YouTube Ordnung ist der halbe Tod

Hat sich Google mit YouTube ver-kauft? Schon jetzt ist klar, dass es dort nicht weitergehen kann wie bisher. Der Erfolg der Videoseite fordert Opfer. Regeln für die Veröffentlichung werden nötig - doch so etwas hat schon anderen den Spaß und das Geschäft verdorben.

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Im Internet wandern Fans einer Seite blitzschnell ab, sobald sie etwas an ihr stört. Ein Effekt, den auch die Kult-Seite YouTube bald zu spüren bekommen könnte.

Die YouTube-Gründer Steven Chen und Chad Hurley: 1,65 Milliarden Dollar in Aktien für einen Blitzerfolg
REUTERS

Die YouTube-Gründer Steven Chen und Chad Hurley: 1,65 Milliarden Dollar in Aktien für einen Blitzerfolg

Die Website wurde im Februar 2005 gegründet und rasch zu einem Erfolg - obwohl das Konzept eigentlich altbekannt war. YouTube war ein Nachahmer; das gibt es öfter, auch Flickr war ein Nachzügler von Angeboten wie Fotoblog, Photobucket oder Imageshack. Weder Flickr noch YouTube hat das geschadet. YouTubes Angebote sind Witziges und Video-Sharing, und derlei boten zwar auch Services wie Homemovie.com (seit 1999) oder Guba (gegründet 1998). Allerdings mit so geringem Erfolg, dass die Betreiber die Betonung auf andere Services legten. Ab 2001 aber entstanden immer mehr Dienste, bei denen sich Netz-Nutzer mit Wonne zum Narren machten - und den Web-Videoseiten so zum Durchbruch verhalfen.

Warum eigentlich erst dort und dann? Man weiß es nicht. Vermuten kann man aber, dass es neben der technischen Entwicklung einige wenige Web-Ereignisse waren, die den plötzlichen Erfolg von Internet-Videoseiten auslösten. Das Star Wars Kid gehört mit Sicherheit dazu, vor allem aber eine Gestalt, die auch das Gesicht von YouTube im ersten Jahr nachhaltig prägen sollte: Die Rede ist vom unvergessenen Numa-Numa-Sitztänzer Gary Brolsma, dessen Video um die Welt ging.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Auch wenn diese Clips heute noch bei YouTube zu sehen sind und eine anhaltende Nachahmungswelle ausgelöst haben, begann Brolsmas Geschichte doch woanders: Er wurde über Newgrounds.com bekannt, eine von Hunderten Webseiten, die alberne bis obszöne Spielchen und Filmchen sammeln und verteilen, und später vor allem über Albinoblacksheep verbreitet. Heute findet man Brolsma eben bei YouTube - Inhalte sind für Web-Konsumenten nicht an Markennamen gebunden.

Mehr noch: Wenn man heute Menschen danach fragen würde, wo sie das Star Wars Kid oder Gary Brolsma das erste Mal gesehen haben, würden wohl die meisten YouTube antworten. Die ursprünglichen Quellen sind längst vergessen, die Erinnerung an die Inhalte wurde zum nächsten Inhalteträger mitgenommen. Wer erinnert sich heute noch an Hotbot oder Altavista und daran, dass diese Suchmaschinen einst so bekannt wie heute Google waren? Aus den Augen, aus dem Sinn.

Warum aber feiern manche Websites Erfolge, während andere, die genau das gleiche tun, einfach verschwinden? YouTube war nicht zuletzt deshalb attraktiver als die Konkurrenz, weil die Betreiber ihre Nutzer machen ließen, was die wollten. Wo man sich derart kreativ austoben darf, ohne Kleinigkeiten wie Urheberrechte beachten zu müssen, da verweilt man gern: Schnell entstand (und das gelang den Konkurrenten nie) eine echte, lebendige Community. Als die dann auch noch damit begann, per Videoveröffentlichung miteinander zu reden, entstand wirklich etwas völlig Neues, das bis heute Hunderttausende in seinen Bann schlägt.

