Die alten Medien werden verschwinden. www.newsvine.com ist eine Nachrichtenseite, die es richtig macht. Ich mag den Spiegel, aber brauche ich ihn überhaupt noch?
Peter Königsdorfer, 13.04.2006
5.
---Zitat von Spiritogre--- Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. . ---Zitatende--- Es hängt hauptsächlich von der Menge der involvierten Daten ab, wie träge so ein Programm reagiert. Verglichen mit der herkömmlichen Web-Programmierung laufen solche Programme aber immer schneller ab, da Daten per AYAX direkt in das DOM einer bestehende Seite eingelesen werden, statt serverseitig eine neue Seite aufzurufen. Das Problem ist halt, dass solche Scripte nicht pickelhart und zwingend laufen, sie benötigen modernes (und natürlich aktiviertes)JavaScript. Deshalb wende ich solche Scripte nur in Backends an oder als zusätzliche Helferlein, auf die man auch verzichten könnte, ohne die grundlegende Funktionalität einer Seite einzuschränken. mfG Peter
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.