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YouTube-Phänomen HotForWords: "Intelligenz ist sexy!"

Sie ist blond, blauäugig – und clever. Marina Orlova, 27, wurde mit ihrem etymologischen YouTube-Kanal HotForWords zu einer Internet-Berühmtheit. Ihr wichtigstes Kennzeichen: ein sehr tiefes Dekolleté. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt sie, warum sie Sex nutzt, um Bildung zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Frau Orlova, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet Wortursprünge auf YouTube zu erklären?

Orlova: Ich habe zwei Hochschulabschlüsse in Philologie. Als ich vor fünf Jahren als Au-pair in die Vereinigten Staaten kam, habe ich in den ersten Jahren mit einem autistischen Kind gearbeitet. Das hat mich sehr erfüllt. Als der Job vorüber war, hatte ich keine Ahnung, was ich mit mir und meinen Abschlüssen anfangen sollte. Eines Tages im Dezember 2006 hat mir ein Freund eine E-Mail geschickt: "YouTube.com, schau dir das mal an." Das hat alles verändert. Ich beschloss, solche Videos zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Produzieren Sie die alleine?

Orlova: Ich recherchiere die Wortursprünge, schreibe meine Skripte und drehe dann selbst die Videos. Ich glaube, dass die Menschen viel positiver auf Videos reagieren, wenn sie nicht so professionell produziert sind.

SPIEGEL ONLINE: Das "New York Times Magazine" nannte Sie "Sexiest Philologist in the world", "Wired" ernannte Sie zum "World’s Sexiest Geek". Stört Sie das, oder Ihren Freund?

Orlova: Ich finde das eher lustig - "Geek", also Streber, ist ja noch ein netter Ausdruck. Für einen Freund habe ich überhaupt keine Zeit, weil ich eigentlich jeden Tag arbeite. Aber wenn Sie ein paar gute Singles kennen, sagen Sie gern Bescheid!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Orlova: Ich hätte niemals gedacht, dass meine Videos über 131 Millionen Mal gesehen werden! Das entspricht fast der Hälfte der Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika, vollkommen verrückt. Am Anfang wurden meine Videos auch nicht oft angesehen. Als ich zum ersten Mal 1000 Aufrufe hatte, war ich richtig aufgeregt. Sechs Monate später hatte ich 100.000 Aufrufe, und das konnte ich kaum glauben, weil das die Einwohnerzahl der Stadt überschreitet, in der ich geboren wurde.

SPIEGEL ONLINE: Der Verdacht liegt nahe, dass Ihr sexy Auftreten Kalkül ist, dass Sie versuchen, auf diese Weise prominent zu werden.

Orlova: Heutzutage wäre es sicherlich nicht einfach, so viele Menschen zu finden, die sich für Philologie und Etymologie interessieren. Also habe ich beschlossen, ihre Aufmerksamkeit mit meinem Aussehen zu wecken. Wenn sie dann meine Videos anklicken, lernen sie etwas und interessieren sich plötzlich auch für Etymologie. Diese Herangehensweise ist eine Mischung aus locken und bekehren und scheint gut zu funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht merkwürdig, dass Sie als Russin englische Muttersprachler über deren Sprache belehren?

Orlova: Oberflächlich gesehen mag das komisch sein. Aber da die meisten erklärten Wörter ihre Wurzeln im Griechischen oder Latein haben, profitieren Menschen aus anderen Ländern genauso von meinem Unterricht. Also unterrichte ich nicht wirklich Englisch, ich finde einfach die Geschichte hinter den Wörtern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie kein Problem damit, wenn Ihre "Schüler" Ihnen anzügliche Fragen schicken oder nur ihr Äußeres kommentieren?

Orlova: Wenn man im Internet erfolgreich ist, bekommt man eine Menge an sexuell orientierten oder manchmal auch hasserfüllten Kommentaren. Schon deshalb, weil die Menschen anonym schreiben können. Man lernt, das zu ignorieren und seinen Fokus einfach auf die positiven und konstruktiven Kommentare zu lenken.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sollen Sie eine Fernsehsendung planen und an einem Buch schreiben...

Orlova: Das stimmt. Ich weiß zwar noch nicht, wie das Buch heißen wird, aber wahrscheinlich wird HotForWords darin vorkommen. Ich veröffentliche es bei HarperCollins. Es wird ein lustiges und buntes Buch, mit 80 Fotos von mir und 80 witzigen Wortursprüngen und ein paar Rätseln. Über die TV-Show kann ich noch nichts Genaues sagen, wir arbeiten noch an den Details.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie sich in einem Jahr?

Orlova: Dann mache ich genau das, was ich jetzt mache! Ich tue es gern und würde YouTube niemals verlassen. Nicht mal, wenn ich eine TV-Show habe. Ich mag die Interaktion, die ich jeden Tag durch das Internet erfahre. Und noch dazu würde ich YouTube auch nutzen, um für meine TV-Show zu werben. Alles entwickelt sich in Richtung Internet, ich bin da schon an der richtigen Stelle.

Das Interview führte Anne Backhaus

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