Duck Dich, YouTube: Jetzt kommen die Anwälte

Der spektakuläre Verkauf an Google für 1,65 Milliarden Dollar könnte sich für den Suchmaschinen-Riesen trotzdem als Fehlinvestition erweisen. Noch ist die Popularität von YouTube ungebrochen. Aber jetzt schon sind Gründe in Sicht, die zu einem Niedergang führen könnten. Denn schon bald hat es sich was mit der Freiheit bei YouTube.

Die Hemdsärmeligkeit, mit der die Nutzer des Dienstes dort Ausschnitte aus geschützten Werken oder gleich ganze Musikclips hinterlegen, war bisher nie YouTubes Problem. Der Dienst schiebt die Verantwortung einfach dem User zu (wie das einst die P2P-Börsen versuchten). Nach dem Verkauf an Google aber dürften nun Urheberrechte-Inhaber ebenso wie parasitär lebende Abmahn-Anwälte vermehrt Ernst machen mit der Sünderhatz im Videoland - schließlich hat der neue Eigner Geld.

Längst gibt es Vereinbarungen, durch die bei YouTube ganz offiziell Musikvideos gezeigt werden. Doch ganz gewöhnliche Musikvideos sind ja nicht das, was bei dem Portal wirklich Spaß macht. Wie wird die Musikbranche künftig mit all den Mash-ups, Parodien und Veräppelungen umgehen, die mit aktueller Musik unterlegt sind? Wie reagiert sie darauf, dass anstelle ihrer Stars augenscheinlich enthirnte Fünfzehnjährige im Playback vor der Kamera herumkaspern?

Für Damien O'Brien und Brian Fitzgerald von der Queensland University of Technology ist die Antwort klar: Sie sehen in all den lustigen bis peinlichen Clips Steilvorlagen für eine klagefreudige Industrie. In einer Studie zum Thema kommen sie zu dem Schluss, dass es gerade die Verwendung von Ausschnitten urheberrechtlichen Materials ist, die für YouTube zum Problem werden dürfte. Immer öfter erhielten YouTube-Nutzer Post von Anwälten.

Spaß beiseite

YouTubes Lizenzen zum Zeigen von Musikvideos sind außerdem an die Auflage gebunden, dass YouTube Filter installiert, die urheberrechtlich geschützte Werke aufspüren und hinauswerfen sollen (das Gleiche gilt für MySpace). An einer fast identischen Auflage vom Mai 2001 war die einst populärste P2P-Börse Napster erstickt - weil sie den Wunsch nicht umsetzen konnte.

Der freie YouTube-Spaß beginnt also schon zu vergehen. Vorletzte Woche strich YouTube auf Drängen japanischer Copyright-Inhaber 29.549 Videos aus dem Angebot. Rund 1000 Sportvideos mussten auf Drängen amerikanischer Rechtehalter dran glauben und am Freitag schließlich auch alle Videos aus Comedy-Central-Quellen: South Park, die Daily Show und Steve Colbert will Comedy Central schließlich selbst im Web vermarkten. Colberts skandalöse George-Bush-Abwatsche beim diesjährigen Korrespondentendinner in Washington gehörte bei YouTube übrigens seit Monaten zu den populärsten Videos überhaupt.

Ordnung heißt Tod

Mehr Klagen und Unterlassungserklärungen dürften folgen, bis auch bei YouTube alles seine Ordnung hat. Das aber dürfte kaum ohne Folgen bleiben: Damien O'Brien und Brian Fitzgerald ziehen aus ihrer Studie den Schluss, dass das Urheberrecht hier neue Kreativiät killt. Der so Web-2.0-typische Mashup, der Mix, das Zitat, das Sample sind zeittypische Merkmale einer Internetkultur, die permanent mit dem starren alten Urheberrecht kollidiert.

Die Rechteinhaber reagieren mit wachsender Aggressivität auf die angebliche Bedrohung aus dem Web. In Deutschland löste kürzlich die Deutsche Fußball-Liga mehr als nur Kopfschütteln aus, als sie bekanntgab, künftig gegen Fans vorgehen zu wollen, die mit Handy oder Digitalknipse selbst aufgenommene Bundesliga-Szenen im Web veröffentlichen.

Besonders bei den populären Communitydiensten haben die Entkernungsarbeiten also längst begonnen. Web 2.0 könnte dadurch mittelfristig zu einer bloßen Erweiterung jener technischen Möglichkeiten herunterkochen, die Webseiten-Betreibern zur Verfügung stehen. Selbst einem am Allgemeinwohl orientierten Projekt wie Wikipedia, das lange in einem weitgehend kritikfreien Raum arbeiten durfte, stutzt der eigene Erfolg so langsam die Flügel: Die Freiheit nimmt ab, wenn man erstgenommen wird.

Geld oder Leben

Statt dessen steigt der Druck, nicht nur seine Nutzerzahlen zu erhöhen, sondern auch echte Umsätze zu generieren. Schnell beginnt da regelmäßig die Diskussion um Quality-Services neben dem eigentlichen Dienst - und auch YouTube ist da keine Ausnahme. Am Mittwoch kündigte YouTube-Chef Chad Hurley in New York an, die Videoplattform ab kommendem Jahr auf das mobile Internet erweitern zu wollen: Die Auslieferung blödeliger YouTube-Videos aufs Handy verspricht erstmals ein konkretes Geschäft zu werden.

Ob sich die Community aber die Vermarktung ehrenamtlich - soll heißen: unentgeltlich - produzierter Beiträge gefallen lässt? Längst haben die besten Videoproduzenten unter ihnen Lunte gerochen: Von YouTube-Konkurrenten wie Revver bestärkt, der Web-Videos mit Werbung verbindet und die Video-Produzenten bezahlt, schließen erste von ihnen regelrechte Verträge ab.

Die deutschen Mentos-Colafontänen-Künstler Fritz Grobe und Stephen Voltz etwa sind die ersten Web-Videoproduzenten, die der neue YouTube-Eigner Google (der selbst ja einen bisher mit YouTube konkurrierenden Web-Videoservice betreibt) für einen Beitrag per Tantieme bezahlen wird. Mehr noch: Google warb sie vom Konkurrenten Revver ab, wo sie schon mit dem ersten Teil Kasse gemacht hatten.

Auf diesem kommerziellen, professionalisierten Web-Videomarkt treten YouTube, Google, Yahoo und was auch immer noch kommen mag aber nicht nur mit Anbietern wie Revver in Konkurrenz, sondern auch und zunehmend mit den Produzenten langer Formate. Disney verteilt zunehmend Videos und Fernsehserien im Web, Warner engagiert sich mit Torrent-basierten Filmdownloaddiensten, und diverse von Ifpi und MPAA in die Legalität geklagte Ex-P2P-Firmen warten nur darauf, dass ihre Technik zum Zuge kommt.

Solange das alles an Zahlungen gebunden ist, braucht es YouTube nicht zu interessieren - das ist ein anderer Markt. Was aber, wenn TV-Sender, Filmproduzenten und Ex-P2P-Firmen entdecken, dass sie Inhalte-Vertrieb per Web auch ganz klassisch durch flankierende Werbung refinanzieren können? Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass die naheliegenden Verdächtigen hier schon etliche sehr konkrete Pläne in der Tasche haben.

Die Community aber, egal ob sie sich nun bei MySpace, YouTube oder in Wiki-Projekten engagiert, wird tun, was sie im Web immer tat: Wenn jemand die Regeln so ändert, dass der Spaß verloren geht, zieht sie weiter. Aus so manchem Web-2.0-Investment von heute wird die Abschreibung von morgen, denn starke, etablierte Marken gibt es praktisch nicht im Web - und Rezepte auch nicht.

Nichts ist in Cyberia flüchtiger als der Erfolg.

Forum - Das Mitmach-Web: Medienrevolution oder Seifenblase?
insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
Spiritogre, 13.04.2006
1.
Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. Aber es ist ein interessantes Modell. Statt sich eine Software zu kaufen kann man z.B. Bildbearbeitung online (kostenlos aber mit Werbebannern auf der Seite) machen. Wichtig für die Zukunft ist eine schnelle Internetverbindung sowohl beim Download als auch beim Upload (da haperts bei den deutschen Angeboten erheblich) sowie natürlich geringe Latenzzeiten. Was die Industrie am Ende daraus macht, sowohl die Anbieter solcher Dienste als auch irgendwann mal die deutschen Internetprovider steht allerdings auf einem anderen Blatt. Etwas Zurückhaltung ist angebracht da die Industrie gerne mal die Chancen überbewertet - falsche Ideen wie kostenpflichtige bzw. zu teure Angebote die keine konkurrenz zu normaler, stationärer Software sind etwa.
SirRobin 13.04.2006
2. Datenschleuder Web 2.0
Jaja, die Interaktivität... da wundert es einen doch, das das Mitmach-Fernsehen nie funktioniert hat... Was aber viel schwerer wiegt bei all der Web 2.0-Nummer: Datensicherheit. Die Idee hinter Ajax und Co. ist ja, dass Nutzer im Browser künftig Anwendungen laufen lassen, die bislang nur auf dem Desktop liefen jetzt online verfügbar sein solle/werden/können... egal. Die Mail Applikation von live.com von MS als Beispiel, die quasi ein Outlook ist oder werden soll. Soweit OK das mit den Mails, aber wer will seine Geschäftsbriefe oder seine Excel-Sachen ONLINE bearbeiten? Da muss die Verbindung schon recht sicher sein und der Server auch, damit solche Anwendungen genutzt werden können. Firmen werden sich nach web 2.0 Bookmarks von Usern die Finger lecken - welch wunderschönes persönliches Nutzerprofil... Perfekt für den nächsten SPAM-Anlauf. Web 2.0 ist keine Spielerei, oder ne "Ich klick mal mit"-Geschichte. Da stehen wichtigen Anwendungen dahinter die noch das eine oder andere zu diskutieren geben werden. Wird spannend werden...
jimKn0pfEnhanced, 13.04.2006
3. Welcome 2 teh future^^
Irgendwann beginnt Jeder selbstständig agierende Mensch sich vom alten TV Medium zu lösen. Statt wie gehabt sich ausschließlich berieseln zu lassen und ein Medium quasi nur Passiv zu nutzen. Ihm ausgeliefert zu sein, keinen Einfluß zu haben auf den Inhalt ist eine Einschränkung eine Verkrüppelung. Nach Informations erhalt möchte man darüber diskutieren sich mitteilen, daher schreiben auch immer mehr Gruppen Blogs. Der Effekt ist, das die Menschen sich intensiver mit Informationen auseinandersetzen und eigene Ideen miteinbringen. Jeder ist Produzent und Konsument - alle partizipieren so direkt oder indirekt voneinander. Dies ist eine Art exponentielles Wachstum des Wissens, der Gesellschaft - der Globalen Gesellschaft. Das einzige was dem noch entgegenwirkt: - vorsintflutliche Kapitalismus(Vorschlaghammer Copyrights) - Einzelne Personen welche um Machterhalt ringen und die Zeichen einer neuen Ära nicht sehen - das Potential nicht sehen. - Regierungen welche Ihre Bürger daran hindern sich selbständiger zu machen. Mit freundlichen Grüßen
schlinki, 13.04.2006
4. nachichten im web
Die alten Medien werden verschwinden. www.newsvine.com ist eine Nachrichtenseite, die es richtig macht. Ich mag den Spiegel, aber brauche ich ihn überhaupt noch?
Peter Königsdorfer, 13.04.2006
5.
---Zitat von Spiritogre--- Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. . ---Zitatende--- Es hängt hauptsächlich von der Menge der involvierten Daten ab, wie träge so ein Programm reagiert. Verglichen mit der herkömmlichen Web-Programmierung laufen solche Programme aber immer schneller ab, da Daten per AYAX direkt in das DOM einer bestehende Seite eingelesen werden, statt serverseitig eine neue Seite aufzurufen. Das Problem ist halt, dass solche Scripte nicht pickelhart und zwingend laufen, sie benötigen modernes (und natürlich aktiviertes)JavaScript. Deshalb wende ich solche Scripte nur in Backends an oder als zusätzliche Helferlein, auf die man auch verzichten könnte, ohne die grundlegende Funktionalität einer Seite einzuschränken. mfG Peter
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